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Saarland Villeroy & Boch droht mit Umzug

03.09.2009 ·  Der Keramikhersteller Villeroy & Boch ist eine Institution im Saarland. Nun droht Aufsichtsratchef Wendelin von Boch mit einem Umzug nach Luxemburg, falls es im Saarland zu einer rot-rot-grünen Machtübernahme kommt. Porträt eines Patriarchen.

Von Bernd Freytag
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Dass Wendelin Franz Egon Luitwinus Maria von Boch-Galhau einmal der Tradition seines Namens gerecht werden würde und das Ansehen der Familie mehren und Villeroy & Boch auf einen guten Weg bringen könnte, das war in seiner Kindheit nicht zu erwarten. Wiewohl sich in seinem Geburtszimmer in der alten Benediktinerabtei in Mettlach heute sogar das Büro des Vorstandsvorsitzenden befindet, deutete zu Beginn nichts auf eine Karriere in dem 260 Jahre alten saarländischen Traditionsunternehmen hin.

Im Gegenteil: Der Junge war wild; von einem guten halben Dutzend Internaten musste man ihn wieder abholen, überall eckte er an. „An der strengen Schulung der Jesuiten, ja Indoktrinierung, wurde man entweder gebrochen, oder man ging gestärkt daraus hervor“, resümierte er später. „Ich denke, es hat mich stärker gemacht im Widerstand gegen Obrigkeit und Pressionen, denen man ja im beruflichen Alltag immer wieder ausgesetzt ist“, schreibt er in seinem Buch „Globalisierung mit Tradition“.

Im WG-Zimmer mit Andreas Baader

Kraft aus seiner jesuitischen Bildung benötigte er dennoch, besonders als er in München zwei Jahre lang das WG-Zimmer mit dem späteren RAF-Terroristen Andreas Bader teilte. Von Boch sagt, der „Eiferer“ Baader habe ihn beeindruckt. „Er hatte alle großen Philosophen gelesen. Rhetorisch war er unseren Lehrern überlegen und machte sich einen Spott daraus, diese zu widerlegen und ihnen seine Überlegenheit deutlich zu zeigen.“ Der heranwachsende Adelssohn löst sich dann aber von Baader. Seine humanistisch-jesuitische Schulung habe ihm dabei geholfen, sagt der 67 Jahre alte von Boch heute. „Ich hatte einen völlig anderen Ansatz, die Welt zu verbessern.“ Die Welt verbessern in der Tradition der Familie, das bedeutet zunächst ein Studium der Betriebswirtschaftslehre in St. Gallen. Im Anschluss, 1966, stieg er in das Familienunternehmen ein, 1985 wurde er Vorstand der neu geschaffenen Aktiengesellschaft, 1998 erklomm er in achter Generation als Gründernachfahre die Unternehmensspitze – er hatte sich in der Familienhierarchie behauptet.

Seine Erfolge sind unumstritten: In seiner Amtszeit verdreifachte er den Gewinn, das Auslandsgeschäft wurde deutlich ausgebaut, das Sortiment ausgeweitet. Nun aber hat die Krise den Konzern voll erwischt: Das Unternehmen macht Verlust, ein Zehntel der 9000 Stellen wird abgebaut, sechs Werke schließen oder werden verkauft – wenn die Gruppe über Jahre hinweg nicht eine solide Basis gelegt hätte, sähe es heute düster aus.

In diesen Zeiten hat von Boch den Aufsichtsratsvorsitz übernommen, obwohl der Wechsel von der Vorstandsspitze im Corporate Governance Kodex nicht gutgeheißen wird. Die Familie denkt anders: Der Kapitän muss nach dem Rechten sehen, wenn das Schiff wankt. Hier stehen 260 Jahre Tradition gegen eilends zusammengeklaubte Verhaltensregeln für raffgierige Manager; die Welt des Turbokapitalismus hat bei Villeroy ohnehin nie Einzug gehalten.

Ein guter Patriarch

Die Tradition hilft zu verstehen, warum Wendelin von Boch gerade jetzt, da im Saarland eine Regierung aus SPD, Linke und Grünen zustande kommen könnte, mit der Verlagerung des Unternehmenssitzes nach Luxemburg droht. Villeroy & Boch ist eine Institution im Saarland. Kein Industrieunternehmen in Deutschland ist länger in Familienhand. Wiewohl eng mit Frankreich und Luxemburg verbunden – bis vor kurzen mussten Vorstandsmitglieder Französisch sprechen können –, schlägt das Herz der mittlerweile rund 250 Nachkommen der von Bochs und Villeroys noch immer an der Saar.

Und Wendelin von Boch ist so etwas wie ein guter Patriarch. Der Konzern residiert in einem efeuumrankten ehemaligen Benediktinerkloster, im Park plätschert ein Brunnen von Karl Friedrich Schinkel, 1833 ein Geschenk des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm an Wendelins Vorfahren. Das ist die feudale, fast aristokratische Tradition. Trotz Kostennachteilen aber und der wachsenden Billigkonkurrenz hat die Familie an der Produktion in Deutschland festgehalten – Verantwortungsbewusstsein ist auch Teil der Tradition. Von Boch sei jemand, der Sozialpartnerschaft pflegt, bescheinigen ihm selbst Gewerkschafter. Wäre Villeroy & Boch eine Aktiengesellschaft im Streubesitz, die Fabriken in Deutschland wären schon lange geschlossen worden.

Die Familie hat schon 70 Jahre vor Bismarck mit der „Antonius-Bruderschaft“ eine frühe Form der Sozialversicherung für die Angestellten geschaffen. So einer wie Wendelin von Boch braucht keine Ratschläge, schon gar nicht von links. Wer soll ihm sagen, was gut ist für das Saarland? Ihm, dem Spross einer Familie, deren Erstgeborene noch heute den Beinamen des saarländischen Landesheiligen Liutwinus tragen? Wendelin von Boch muss den Wiederaufstieg von Oskar Lafontaine als persönliche Beleidigung empfinden.

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Jahrgang 1967, Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

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