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Rückzug der Korken Verschlusssache Wein

29.09.2009 ·  Der Naturkork ist auf dem Rückzug: Er ziert nur noch ein Drittel der Flaschen. Auch hochwertige Weine lassen sich inzwischen aufschrauben. Der Konkurrenzkampf der Verschlüsse hat längst begonnen.

Von Linda Wurster
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Der Weintrinker von heute muss nicht gleich verzweifeln, wenn er keinen Korkenzieher zur Hand hat - vielleicht hat er es ja mit einem Schraubverschluss zu tun. Denn die Zeiten, als den Winzern nur Naturkork in den Flaschenhals kam, sind vorbei. Kunststoffstopfen und Schraubverschlüsse sind eine ernstzunehmende Konkurrenz für den natürlichen Korken, und das gilt nicht nur für Billigweine. Der Absatz von Naturkorken habe sich in der Zeit von 2001 bis 2007 halbiert, sagt Ulrike Schaeidt, Vorstandsmitglied des Deutschen Kork-Verbandes.

Rund 1,5 Milliarden Wein- und Sektflaschen werden im Jahr in Deutschland verschlossen. Nur noch 450 bis 500 Millionen Flaschen, also ungefähr ein Drittel, haben einen Naturkorken. Im unteren Preissegment, beispielsweise bei Aldi und Lidl, ist der Rückgang besonders groß. Seit 1999/2000 hat der Kunststoffstopfen seine Marktanteile beharrlich ausgeweitet. Schätzungen zufolge liegt er mittlerweile gleichauf mit seinem natürlichen Pendant. Auch der Schraubverschluss hat den Sprung vom Sprudelkasten ins Weinregal geschafft. Ungefähr 30 Prozent der Weinflaschen in Deutschland lassen sich aufschrauben. Dabei vereinnahme er vor allem Marktanteile des Kunststoffstopfens, sagt Schaeidt. Vorreiter waren die Württemberger und Franken. Nach Angaben von Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut werden dort 80 Prozent aller Literflaschen zugeschraubt. Besonders in der Gastronomie ist der Schraubverschluss beliebt. Einige Discounter schreiben ihren Lieferanten gar die Verwendung von Schraubverschlüssen oder Kunststoffstopfen vor. Und die anfängliche Skepsis der Verbraucher scheint zu schwinden.

Eine dritte Variante

Eine neue Verschlussvariante hat Closure Systems International (CSI) auf den Markt gebracht: „Vino Lok“ heißt der wiederverschließbare Glasstopfen mit Silikonring. Im Jahr der Markteinführung 2004 wurden zwei Millionen Stück verkauft, 2008 waren es 20 Millionen. „Bisher haben wir uns uns vor allem auf deutschsprachige Märkte konzentriert“, sagt Siegfried Landkrone, Geschäftsführer von CSI-Deutschland in Worms. Für die Zukunft sehe er aber auch auf den Exportmärkten großes Potential „Insbesondere, da die sehr traditionellen Märkte wie Spanien, Italien und Frankreich nach Alternativen zum Naturkork suchen.“ „Vino Lok“ komme gut an beim Verbraucher, berichtet Dr. Rainer Jung von der Forschungsanstalt Geisenheim für Wein- und Gartenbau. „Doch rein technisch ist er nicht besser als der Schraubverschluss, und da man eine spezielle Flasche braucht, ist er relativ teuer.“ Seiner Meinung nach ist das Potential des „Vino Lok“ deshalb begrenzt.

Aus Angst vor Korkgeschmack, der erheblichen finanziellen Schaden verursachen kann, entscheiden sich immer mehr Winzer gegen den Naturkorken. Auch im Preisvergleich schneidet dieser am schlechtesten ab. Je nach Qualität und Menge schwanken die Preise sehr stark. Neben den reinen Materialkosten hat bei den alternativen Verschlüssen das Design großen Einfluss auf den Preis. Auch Press- und Zweischeibenkorken, die nur zum Teil aus Naturkork bestehen, sind preiswerter als der reine Naturkorken. „Die Verbraucher tun sich schwer, diese technischen Korken von natürlichen zu unterscheiden. Die Qualitätsunterschiede können aber groß sein“, betont Jung von der Forschungsanstalt Geisenheim.

Der Trend zum Schraubverschluss sei stark, sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut in Mainz, auch in den Topbetrieben. Während für Rotweine vor allem bei längerer Lagerung Naturkork bevorzugt werde, komme der Schraubverschluss für Weißwein auch in den höheren Preisklassen zum Einsatz. „Bei teurem Wein ist schließlich auch der Verlust durch Korkgeschmack größer“, erklärt Büscher.

Konkurrenzdruck könnte Qualität verbessern

Wegen des Nachfragerückgangs und des Konkurrenzdrucks sei jedoch zu erwarten, dass sich die Qualität der Naturkorken verbessere. Für Ulrike Schaeidt vom Kork-Verband ist es auch eine Frage der Philosophie: „Mit Naturkork schmecken nicht alle Weine gleich, das ist kein Massenprodukt.“ Im Jahrgang 2008 der Spitzenweine des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) war der Naturkorken mit gut 65 Prozent führend, der Schraubverschluss kam auf 33 Prozent und der Glasverschluss auf gut 1 Prozent. Dort gilt: Je hochwertiger der Wein, desto eher wird Naturkork verwendet. „Kunststoffkorken kommen bei den Spitzenprodukten nicht zum Einsatz“, sagt Melanie Stumpf vom VDP. Das untere Preissegment hingegen gehört den Schraubverschlüssen und Kunststoffstopfen. In der mittleren Preisklasse erwartet Schaeidt einen Kampf unter den drei Verschlussarten. Rainer Jung sieht hier den Schraubverschluss im Vorteil: „Kunststoffstopfen haben nicht das gewünschte Image, und gute Naturkorken sind relativ teuer.“

Auf lange Sicht erwartet der Fachmann bei manchen Winzern eine Rückbesinnung auf den traditionellen Korken: „Ich habe das Gefühl, dass da im Moment etwas übersteuert wird“, sagt Jung. Die alternativen Verschlüsse hätten ein innovatives Image, „aber irgendwann werden einige merken, dass vorher auch nicht alles schlecht war“. Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass es auch bei alternativen Verschlüssen Probleme geben könne wie etwa undichte Schraubverschlüsse.

In Australien und Neuseeland hat der Schraubverschluss längst die Oberhand gewonnen, nur noch knapp 10 Prozent der Weine haben dort einen Korken. Auch in Griechenland und Österreich ist der Schraubverschluss beliebt. Die großen Weinländer Frankreich und Spanien zögerten zunächst, mittlerweile wird aber auch dort vielerorts auf alternative Verschlüsse umgestellt.

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