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Rüstungsindustrie Das Geschäft mit dem Krieg kennt keine Krise

11.12.2009 ·  Ein neues Wettrüsten hat das Waffengeschäft zu einem gewaltigen Wachstumsmarkt gemacht. Viele Staaten haben seit dem Ende des Kalten Krieges wieder deutlich aufgerüstet. Mit der Eskalation des Afghanistan-Kriegs dreht sich die Rüstungsspirale vorerst weiter.

Von Marcus Theurer
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Es war der 15. August, als eine Sprengbombe der Taliban Thomas James zum Krüppel machte. Der 20 Jahre alte britische Berufssoldat aus Coventry verlor mit der Explosion nahe der afghanischen Stadt Sangin einen Arm, ein Auge und mehrere Finger. Er erlitt Verbrennungen am ganzen Körper und einen Beckenbruch. Nun will James zum Militär zurückkehren. "Ich liebe die Armee", sagte er der Zeitung "Sunday Telegraph". Doch den mittlerweile acht Jahre dauernden Krieg in Afghanistan hält James für aussichtslos. "Wir werden niemals siegen", sagt er. "Die Taliban plazieren ihre Sprengfallen überall, und wir können es nicht verhindern, denn dafür fehlt uns die Ausrüstung."

Es mutet paradox an: Der Waffenindustrie hat das zu Ende gehende kriegerische Jahrzehnt einen riesigen Nachfrageschub gebracht. Doch noch immer beklagen Verteidigungsexperten, dass die Ausrüstung vieler Soldaten einem Guerrillakrieg wie in Afghanistan nicht gerecht werde. Der Bundeswehr fehlten dringend gepanzerte Patrouillenfahrzeuge vom Typ "Dingo", sagt ein Berliner Regierungsberater, der nicht genannt werden will. "Die sind nur in sehr überschaubaren Stückzahlen vorhanden." Stattdessen werde weiter in teure Prestigeprojekte wie den Eurofighter investiert, kritisiert der Rüstungsexperte.

Der von einem Konsortium um den paneuropäischen Luftfahrtkonzern EADS und den britischen Rüstungshersteller BAE Systems gebaute Kampfjet wurde noch in den achtziger Jahren konzipiert und gilt vielen Fachleuten als militärisch weitgehend überflüssiges Relikt des Kalten Kriegs.

Globale Rüstungsspirale

Der Konflikt in Afghanistan eskaliert. Vergangene Woche kündigte der amerikanische Präsident Barack Obama an, seine Streitmacht am Hindukusch bis nächsten Sommer um 30.000 Soldaten auf rund 100.000 Mann aufzustocken. Bis zu 40 Milliarden Dollar im Jahr wird dies kosten. Im amerikanischen Repräsentantenhaus wird nun sogar die Einführung einer "Kriegssteuer" diskutiert. Es ist die nächste Umdrehung in einer gewaltigen globalen Rüstungsspirale. Nach Berechnungen des Internationalen Instituts für Friedensforschung in Stockholm (Sipri) sind die Militärausgaben auf der Welt seit Ende der neunziger Jahre um etwa 90 Prozent gestiegen.

Die Welt hat in einem seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr gekannten Maß aufgerüstet - und auch deutsche Unternehmen zählten zu den Nutznießern: Die EADS, deren größter Aktionär der Stuttgarter Autokonzern Daimler ist, stellt Kampfflugzeuge und Hubschrauber her, Rheinmetall und Kraus-Maffei Wegmann (KMW) bauen Panzer, U-Boote kommen von Thyssen-Krupp, Raketen von Diehl, Panzermotoren von Tognum, Schusswaffen von Heckler & Koch.

Deutschland gibt für die Bundeswehr zwar deutlich weniger aus als etwa Frankreich und Großbritannien für ihr Militär, und verglichen mit Branchenriesen wie dem amerikanischen Boeing-Konzern und BAE Systems sind die deutschen Waffenanbieter Zwerge. Doch zusammengenommen ist die deutsche Industrie nach den Vereinigten Staaten und Russland der drittgrößte Waffenexporteur der Welt. 70 Prozent der deutschen Rüstungsproduktion gehen ins Ausland.

Michael Brzoska, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) an der Universität Hamburg, beschreibt Deutschland als einen erfolgreichen Nischenproduzenten im Rüstungsgeschäft. "Es gibt bestimmte Bereiche, in denen deutsche Anbieter eine sehr starke Position haben", sagt der Wissenschaftler und nennt als Beispiele den Bau von U-Booten und die Rolle als Zulieferer etwa von Motoren und Kanonenrohren.

China hat seine Militärausgaben seit Ende der Neunziger verdreifacht

Die Aufrüstung der Amerikaner nach den Anschlägen vom 11. September hat im Waffenmarkt eine Kettenreaktion ausgelöst. "Durch die wachsenden US-Militärbudgets sehen sich Russen und Chinesen herausgefordert, Indien wiederum fühlt sich zunehmend von China bedroht", beschreibt Brzoska den Mechanismus der Rüstungsspirale und warnt: "Die globale Konfrontationssituation wird dadurch verschärft."

China hat seine jährlichen Militärausgaben seit Ende der neunziger Jahre nach Schätzung des Sipri rund verdreifacht. Anfang Oktober feierte die Volksrepublik den 60. Jahrestag ihrer Gründung mit der aufwendigsten Militärparade ihrer Geschichte. Der waffenstarrende Aufmarsch, Ausdruck des neuen nationalen Selbstbewusstseins Chinas, weckte gespenstische Erinnerungen an den Kalten Krieg. Von der chinesischen Aufrüstung profitiert vor allem die russische Waffenindustrie, während die Europäische Union seit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking vor zwanzig Jahren einen Export-Stopp verhängt hat. Doch es gibt noch mehr neue Kunden für die Rüstungsbranche: Indien, das seit Jahrzehnten in eine schwelende Rivalität mit dem Nachbarn Pakistan verwickelt ist, will in den kommenden Jahren neue Kampfjets im Wert von 10 Milliarden Dollar anschaffen. Und auch im Nahen Osten wird kräftig aufgerüstet. Einige Experten erwarten allerdings, dass aufgrund der Weltwirtschaftskrise die goldenen Jahre der Waffenindustrie zu Ende gehen.

Barack Obama hat vergangene Woche nicht nur die kurzfristige Aufstockung der Afghanistan-Streitmacht angekündigt, sondern auch, dass die Vereinigten Staaten Mitte 2011 mit dem Abzug ihrer Truppen beginnen. Der Widerstand in der Bevölkerung gegen den Krieg am Hindukusch wächst. Auch finanziell wird der Kampf für Amerika und seinen wichtigsten Verbündeten Großbritannien zur Belastung. Die Rezession hat tiefe Löcher in die Staatshaushalte beider Länder gerissen. "Es sieht so aus, als hätten die Rüstungsausgaben in Großbritannien ihren Höhepunkt überschritten", sagt John Dowdy vom Londoner Büro von McKinsey. Die Unternehmensberatung prognostiziert, dass auch die Vereinigten Staaten mit Modernisierungsinvestitionen für ihr Militär auf die Bremse treten werden.

Doch zumindest bisher hat den Waffenherstellern die Krise wenig anhaben können. Sie sind industriepolitische Hätschelkinder. EADS muss trotz einer schier endlosen Pannenserie bei der Entwicklung des Militärtransportflugzeugs A400M nicht ernsthaft mit Abbestellungen rechnen. Und während der größte deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall in seiner Autozuliefersparte dieses Jahr hohe Umsatzeinbußen erlitt, bleibt das Militärgeschäft auf Wachstumskurs. Die Bundeswehr hat diesen Sommer bei Rheinmetall und KMW 405 Schützenpanzer vom Typ "Puma" bestellt. Der bis 2020 laufende Auftrag im Volumen von 3,1 Milliarden Euro ist der größte in der Nachkriegsgeschichte der beiden Waffenhersteller.

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