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Schaeffler-Boss Jürgen Geißinger Der Waghalsige

 ·  Jürgen Geißinger leitet die Schaeffler-Gruppe. Seine Vita beeindruckt. Was aber, fragen viele, hat ihn geritten, die Übernahme eines drei Mal größeren und börsennotierten Unternehmens namens Continental einzufädeln?

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Ist es schlicht Fehleinschätzung und unbändiger Übermut, den Jürgen Geißinger getrieben hat? Es fällt schwer, ihm Realitätsferne vorzuwerfen, angesichts seiner Erfolge und seiner Vita. Zu professionell und perfektionistisch versucht der Vorsitzende der Geschäftsführung der Schaeffler KG zu agieren, will er etwas durchsetzen. Das mussten schon viele Gesprächs- und Geschäftspartner erleben. Was aber, fragen viele, hat ihn geritten, mit die Übernahme eines drei Mal größeren und börsennotierten Unternehmens namens Continental einzufädeln?

Übermut und ausgeprägtes Selbstbewusstsein ist dem operativen Chef des nun schwer angeschlagenen und um Staatshilfe bittenden Automobilzulieferers aus Herzogenaurach seit der erfolgreichen feindlichen Übernahme des Konkurrenten FAG eigen. Die ging nicht unbedingt reibungslos über die Bühne, hat aber am Ende auf ganzer Linie geklappt. Der Schwabe, der im November 1998 beruflich ins Frankenland gezogen ist, hat im Jahr 2001 diese Übernahme eingefädelt - gegen den Widerstand von Vorstand und von Aktionären der FAG.

Wer die treibende Kraft war, ist schwer zu durchschauen

Geißinger hat sich schon oft durchgesetzt, selbst wenn es um die Einführung der 40-Stunden-Woche ging. Also muss sich das doch wiederholen lassen. Um Schaeffler, bislang Hersteller von Kugel- und Wälzlagern, auf die neuen Herausforderungen in der Automobilindustrie auszurichten, kann der Erwerb von Conti helfen.

Doch die FAG-Blaupause war nicht einfach zu übertragen. Dem Ingenieur wird nachgesagt, das Geschäft maßgeblich eingefädelt und vorbereitet zu haben. Ihm allein die Verantwortung auch für die nun unzureichende Krisenbewältigung zuzuschreiben, wäre aber falsch. Von außen betrachtet, ist nämlich kaum zu erkennen, wer im vergangenen Jahr treibende Kraft beim Angriff auf den Hannoverschen Autozulieferer war und das Heft in der Hand hielt - die milliardenschwere Eigentümerin Maria-Elisabeth Schaeffler oder ihr wichtigster Manager.

Wer beide zusammen erlebt, stellt fest: Schaeffler ist alles andere als die reiche Erbin eines Milliardenunternehmens, die ihrem Geschäftsführer freie Hand lässt. Eher drängt sich der Vergleich mit Liz Mohn auf, der energischen Patriarchin, die beim Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann die Fäden zieht. Schaeffler, eine elegante ältere Dame, versteht es, charmanten freundlichen Small-Talk zu treiben.

Bodenständigkeit versus Münchner Schickeria

Wird das Gespräch aber auf das Geschäft gelenkt, schaltet sie blitzschnell um. Sehr klar und sehr bestimmt wird die Milliardärin dann. Das passt zu Geißinger. Er ist alles andere als ein willfähriger Vollstrecker, der die Vorgaben von Eigentümerin Schaeffler nur ausführt, auch wenn er in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich hinter ihr zurücktritt: An Selbstbewusstsein fehlt es ihm nicht. Der 49 Jahre alte Schwabe wirkt direkter, undiplomatischer, härter. Beide spielen sich gegenseitig die Bälle zu. Vielleicht hat Geißinger die Vorgehensweise und auch die von Anfang an enge Finanzierung der 10 Milliarden Euro teuren Übernahme konzipiert, aber immer im engen Einvernehmen mit Schaeffler.

Geißinger stammt aus dem Remstal bei Stuttgart. Das hört man ihm auch deutlich an. Schaeffler ist Teil der Münchner Schickeria. Er hat früher in seiner Freizeit eine Handballmannschaft trainiert. Bodenständig wirkt Geißinger und noch heute kann man sich den promovierten Maschinenbauingenieur am Samstagnachmittag im Vereinsheim sehr gut vorstellen, aber kaum im Prominentenrestaurant in Kitzbühel.

Trotzdem hat Maria-Elisabeth Schaeffler schnell die Qualitäten erkannt, weshalb sie Geißinger gern eingestellt hatte, der vom amerikanischen Konzern ITT kam. Trotz aller Unterschiede ist das Verhältnis eng und gut. Von professioneller Symbiose ist die Rede. Die Büros auf der Chefetage der Schaeffler-Hauptverwaltung in Herzogenaurach liegen nur ein paar Türen auseinander. Sie sei jeden Tag im Büro, sagt die Unternehmerin. Und auch jetzt, da die Existenz der ganzen Gruppe auf dem Spiel steht, wollen sich die beiden nicht auseinanderdividieren lassen. Bisher jedenfalls. "Wenn wir uns einig sind, dann sind wir uns einig", sagt Geißinger dazu nur lakonisch.

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Jahrgang 1958, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

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