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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sarah Wiener im Interview „Wir sind alle kleine Diven“

 ·  Die Zeit der Braten und kamerabegleiteten Festtagsmenüs ist jetzt fast vorüber. Eine Krisenzeit für Fernsehköche? Sarah Wiener spricht mit der F.A.Z. über das Geschäftsmodell Fernsehkoch, Machos in der Küche und Werbung für Fertigsuppen.

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Die Zeit der Braten und kamerabegleiteten Festtagsmenüs ist jetzt fast vorüber. Eine Krisenzeit für Fernsehköche? Sarah Wiener sprach mit der F.A.Z. über das Geschäftsmodell Fernsehkoch, Machos in der Küche und Werbung für Fertigsuppen.

Frau Wiener, können Sie gut kochen?

Ich würde sagen, ja. Mir hat es meistens geschmeckt. Außerdem habe ich in den ersten sieben Jahren meiner Laufbahn Tausende Leute allein bekocht. Und die waren zufrieden, mindestens.

Warum haben Sie dann keinen Stern?

Kann nur jemand gut kochen, der einen Stern hat? Einen Stern haben zu wollen bedeutet, sich Gastrokritikern und ihren Regeln zu unterwerfen.

Sind das harte Regeln?

Es sind auf jeden Fall Regeln, die auch nicht genau definiert sind. Das Ambiente und der Weinkeller spielen eine erhebliche Rolle.

Das klingt doch nicht so schlimm.

Mag sein. Aber ich will nach meinen eigenen Regeln kochen.

Sind Sie Köchin oder Unternehmerin?

Unternehmerin und Köchin. Ich habe eine Firma mit 100 Beschäftigten aufgebaut. Kochen war mein Vehikel. Ich war nie eine reinblütige Köchin, die sich einen Job sucht, in dem sie kochen darf und alles vergisst. Ich wollte mein Ding machen und nicht abhängig sein.

Als Angestellte sind Sie ungeeignet?

Absolut. Manchen Menschen ist es verwehrt, Beamter auf Lebenszeit zu sein. Ich würde mich eindeutig dazuzählen.

Seit wann wissen Sie, dass Sie Unternehmerin sind?

Ich musste vor 15, 16 Jahren mal einen Visumantrag für China ausfüllen. Auf die Frage nach dem Beruf fiel mir die Antwort schwer. Gelernte Köchin bin ich nicht. Ich habe Unternehmerin geschrieben. Und das hat mir gefallen.

Wie viel Geld verdienen Sie mit Ihren Restaurants und Ihrem Partyservice?

So viel, dass ich die Firma nicht aufgeben muss. Aber es ist auch hart.

Wieso? Allein wegen Ihrer Bekanntheit müssten die Lokale ausgebucht sein.

Damit implizieren Sie, dass meine Restaurants früher nicht funktionierten, als ich noch nicht bekannt war als Medienköchin. Das ist falsch. Aber natürlich kommen jetzt auch Gäste zum Sarah-Wiener-Seeing.

Medienkoch? Was ist das?

Ein Koch, der in den Medien herumtanzt. Ich schätze 50 bis 60 sind es im deutschsprachigen Raum.

Ich kenne höchstens zehn.

Es ist wie beim Fußball. Es gibt die Kollegen in der Champions League, die am Tabellenende und die zweite Liga - und die in der Kreisliga: eventuell großartige Talente, aber im falschen Club.

Die Champions League kocht in der Johannes-B.-Kerner-Show.

Zum Kerner-Pool gehören 15 bis 20 Köche, zur Topliga gehören davon eine gute Handvoll.

Können Sie Namen nennen?

Johann Lafer, Alfons Schuhbeck, Tim Mälzer, Ralf Zacherl zum Beispiel. Jetzt habe ich bestimmt jemanden vergessen, der mir das übelnimmt.

Sie haben Sarah Wiener vergessen.

Das haben jetzt Sie gesagt.

Was müssen Medienköche können?

Das Publikum muss sie wiedererkennen. Dafür sollten sie Charisma haben und gut reden können. Die Medienköche der zweiten Liga verstehen ihr Handwerk und sind smart, aber man erinnert sich schwer: Sie bleiben blasser. Manche wollen aber gar nicht so präsent sein. Die Erfolgreichsten dagegen sind alle kleine Diven, die Jungs. Manchmal mehr als ich.

Auf gutes Kochen kommt es nicht an?

Doch, natürlich! Aber es reicht nicht. Und bestimmt gibt es Köche da draußen, die das Handwerk besser beherrschen.

Jeder Medienkoch muss ein Kochbuch schreiben, oder?

Nein. Müssen gar nicht. Aber es ist geschäftlich angesagt. Ja. Und es befriedigt unsere Eitelkeit. Zudem hilft es zur Schärfung des Markenprofils, wenn es gut gemacht ist. Und Knete gibt es ja auch dafür.

Sind denn Medienköche Marken?

Manche. Jeder bedient sein eigenes Publikum.

Können wir die Kollegen daraufhin einmal durchdeklinieren?

Versuchen wir es.

Tim Mälzer ist der Macho, der unerschrocken die Küche erobert und entzaubert.

Ja, er spielt mit dem Thema Mann, obwohl er in Wirklichkeit weniger Machoallüren hat als so manche ältere Kollegen. Mälzer ist ein Phänomen, die Nummer eins. Ich habe höchsten Respekt vor seiner Medienleistung. Er bleibt authentisch.

Und Johann Lafer?

Der bienenfleißige Perfektionist.

Und Sarah Wiener?

Ich habe Glück, dass ich eine Frau bin. Das unterscheidet mich schon einmal. Ich hatte schon ein Unternehmen, bevor ich ins Fernsehen kam. Das gibt mir Unabhängigkeit, und das spürt man, hoffe ich.

Sie wollen nicht sagen, dass Sie in die Öffentlichkeit geschubst wurden?

Nein, gar nicht. Ich mache das sehr gerne. Aber ich habe mich nicht drum reißen müssen. Außerdem stehe ich für gutes Essen aus besten Zutaten. Kein Fleisch aus Massentierhaltung, keine Gentechnik. Kein Schnickschnack. Solide authentische Küche.

Kochsendungen sind ein verrücktes Format. Das wichtigste Sinnesorgan fürs Essen, der Geschmack, bleibt ausgeblendet. Woher also kommt die Beliebtheit?

Die Frage müsste besser lauten: Warum sind Kochsendungen gerade jetzt so beliebt?

Und warum?

Die alten Fernsehköche pflegten die Unnahbarkeit von Spezialisten. Das war ein Thema für ein paar Eingeschworene. Wir Medienköche dagegen haben das Kochen vom Podest geholt und menschlicher gemacht. Das neue Motto ist: Ich koche, wie ich bin. Und noch etwas ist wichtig: Wir sind mehrere, wir stehen im Wettstreit und im Austausch.

Jeder Zuschauer findet einen Koch, mit dem er sich identifizieren kann, und andere, an denen er sich reibt?

Genau. Purer Zufall, aber marketingmäßig klasse. Wer mich für eine blöde Emanze oder Ökotante hält, kann sich immer noch mit Johann Lafer oder Schuhbeck anfreunden. Kerners Kochshow ist wirklich aus reinem Zufall entstanden. Wir kochen live. Fehler können nicht herausgeschnitten werden. Und den Max-Inzinger-Spruch: "Ich habe da schon mal etwas vorbereitet" gibt es bei uns nicht.

Heftige Kritik an den Gerichten wird unter Kollegen aber nicht geübt.

Halt. Ich sage doch meist die Wahrheit. Schon in der ersten Sendung sagte ich: grauslig, ungenießbar. Das war naiv. Dabei wollte ich niemanden ärgern. Man bekommt es ja zurück. Im Großen und Ganzen bekommt der Zuschauer aber schon einen guten Eindruck. Und vergessen wir nicht: Es ist eine Unterhaltungsshow und kein Krieg!

Aber wichtiger als Geschmack ist das gute Aussehen der Gerichte.

Beides muss stimmen. Es gibt Kollegen, die in ihren Küchen Fernsehkameras installiert haben, um die optische Wirkung ihrer Gerichte zu testen und zu verbessern.

Warum wird Kochen interessant für Menschen, die nie kochen?

Gerade weil sie es nicht mehr können. Die Leute schauen Profis gerne zu. Sie bleiben an Baustellen stehen und beobachten die Bauarbeiter. Zudem hat Kochen eine gewisse Leichtigkeit. Und schließlich ist das Kochen mit einer sterbenden Welt verknüpft, mit Familienritualen am Esstisch, mit Gemeinschaft. Es ist ein Stück Nostalgie.

Kann man Nostalgie nicht auch aus einer Fertigsuppe zaubern?

Niemals. Ich esse nichts, was vier Jahre haltbar ist.

Mancher Fernsehkoch macht Werbung für Fertigprodukte.

Das ist mir rätselhaft.

Vielleicht, weil die Kollegen jung sind und Geld brauchen. Sie selbst haben im Supermarkt geklaut, als Sie jung waren.

Essen klauen ist schlimmer, als für Fertigsuppen werben? Bei mir war es so, dass ich wirklich Hunger hatte. Viele Menschen haben das Schmecken verlernt, und dazu haben Fertigsuppen beigetragen. Es gibt einen schlimmen Trend zur Normierung des Geschmackserlebnisses. 300 bis 400 Aromakomponenten ergeben den Geschmack eines Brathuhns. Die Industrie baut ein Brathuhnaroma mit sechs Aromakomponenten nach. Vielfalt geht verloren.

Wovon reden Sie? Die Feinkostabteilungen der Kaufhäuser sind doch an Vielfalt kaum noch zu überbieten.

Lassen Sie sich nichts vorgaukeln. Die zehn verschiedenen Erdbeerjoghurts dort haben ihren Geschmack vom gleichen Aromastoff, der auf Sägespänen gewachsen ist. Der Unterschied ist die Fruchtzuckermenge oder etwas mehr Zitronensäure. Alte Erdbeersorten kriegen sie kaum noch.

Früher war natürlich alles besser.

Nein, es war schlechter. Aber so, wie es jetzt ist, ist es nicht gut.

Okay. Was gibt es bei Ihnen Silvester?

Ich kann nur sagen, was es nicht gibt: Zander mit kross gebratener Haut, Kartoffelpüree mit künstlichem Trüffelöl und ein Tomaten-Cappuccino oder einen anderen Suppenschaum.

Warum nicht?

Ich kann es nicht mehr sehen. Bei mir wird es vor allem Flüssiges geben: Ganz sicher Naturprodukte!

Das Gespräch führte Winand von Petersdorff.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.12.2007, Nr. 52 / Seite 37
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)

Gähn... 
(ramarama) - 01.01.2008, 22:00 Uhr

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Irrweg der Mieterlobby

Von Joachim Jahn, Berlin

Die Politik verteuert Wohnen und Wohnungsbau. Mieterbund, Studentenwerk und ihnen nahestehende Parteien gehen genau den falschen Weg, wenn sie nun noch mehr Restriktionen fordern. Mehr 2 7

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