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Russlandgeschäft : Deutsche Firmen befürchten Enteignung

Blick auf die St.-Basilius-Kathedrale und den Spasskaya-Turm an der Kreml-Mauer in Moskau Bild: Picture-Alliance

Angesichts der Konfrontation zwischen Moskau und dem Westen bangen deutsche Manager inzwischen um ihr Firmenvermögen in Russland. Wirtschaftsvertreter berichten von offen feindseliger Stimmung im Land.

          Es wäre gar nicht nötig gewesen, dass der russische Präsident Wladimir Putin seine Kriegsmarine pünktlich zum G-20-Gipfel in Brisbane vor die australische Küste schickt. Die deutsche Wirtschaft hat auch so verstanden: Putin verschärft die Konfrontation mit dem Westen, und die deutschen Unternehmer, die in Russland aktiv sind, haben Angst vor der nächsten Stufe der Eskalation – bis hin zum Totalverlust ihres Vermögens durch Enteignungen. So berichten es Manager, die sich mühen, mit Moskau einen „Gesprächskanal“ offenzuhalten – so die Vokabel aus dem Kalten Krieg.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ernüchtert, ja teils schockiert kehren sie zurück von ihren Besuchen im Kreml: „Da braut sich was zusammen“, berichtet ein Teilnehmer einer Delegation, die vor knapp zwei Wochen in Moskau führende Politiker aus Putins Umfeld getroffen hat. Vor einem Rückfall in düsterste Sowjetzeiten warnt ein anderer Manager. Die Stimmung sei offen feindselig gegen alles, was an Konzernen aus dem Westen kommt, erzählt der Mann: Filialen von McDonald’s würden unter Vorwänden geschlossen, und gegen Apple werde öffentlich agitiert, seit sich Chef Tim Cook als homosexuell geoutet habe.

          Was ist die Alternative zu Putin?

          Wie aber ist mit den Russen umzugehen? Keine Frage birgt derzeit so viel Zündstoff für das Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft in Deutschland. Die Industrie will den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen, deswegen reisen Vorstandschefs von Großkonzernen in loser Folge zu Gesprächen mit Putin-Getreuen. Daheim setzen sie sich damit dem Verdacht aus, „Putin-Versteher“ zu sein. Der Bundeskanzlerin sind diese Kontakte nicht geheuer. Anlässlich der jüngsten Moskau-Visite schickte sie über ihre Sprecherin eine freundliche Ermahnung: Sie gehe davon aus, dass die Wirtschaftsvertreter ihre Gespräche „mit dem nötigen Verantwortungsbewusstsein“ führten.

          Bild: F.A.Z.

          Während die Politik klare Kante zeigen und den Kreml-Herrschern Verstöße gegen das Völkerrecht nicht durchgehen lassen will, werben die Manager aus den Vorstandsetagen für mehr Verständnis für die russische Position. Gewiss, Putin sei im Unrecht, so geht ihre Argumentation, sein Vorgehen in der Ukraine sei indiskutabel. Trotzdem billigen sie mildernde Umstände zu. Selbst der hierzulande hochangesehene Putin-Vorgänger Michail Gorbatschow habe die Russland-Politik des Westens kritisiert. Und sie mahnen, dem russischen Präsidenten „eine Brücke“ zu bauen.

          Vor allem fragen sie: Was ist die Alternative? „Wenn man darauf setzt, dass Russland zusammenbricht, dann müssen wir uns fragen: Was passiert politisch in diesem Land?“, argumentieren Mitglieder des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. „Welche Kräfte kommen dann ans Ruder? Womöglich solche, die dem Westen nicht genehm sind.“

          Für manche Konzerne geht es um Milliarden

          Die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts lassen sich inzwischen in Euro und Cent berechnen. Die deutsche Industrie verliere 2014 ein Fünftel ihrer Exporte nach Russland, prognostiziert der Ost-Ausschuss – die Amerikaner dagegen konnten ihre Ausfuhren sogar leicht steigern. „Die wissen, wie man Sanktionen beschließt, ohne die eigene Wirtschaft zu schädigen“, sagt ein deutscher Manager verbittert. Die Flucht des Kapitals aus Russland hat zudem den Kurs des Rubels abstürzen lassen, die Währung hat mehr als ein Drittel an Wert verloren, entsprechend weniger an Gewinn kommt in der Bilanz in Deutschland an.

          Beispiel Adidas: Was der Sportartikel-Konzern in seinen tausend eigenen Shops in Russland einnimmt, ist für die Kasse in Franken deutlich weniger wert. Die Metro, ebenfalls im Osten stark engagiert, rechnet mit „mittleren zweistelligen Millionenbeträgen“, die ihr deshalb an Gewinn verlorengehen. Das tut den Konzernen weh, und ist doch nur Kleingeld gegen das, was an Verlusten droht, wenn ihr Vermögen in Russland beschlagnahmt wird.

          Die Enteignung westlicher Konzerne wird in Moskau bisher zwar fast nur von Hitzköpfen gefordert. Aber die Angst davor ist in den Köpfen deutscher Unternehmer schon jetzt präsent. Für manchen Konzern „geht es dabei um Milliarden, wenn nicht um die Existenz“, warnt ein Mann aus der Industrie. Auch er lässt sich vorsichtshalber nicht mit Namen zitieren, es ist ein schwieriges Terrain für die Manager: Entweder verderben sie es sich mit der deutschen Politik, wenn sie mehr Rücksicht auf russische Belange fordern – oder sie provozieren die Russen, was dem Geschäft direkt schadet.

          Cordes hofft auf Besinnung in Moskau

          So baute Volkswagen für viel Geld ein Werk in Kaluga, der Energiekonzern Eon investierte rund zehn Milliarden Euro in Russland, die Metro zog mehr als 70 Großhandels-Märkte hoch. Einer davon kostet laut interner Kalkulation 15 bis 20 Millionen Euro. Wird dem Konzern das Eigentum genommen, verlöre er auf einen Schlag mehr als eine Milliarde Euro. Die Rechnung ist so simpel wie brutal, was auch erklärt, warum die Wirtschaft so vehement für eine Deeskalation eintritt – den alten Slogan „Wandel durch Handel“ auf den Lippen.

          Eckhard Cordes, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, hofft deshalb, dass sich – im Eigeninteresse der Russen – die Vernunft in Moskau durchsetzt: „Die Modernisierung der russischen Wirtschaft ist nur mit ausländischen Investitionen zu bewerkstelligen. Darüber ist sich auch die russische Regierung bewusst, zumal der niedrige Ölpreis den Reformdruck stark erhöht hat“, sagte Cordes der Sonntagszeitung.

          Bei der Bundesregierung hat sich Cordes gleich zu Beginn der Krise mit Äußerungen unbeliebt gemacht, die auf eine Verständigung mit Russland zielten. Noch größer war der Ärger über Siemens-Chef Joe Kaeser, der damals zu einem Treffen mit Putin nach Moskau flog.

          Mehr diplomatischer Einsatz von Merkel gefordert

          In der Koalition wird spitz darauf verwiesen, dass die nun zutage tretenden Risiken des Russlandgeschäfts in der Vergangenheit mit besonders hohen Profiten honoriert wurden. Vom „Energie-Bonanza“ sprechen die einen, die anderen reden von „kleptokratischen Strukturen“, in denen „hohe Margen“ verdient worden seien. Die Einbrüche gingen weniger auf die Sanktionen als auf den allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang zurück. „Manche Unternehmer sagen: Wir müssen den russischen Bären zufriedenstellen, damit er uns nicht frisst“, schimpft CDU-Außenpolitiker Andreas Schockenhoff. „Wenn er irgendwann vor dem eigenen Werkstor steht, werden sie das anders sehen.“

          Die Manager sähen von der deutschen Kanzlerin gern mehr diplomatischen Einsatz als die regelmäßigen Telefonate mit Putin. Aber vor einer Reise nach Moskau schreckt Merkel zurück: Wie sähe es aus, wenn sie mit leeren Händen von dort zurückkehrt? Sie nutzt lieber internationale Termine für die Kontakte, den Europa-Asien-Gipfel vor einem Monat in Mailand oder jetzt das G-20-Treffen in Brisbane. Merkel findet ohnehin, dass sie angesichts der internationalen Lage noch eine moderate Position vertritt. Am Montag beraten die EU-Außenminister über eine Verschärfung der Sanktionen. Zusätzliche Maßnahmen hat die deutsche Kanzlerin im Vorfeld ausgeschlossen, lediglich die Liste der im Westen unerwünschten Personen könne um einige Namen verlängert werden. Trotz der Kriegsschiffe vor der australischen Küste – und der neuen Konfrontation im Osten der Ukraine.

          Quelle: F.A.S.

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