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Rückversicherer Zeit der hohen Preise

12.09.2006 ·  Kein Sturm, keine Flut, kein Erdbeben: Auf dem Treffen der Rückversicherer in Monte Carlo trübt keine Katastrophe die Stimmung. Die Prämien wollen die Anbieter trotzdem nicht senken.

Von Stefan Ruhkamp, Monte Carlo
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Für die versammelten Rückversicherer ist es ein ungewohntes Gefühl. Kein Sturm, keine Flut und kein Erdbeben trübt die Stimmung in der Branche auf ihrem 50. Treffen in Monte Carlo. Dort treffen sich einmal im Jahr die Großhändler der Assekuranz mit ihren Kunden, den Erstversicherern, um neue Verträge zu verhandeln.

Regelmäßig wird das Treffen durch eine Katastrophe erschüttert. In den vergangenen beiden Jahren waren es verheerende Stürme in Amerika, die alle Kalkulationen über den Haufen warfen. Davor gerieten die Rückversicherer Gerling, Scor und Converium jeweils pünktlich zur Branchenmesse in eine Schieflage. Und den schlimmsten Tag erlebte die Branche vor fünf Jahren, als Terroristen New York angriffen.

Nur ein mulmiges Gefühl bleibt

Dieses Mal ist alles ruhig. Am Jahrestag der großen Anschläge bleibt zwar ein mulmiges Gefühl, doch die Schadensbilanz des Jahres ist bisher erfreulich. In Deutschland gab es ein Großfeuer in einem Werk von Thyssen-Krupp und ein weiteres in einer Nürnberger Wurstfabrik, die rund 500 Millionen Euro an Schäden verursachten. Aber das sind Kleinigkeiten im Vergleich zu den Sturmschäden des Vorjahres, als die Versicherer mehr als 80 Milliarden Dollar zahlen mußten. Die Hälfte davon entfiel auf die Rückversicherer.

Die Sturmsaison 2006 ist zwar nicht einmal zur Hälfte vorüber, doch der bisherige Verlauf ist ermutigend. Der erste Hurrikan „Ernesto“ schwächte sich rechtzeitig ab, und auch Nachfolgerin „Florence“ nimmt anscheinend einen günstigen Verlauf. Für die Rückversicherer sind die bisher relativ geringen Katastrophenschäden nicht in jeder Hinsicht erfreulich. Sie verdienen derzeit zwar gut, so daß zum Beispiel die Hannover Rück sich schon gegen das Ansinnen höherer Gewinnprognosen wehren mußte. Aber der Profit weckt bei den Kunden den Wunsch nach niedrigeren Preisen.

Stark zyklisches Geschäft

Das Geschäft der Rückversicherer ist stark zyklisch. Sie haben keine Fabriken und wenig Personal. Für neues Angebot braucht es - abgesehen von einigen Fachleuten - nur frisches Kapital. Das ist derzeit reichlich vorhanden. Nach Schätzung der Ratingagentur Moody's sind seit den Rekordschäden des vergangenen Jahres, die neben den Jahresgewinnen der Rückversicherer auch rund 30 Milliarden Dollar an Eigenkapital aufgezehrt haben, bis Juni dem Markt rund 27 Milliarden Dollar zugeflossen. Rund 7 Milliarden Dollar davon stammen vom Kapitalmarkt.

Trotz des zusätzlichen Angebots, das in wachsendem Maß über Katastrophenanleihen finanziert wird, bei denen Zins und Tilgung für den Anleger ausfallen können, bemühen sich die Rückversicherer, ihre Preise hoch zu halten. „Es gibt keinen Anlaß für niedrigere Preise“, sagt Frank Schaar, Deutschland-Chef von Converium. „Risikoadäquate Preise“ nennt das Nikolaus von Bomhard, Vorstandsvorsitzender der Münchener Rück. Und Wilhelm Zeller, Chef der Hannover Rück, rechnet für sein Unternehmen mit einem steigenden Preisniveau - das siebte Jahr in Folge.

Der Anschein mathematischer Genauigkeit

Begründet wird das häufig mit den veränderten Risikomodellen. Die Branche gibt sich gern den Anschein mathematischer Genauigkeit. Schadenwahrscheinlichkeit und die erwarteten Schadenhöhen werden in aufwendigen Verfahren geschätzt. In Sparten mit vielen kleinen Schäden, zum Beispiel Automobil oder Lebensversicherungen, gelingt das recht gut. Doch in der Königsdisziplin, der Katastrophendeckung, sind die Risikomodelle 2005 grandios gescheitert. Die von Wirbelsturm "Katrina" verursachten Schäden waren weit höher als erwartet.

Zyklusmanagement und Zeichnungsdisziplin sind Lieblingswörter der Branche. Es gleicht einem Mantra. Denn die Preise sind derzeit hoch und sollen es noch einige Zeit bleiben. Doch die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, daß hohe Preise nicht von langer Dauer sind. Die Profite locken zusätzliches Angebot an, und die Beteuerungen der Rückversicherer sind bald Makulatur.

Die schöne Zeit soll noch ein bißchen dauern

„Der Zyklus ist - auch wenn sich viele das wünschen - nicht abgeschafft“, sagt Charlie Cantlay von der Maklergesellschaft Aon. Gleichwohl erwartet der Makler für die im Januar bevorstehende Erneuerungsrunde noch einmal steigende Preise, vor allem in den Vereinigten Staaten. Ein bißchen soll die schöne Zeit für die Rückversicherer also noch dauern. Ihre Manager bearbeiten dafür die Kundschaft in halbstündigen Gesprächen auf der Terrasse des Hôtel de Paris oder im buttercremefarbenen Hermitage.

Die Rückversicherer haben es nicht nur auf hohe Prämien abgesehen. Zugleich versuchen sie über veränderte Verträge ihre Risiken zu begrenzen. Die Münchener Rück zum Beispiel will in Frankreich für die Rückdeckung von Unfall- und Autoversicherungen eine Begrenzung einführen. Die Rechtsprechung habe dort dazu geführt, daß schon festgestellte Personenschäden über die Jahre immer teurer wurden. Die vom Rückversicherer zum Beispiel wegen eines schweren Unfalls gebildeten Schadenreserven werden reihenweise überschritten. Deshalb will die Münchener Rück in neuen Verträgen entweder die maximale Belastung begrenzen oder nach einigen Jahren die verbliebenen Reserven überweisen.

Den Staat an der Terrordeckung beteiligen

Solche Veränderungen in den Klauseln, wie sie in Monte Carlo lanciert werden, sind Details, können aber in ihrer Vielzahl dazu führen, daß sich die Usancen in der Branche verändern. Ein weiteres Beispiel ist die Forderung der Swiss Re, auch für Lebensversicherungen den Staat an der Terrordeckung zu beteiligen. In Deutschland organisiert der Versicherer Extremus mit staatlicher Unterstützung die Absicherung von großen Terrorrisiken. Ähnliche Regelungen gibt es auch in anderen Ländern, allerdings beschränkt sich die Deckung in den meisten Ländern auf Sachversicherungen. In vielen Lebensversicherungen sind Terroranschläge aber inzwischen von der Deckung ausgenommen.

Quelle: F.A.Z., 12.09.2006, Nr. 212 / Seite 20
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Jahrgang 1968, Redakteur in der Wirtschaft.

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