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Schiffahrt Die Colombo Express ist Weltmeister der Meere

12.04.2005 ·  8750 Container kann die Colombo Express laden. Ihre Aufbauten überragen ein zwanzigstöckiges Hochhaus. Sie mißt 335 Meter - der Eiffelturm, liegend, würde dahinter verschwinden. Hapag-Lloyd tauft das größte Containerschiff in Singapur.

Von Christoph Hein
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An seinem Champagner kann Ralf Kühne am Montag nachmittag nur nippen. Dabei hätte er Grund genug gehabt, nach allen Regeln der Kunst anzustoßen. Vier Monate hat der Leitende Ingenieur inzwischen auf der "Colombo Express" zugebracht - er hat die Schlußphase des Baus des größten Containerschiffs der Welt bei Hyundai Heavy Industries im südkoreanischen Ulsan überwacht und betreut nun dessen Jungfernfahrt nach Hamburg.

Am Montag nachmittag liegt der Riese am Kai in Singapur vertäut, geschmückt wie ein Pfingstochse vor dem Festmahl, und wartet auf seine Taufe. Um 16.30 Uhr zerspringt die Champagnerflasche am Schiffsbug. Um 20 Uhr, als die geladenen Gäste sich gerade über den zweiten Gang des Festmenüs im altehrwürdigen Singapurer Raffles Hotel hermachen, ist der Alltag an Bord längst wieder eingekehrt. Die Feier ist Vergangenheit, der Riese der Meere legt ab gen Southampton. Zeit ist Geld.

Die Reeder schwimmen im Glück

Um Geld braucht sich Michael Behrendt indes kaum Sorgen zu machen. Den Asiaten sei Dank - fließt es zur Zeit nur so in seine Kasse. Zwar tritt der Vorstandsvorsitzende der Hapag-Lloyd AG mit seiner blaßblauen Pinguin-Krawatte hanseatisch unterkühlt auch im tropischen Singapur auf. Doch kann sich der Chef der größten deutschen Reederei und Eigner der "Colombo Express" das Lächeln nicht verkneifen, als er über die Aussichten seiner Branche spricht: "Wir fühlen uns von all den Warnungen, die sich auf China beziehen, wenig betroffen. Wir transportieren vor allem Konsumprodukte wie zum Beispiel Fernseher, Möbel, Kleidung. Die aber werden auch in Zukunft in China gefertigt. Die Unternehmen in Europa und Amerika können sich gar nicht mehr aus China zurückziehen, und damit wird unser Geschäft in Fernost weiter wachsen."

Genug der Schwärmerei, norddeutsche Nüchternheit gewinnt wieder die Oberhand: Das Unternehmen rechne bis 2010 mit einem jährlichen Wachstum zwischen 10 und 15 Prozent, vielleicht sogar 18 Prozent. Die Reeder schwimmen derzeit förmlich im Glück.

Wenige Wochen die Nummer eins

Schon wendet sich der Blick auf weitere Wachstumsmärkte der Region, wie etwa Vietnam oder noch in kleinerem Maßstab Indien. Schon heute macht der Asien-Verkehr den Löwenanteil am Gesamtgeschäft von Hapag-Lloyd aus (F.A.Z vom 6. April). "Im vergangenen Jahr konnten wir erstmals die Hürde von einer Million 20-Fuß-Container im Asien-Verkehr nehmen", sagt Adolf Adrion, zuständig für das Containergeschäft bei Hapag-Lloyd. Im Vergleich zum Vorjahr bauten die Hamburger ihr Volumen um gut 16 Prozent aus. Damit rangiert das Tochterunternehmen des TUI-Konzerns an sechster Stelle der großen Containerlinien im Wachstumsmarkt Asien. "Größe ist doch nicht das entscheidende Kriterium eines Unternehmens", sagt Behrendt. "Was zählt, ist die Profitabilität." Und da, so meint er, könne niemand Hapag-Lloyd etwas vormachen. Grund sei unter anderem die konsequente Investition in ein Logistiksystem. Das ist notwendig, um die leidige Zahl der Leertransporte von Containern soweit wie möglich zu verringern. Da viel mehr Waren in Asien bestellt als in die Region geliefert werden, müssen die Schiffe zunehmend mehr Stahlboxen leer nach Schanghai, Hongkong oder Singapur bringen. Drei Millionen Leercontainer dürften es in diesem Jahr werden, schätzen die Fachleute aus der Branche. Ein leerer Container aber kostet Geld - diese Binsenweisheit hat Hapag-Lloyd früh zum Aufrüsten der Logistik getrieben.

Auch in puncto Schiffsgröße kann keiner mit den Hamburger Reedern mithalten; zumindest für die nächsten Wochen. Dann wird ein neues Rekordschiff der Konkurrenz auftauchen, bis dahin aber ist die "Colombo Express" die Nummer eins. Mehr als 100 Millionen Dollar hat sie gekostet. Weitere neun Schiffe wird Hapag-Lloyd in den nächsten drei Jahren in Empfang nehmen, davon sieben als Schwesterschiffe gleicher Größe. Die Flotte wächst auf 61 Schiffe, ihre Transportkapazität steigt um fast 90.000 Container. "Wir brauchen die großen Schiffe, um das Volumen zu bewältigen und die Vorteile aus dem Massentransport zu heben", sagt Michael Behrendt.

Fünf Kilometer Bremsweg

Deshalb ist die "Colombo Express" der Weltmeister dieser Wochen. 8750 Container kann sie laden, 17 Reihen hoch und 17 Reihen breit. Ihre Aufbauten überragen ein zwanzigstöckiges Hochhaus. Sie mißt 335 Meter - der Eiffelturm, liegend, würde dahinter verschwinden. Auf der Brücke erzählt Kapitän Nikola Benac, daß die neuen Bordcomputer jede halbe Minute 7.000 Daten abfragten. Die Brücke ist riesig, viele Menschen aber werden hier oben nicht arbeiten. Der Kapitän hat sein Dienstzimmer weit unten im Schiff, die Bullaugen dort öffnen den Blick nicht auf das Blau der See, sondern auf die Stahlwände der Container. Drei Navigationssysteme stehen den Steuerleuten zur Verfügung.

Die elektronische Seefahrt findet ihren Ausdruck ausgerechnet im symbolträchtigsten Teil an Bord: dem Steuerrad. Kurbelten die Vorfahren von Kapitän Benac noch mannshohe Holzräder, reicht hier ein tellergroßes Plastikrad, um den Koloß zu lenken. Der Bremsweg ist lang: Gut 5 Kilometer braucht die "Colombo Express", will sie aus voller Fahrt zum Stehen kommen.

26.250 Liter Treibstoff auf einhundert Kilometer

Auch die Mannschaft muß nicht darben. Ein Swimmingpool wird mit Seewasser gefüllt. "Wir können es aber erwärmen", sagt Ingenieur Kühne. Von der Wand des kleinen Sportstudios lächelt Marilyn Monroe, und wären nicht überall an den Wänden Halteleinen fürs Kiefernholz-Mobiliar montiert, würden die Offiziersräume auch einem Novotel alle Ehre machen. "Wir haben auch auf den anderen Schiffen gut leben können, aber hier ist die Ausstattung wirklich gut", sagt Kühne. Dabei sind nur noch 23 Mann notwendig, um das Schiff mit seiner Länge von drei Fußballfeldern über die Weltmeere zu steuern. "Wir dürfen auch Ehefrauen oder Kinder auf eine Reise mitnehmen", erzählt Kühne.

Die werden sich wohl höchstens einmal in den Bauch des Schiffes wagen, Kühnes eigentliches Reich. Verglichen mit den Temperaturen hier unten, ist es im tropischen Singapur angenehm kühl, die MAN-Maschine von der Größe eines Einfamilienhauses mit ihren gut 93.000 PS bringt das Ungetüm auf 25 Knoten (etwa 50 Stundenkilometer) Fahrt. Ähnlich wie Porsche-Chef Wendelin Wiedeking für seine Boliden bricht auch die Schiffsbranche ihren Treibstoffverbrauch gerne herunter. Bei Hapag-Lloyd lautet die Rechnung wie folgt: Je Container braucht die "Colombo Express" etwa 3 Liter "Bunker", wie der minderwertige Schiffsdiesel heißt. Das sind 26.250 Liter Treibstoff auf einhundert Kilometer. "Immerhin konnten wir dnk der besseren Technik den Verbrauch um 2 Prozent senken", sagt Adrion.

Quelle: F.A.Z., 12.04.2005, Nr. 84 / Seite 24
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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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