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Energieversorger in der Krise : Die letzten Tage von RWE

Noch rauchen die Schornsteine und dampfen die Kühltürme des RWE-Braunkohlekraftwerks Niederaußern. Nur wie lange noch? Bild: dpa

Deutschlands größter Stromerzeuger ist zum Pleitekandidaten geworden. Der Brexit könnte ihm den Rest geben. Was sind die Aussichten des Konzerns?

          RWE hat keine Zukunft mehr. Das gibt Deutschlands größter Stromerzeuger, anno 1898 als Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk in Essen gegründet, inzwischen sogar selbst zu. Für neue Geschäftsfelder, neue Ideen, neue Technologien, mithin die Zukunft, ist nach den Plänen des Vorstandsvorsitzenden Peter Terium künftig nicht mehr der traditionsreiche Dax-Konzern zuständig, sondern eine neue Firma, die bis zum Jahresende an die Börse kommen soll.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist die schiere Not, die hinter dem Vorhaben steckt. Denn RWE braucht Geld, sehr viel und ziemlich bald. Vor allem für den Atomausstieg. Gut 10 Milliarden Euro sind dafür schon zurückgestellt. Doch das wird kaum genügen. Die zusätzlich benötigten Mittel soll der Börsengang bringen. Noch mehr Schulden können die Essener schlecht machen. Es lasten schon 45 Milliarden Euro langfristige Verbindlichkeiten auf der Bilanz, fast das Achtfache des Eigenkapitals, eine bedrohliche Quote, die Ratingagenturen stufen RWE knapp über „Ramsch“ ein. Und für das in Aktiengesellschaften übliche Vorgehen in klammer Zeit, mittels Kapitalerhöhung frisches Geld von den Aktionären zu holen – das lassen die Anleger nicht mehr mit sich machen. Geht der Börsengang schief, dann ist der Konzern – wie das bei Unternehmen ohne Zukunft so üblich ist – an und für sich ein Fall für den Insolvenzverwalter.

          Fünf Jahre nach Fukushima

          Davon war natürlich nicht die Rede, als Terium dieser Tage die Werbetour für seinen Hoffnungsträger begann. Den Anfang vor den Investoren aus aller Welt machte er am Donnerstag ausgerechnet in London, exakt eine Woche nach dem Brexit-Referendum. Großbritannien war für RWE schon zuvor ein Sorgenkind. Dort hat sich der Konzern in besseren Zeiten, es war im Jahr 2002, für umgerechnet fünf Milliarden Euro in die Stromversorgung eingekauft. Die Tochtergesellschaft, die immerhin für ein Fünftel des RWE-Umsatzes steht, hat danach vor allem mit haarsträubenden Schlampereien für Aufsehen gesorgt: Weil die Abrechnungen nicht stimmten, kündigten Hunderttausende Kunden. Im vergangenen Jahr wurde die Führungsmannschaft geschasst, jetzt stehen Stellenstreichungen an. Klar ist: Wenn der Brexit die britische Wirtschaft tatsächlich ins Straucheln bringt, wird das auch dem britischen RWE-Ableger schaden. Von den Währungseffekten ganz abgesehen.

          Dramatischer noch wäre es, wenn der Börsengang nicht wie gewünscht über die Bühne gehen sollte. Genau das lässt sich nach dem Brexit weniger denn je voraussagen. Schon vor der Abstimmung gab es auf der ganzen Welt vergleichsweise wenige Börsengänge, die erzielten Summen lagen nach einer Übersicht der Beratungsgesellschaft EY um zwei Drittel unter dem Vorjahr. Es könne einen Jahresendspurt geben, sagen die Fachleute zwar. Aber nur, wenn bis dahin klar ist, wohin die Reise geht. Danach sieht es zurzeit nicht aus: Die großen britischen Parteien zerlegen sich gerade selbst, der Rest Europas hat auch noch keinen Plan.

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