08.02.2010 · Der SAP-Gründer fürchtet um sein Lebenswerk und trennt sich deshalb von dem glücklosen Vorstandssprecher Léo Apotheker. SAP wird künftig wieder von einer Doppelspitze geführt. Der Konzern hat früher schon Erfahrungen mit Führungsduos gemacht, aber unter ganz anderen Vorzeichen.
Von Bernd FreytagWenn ein Unternehmer Jahre nach der Unternehmensgründung wieder ins operative Geschäft eingreift, ist etwas schief gelaufen. Das gilt umso mehr, je größer das Unternehmen ist. Wenn also der 66 Jahre alte SAP-Mitbegründer und Aufsichtsratchef Hasso Plattner den Vorstandschef Knall auf Fall entlässt und „weiterhin eine starke Rolle spielen will, um die neue Führung in Fragen der Technologie und der Produktentwicklung zu beraten“, dann zeigt das überdeutlich: SAP ist auch 37 Jahre nach der Gründung auf die Gründer angewiesen. Mit anderen Worten: das Unternehmen, das jahrelang zum beliebtesten Arbeitgeber Deutschlands gewählt wurde, hat ein Führungsproblem.
Nach dem Rücktritt von Léo Apotheker kehrt SAP nach Plattner Worten zu einer Doppelspitze „zurück“. Künftig sollen der 45 Jahre alte Däne Jim Hagemann Snabe und der 48 Jahre alte Amerikaner Bill McDermot das Unternehmen als gleichberechtigte Vorstandssprecher führen. Von einer Rückkehr zur alten Doppelspitze freilich kann kaum die Rede sein. Der Konzern hat zwar Erfahrungen mit Führungsduos gemacht, aber unter ganz anderen Vorzeichen. Von 1998 bis 2003 liefen Hasso Plattner und Henning Kagermann parallel, um den geräuschlosen Übergang von einem gründergeführten zu einem Management-Unternehmen zu erreichen. Klares Ziel war die alleinige Führung von Kagermann.
Später „begleitete“ der bei Kunden und Mitarbeitern gleichermaßen geschätzte Kagermann zwar seinen designierten Nachfolger Apotheker, das allerdings war schon eine deutliche Misstrauensbekundung der Gründer. Nach nicht einmal einem Jahr an der Unternehmensspitze hat er nun das Handtuch geworfen. Der 56 Jahre alte erfolgreiche Vertriebsmann ist im „People's Business“ Software an den Menschen gescheitert. Die Kunden brachte er mit höheren Wartungspreisen gegen sich auf, die verwöhnten Mitarbeiter mit Stellenstreichungen und Sparrunden. Vor allem das „Wie“ war sein Problem. Apotheker ist nicht über seine angestammte Rolle des hemdsärmlichen Vertrieblers hinausgewachsen. Menschen begeistern war seine Sache nicht. Schon seiner Inthronisation fehlte der Glanz. Schließlich war klar, dass Plattner schon damals am liebsten seinen Ziehsohn Shai Agassi auf den Schild gehoben hätte. Die Skepsis, vor allem von Mitbegründer Dietmar Hopp aber, einen Konzern in so junge unerfahrene Hände zu legen, überwog. So verließ das „IT-Wunderkind“ den Konzern.
Die Widerstände gegen Apotheker auf Gründerseite waren offenbar einhellig. Die Ablehnung bei Kunden und bei den Entwicklern wurde einfach zu groß. Vergange Woche, als die Ergebnisse einer Mitarbeiterbefragung veröffentlicht wurden, lief das Fass über. Das Urteil über den Vorstand war miserabel. Vor allem die Entwickler zeigten sich unzufrieden. Mit einer murrenden Entwicklertruppe aber setzt der Konzern seine Zukunft aufs Spiel, das konnte Plattner nicht akzeptieren. Am Wochenende trennte sich der SAP-Mitbegründer nach 22 Jahren von seinem Mitarbeiter Nummer 3892.
Plattner ist seit 2003 Aufsichtsratchef, und er ist der einzige seiner Weggefährten, der noch aktiv im Unternehmen arbeitet. Zusammen mit Klaus Tschira und Dietmar Hopp kontrolliert er noch rund 27 Prozent der Aktien. Während sich seine Mitstreiter auf anderen Gebieten profilieren, ist Plattner der Branche treu geblieben. Mit dreistelligen Millionenbeträgen hat er das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam zur Kaderschmiede der deutschen IT-Elite aufgebaut. Keiner der Gründer ist so oft im Silicon Valley wie er. Legendär sind seine Segelregatten und verbalen Auseinandersetzungen mit dem exzentrischen Gründer und Chef des Erzrivalen Oracle Larry Ellison. Plattner ist nicht müde. Im Gegenteil: Das Gespür für Veränderungen, mit dem er den Konzern ein ums andere mal aus der Sackgasse geführt hat, ist ungebrochen. Zumal jetzt, wo es ihm vorkommen musste, als komme sein ganzes Lebenswerk in Gefahr. Es gelte nun, das Vertrauen zwischen Kunden, Mitarbeitern und Aktionären wieder herzustellen, sagte er. Größer kann ein Misstrauensbeweis für einen Vorstand kaum sein.
Nun versucht SAP die Quadratur des Kreises. Weil sich offenbar niemand findet, der Kunden und Entwickler gleichermaßen begeistert, wählt der Konzern das Doppel. Plattner verteidigt die Lösung: Nicht nur SAP auch Microsoft und Oracle hätten ihre besten Zeiten unter einer Doppelspitze erlebt. Für eine Charmeoffensive taugen jedenfalls beide Neulinge. Jim Hagemann Snabe ist Däne, neben seiner Muttersprache spricht er Französisch, Englisch, Schwedisch und Deutsch, und er arbeitet bereits seit 20 Jahren für SAP. Snabe ist so etwas wie der junge Henning Kagermann, ein leiser Vertreter seiner Zunft und in Zukunft wohl Statthalter am Hauptsitz Walldorf - nicht nur wegen seiner Sprachkenntnisse. Dort verbringt er nach Angaben des Unternehmens schon heute einen Großteil seiner Arbeitszeit. Von hier aus koordiniert er rund 4000 SAP-Produktentwickler an mehr als 30 Standorten. Snabe versteht sich als Weltbürger. Momentan wohnt er in Kopenhagen, aber er ist häufig zwischen den Entwicklungszentren unterwegs. „Wenn mich jemand fragt, wo mein Hauptstandort ist, antworte ich: Lufthansa, Platz 28“, hat er mal gesagt. Er ist Mathematiker auch darin dem Physiker Henning Kagermann nah. Seit Juli 2008 verantwortet er im Vorstand die gesamte Produktentwicklung der SAP Business Suite und der SAP NetWeaver Plattform. Zuvor war er unter anderem Geschäftsführer für Nordeuropa.
Snabes Pendant Bill McDermott ist 48 Jahre alt, ein smarter Amerikaner, wie gemacht für die Rolle eines gereiften Hollywood-Helden. Verbindlich, freundlich, einer, der nach freier Rede kurz die Faust ballt und die Augen zukneift, um seinem Publikum Zuversicht zu vermitteln. McDermott hat seine Sporen als Vertriebschef in Amerika verdient. Nachdem ihn SAP 2002 vom Konkurrenten Siebel abgeworben hatte, wuchs die Landesgesellschaft rasant. In seine Zeit fällt allerdings auch der bis dato noch nicht aufgearbeitete Datenklau-Vorwurf der Tochtergesellschaft Tomorrow Now. Seit Juli 2008 trägt er die Verantwortung für den globalen Vertrieb.
Mit McDermott und Snabe wird die SAP-Führung noch internationaler. Neben diesen beiden und dem neu in den Vorstand berufenen Inder Vishal Sikka betreut der Amerikaner John Schwarz die übernommene französische Business Objects. Werner Brandt kümmert sich weiter um die Finanzen, als zweiter Deutscher verantwortet Gerhard Oswald den globalen Service
Bernd Freytag Jahrgang 1967, Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.
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