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Air Berlin : Ryanair-Chef greift an im Bieterkampf

Michael O'Leary Bild: Moya/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Im Gezerre um die Reste von Air Berlin mischt Michael O’Leary kräftig mit. Der Ryanair-Chef inszeniert sich geschickt als großer Gegner der Lufthansa und Anwalt der Kunden - und kommt an diesem Mittwoch nach Berlin.

          Mit der Rolle des Robin Hood ist Michael O’Leary bestens vertraut. Wenig zimperlich im Umgang mit den Platzhirschen der Branche und demonstrativ lässig-locker bei Auftritten, präsentiert sich der Chef von Ryanair gerne als Vorkämpfer für verbraucherfreundliche Tiefstpreise im Luftverkehr.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im Bieterkampf um den insolventen Rivalen Air Berlin wittert der 56 Jahre alte Mann aus Dublin die Gunst der Stunde für einen fulminanten Auftritt: Der Wettbewerb in Deutschland und preisbewusste Urlauber blieben auf der Strecke, warnt er, sollten die lukrativen Teile der bankrotten Gesellschaft tatsächlich an die Deutsche Lufthansa sowie zwei weitere Mitbieter gehen. „Es geht bei der Verwertung von Air Berlin nur darum, unliebsame Konkurrenten vom heimischen Markt fernzuhalten und die Vormachtstellung der Lufthanseaten zu zementieren“, wetterte O’Leary.

          Um den von ihm vermuteten Masterplan der Bundesregierung zum Aufbau eines „nationalen Monsters“ zu stoppen, reichte er Klage bei EU-Kommission und Bundeskartellamt ein. An diesem Mittwoch kommt er nach Berlin, um seinen Standpunkt noch einmal klarzumachen - dass während seines Auftritts am Nachmittag klare Worten fallen werden gerade auch in Richtung Lufthansa, gilt aus ausgemachte Sache. „Die Lufthansa ist ein Champion mit 70 Prozent Marktanteil in Deutschland, mit Air Berlin werden es 95 Prozent sein. Die Politiker in Berlin schaffen damit nicht einen nationalen Champion – das ist die Lufthansa ja längst –, sondern vielmehr ein nationales Monster, das kleinere Anbieter an deutschen Flughäfen in Schach hält“, sagte er gerade im Interview mit FAZ.NET.

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          Als Arbeitgeber im Zwielicht

          Die Skepsis gegenüber dem Billigheimer, der Konkurrenten in Medien gerne frontal angeht und ihnen Kunden und Marktanteile über ruinöse Preiskämpfe abjagt, ist entsprechend groß. Als Erster wagte sich Berlins Bürgermeister Michael Müller aus der Deckung: „Wenn Ryanair bei Air Berlin zum Zuge kommt“, warnte der SPD-Politiker, „müssten Mitarbeiter, die nicht gekündigt würden, wahrscheinlich mit irischen Arbeitsverträgen als selbständige Subunternehmer arbeiten.“

          Die Attacke aus Berlin hebt auf den Umstand ab, dass Ryanair zwar seit Jahren zu den profitabelsten Fluggesellschaften in Europa gehört, aber als Arbeitgeber im Zwielicht steht. „Unsere Mitarbeiter interessieren sich nicht für Gewerkschaften“, sagt O’Leary. Mitarbeiter des von Dublin aus gesteuerten Unternehmens wenden dagegen ein, dass die Belegschaft von Ryanair für die konkurrenzlos niedrigen Kosten des europäischen Branchenführers teuer bezahlen müsse.

          Vor allem in Deutschland mehrten sich die Hinweise, dass die Piloten von Ryanair über externe Personaldienstleister mit Knebelverträgen und als Scheinselbständige ohne ausreichende soziale Absicherung zum Einsatz kommen. Dabei seien auch vertragliche Zusatzvereinbarungen üblich, wonach die Teilnahme an Arbeitskämpfen mit dem Streichen von Bonuszahlungen und schlechteren Arbeitszeiten bestraft wird, heißt es bei der Branchengewerkschaft Vereinigung Cockpit.

          Flotte von 430 Flugzeugen

          O’Leary bestreitet solche Anwürfe und weist darauf hin, dass mehr als die Hälfte seiner Piloten direkt beim Unternehmen angestellt seien. Die restlichen Mitarbeiter für das Cockpit ständen bei Personaldienstleistern unter Vertrag, bei denen Ryanair nur Kunde sei. Immerhin erreicht beim britischen Rivalen Easyjet der Anteil der festangestellten Piloten rund 95 Prozent. Strikte Kostenkontrolle hat der Ryanair-Chef perfektioniert wie kein anderer Anbieter in der europäischen Luftfahrt. Daher wird der meist in Jeans, Turnschuhen und Karohemd auftretende Ire für den Erfinder des Billigfliegens gehalten, was der Eitelkeit O’Learys schmeichelt, aber nicht stimmt.

          Tatsächlich hat der am renommierten Trinity College Dublin ausgebildete Wirtschaftsprüfer die erfolgreichen Rezepte des amerikanischen Branchenpioniers Herb Kelleher studiert und Teile des Geschäftsmodells auf das einst von Tony Ryan gegründete Unternehmen übertragen. Kelleher trimmte seine Southwest Airlines mit einer standardisierten Flugzeugflotte und Ticketverkauf per Internet auf Effizienz. Dabei ist der Billigflugpionier bis heute eine Geldmaschine in der amerikanischen Luftfahrt.

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          Ein ähnliches Ziel hat sich auch O’Leary in Europa gesetzt. Sein Unternehmen ist mit rund 13.000 Mitarbeitern und einer Flotte von 430 Flugzeugen straff organisiert. Zum Vergleich: Lufthansa beschäftigt 128.000 Mitarbeiter und verfügt über 674 Passagierjets. Ryanair arbeitete sich jüngst mit 61,3 Millionen beförderten Passagieren im Jahr an die Spitze in Europa vor und setzte zuvor Lufthansa, Air France und British Airways erfolgreich unter Druck – so stark, dass die Platzhirsche eigene Billigfluggesellschaften gründeten, um dem Preisbrecher aus Dublin die Stirn zu bieten.

          Um die Präsenz in Deutschland rasch zu erhöhen, ist O’Leary an Teilen von Air Berlin und bestimmten Routen von den Flughäfen in Düsseldorf und Berlin interessiert. Doch Kenner bezweifeln, dass der gewiefte Stratege ernsthaft daran denkt, Airbus-Flugzeuge des Typs A320 samt fliegendem Personal aus dem Bestand von Air Berlin zu übernehmen. Die Flotte von Ryanair-Flugzeugen besteht ausschließlich aus Boeing-Jets des Typs 737, um Kosten für Wartung und Training des fliegenden Personals zu sparen. „Die Integration von Air-Berlin-Bausteinen in das Ryanair-Konzept würde schon allein aus technischen Gründen nicht passen“, ist ein Kenner der Gesellschaft überzeugt.

          Quelle: F.A.Z.

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