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Rücktritt Heinrich von Pierers Rauher Wind am Wittelsbacher Platz

20.04.2007 ·  Den Entschluss zurückzutreten hat Heinrich von Pierer spät gefällt. Die heile Siemens-Welt war schon im vergangenen Jahr zusammengebrochen. Von Affäre zu Affäre schleppte sich Pierer durch - und kapitulierte schließlich doch. Viele empfinden das nun als Befreiungsschlag. Eine Analyse von Joachim Herr.

Von Joachim Herr
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Fünf Monate hat Heinrich von Pierer gekämpft. Nun gibt er auf. Bis zum kommenden Mittwoch ist er noch Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens, dem größten europäischen Elektrokonzern. Mit erhobenen Haupt will er die Bühne der großen Wirtschaft verlassen, spricht von Pflichterfüllung gegenüber dem Unternehmen, die vor eigenen Interessen Vorrang haben müsse. Aber es gibt Anzeichen, dass er nicht freiwillig geht. Die anderen 19 Mitglieder im Aufsichtsrat seien einer Meinung, dass Pierer zu einer Belastung für Siemens geworden sei, heißt es aus verschiedenen Quellen. Aber es gibt in München auch Stimmen, die die Verhältnisse in dem Kontrollgremium in ein milderes Licht tauchen. Der Rücktritt sei sein eigener Wunsch.

Pierers Entschluss soll in den vergangenen Tagen gereift sein. Sein Rücktritt war bis Donnerstagabend zwischen 18 und 19 Uhr offenbar nur einem kleinen Kreis bekannt. Als andere in der Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz in München eingeweiht wurden, wirkte er nach dem Bericht eines Beobachters gefasst und war sogar zu Scherzen aufgelegt. Auch tagsüber sei ihm nichts anzumerken gewesen, erzählt ein anderer, keine Spur von Unkonzentriertheit oder Hektik. Auf der Hauptversammlung von Volkswagen in Hamburg saß Pierer am Donnerstag mit den anderen Aufsichtsräten des Autokonzerns gelassen auf dem Podium. In dem Gremium hat er sich den Ruf erworben, als einer der Letzten dem mächtigen Aufsichtsratschef Ferdinand Piech Paroli zu bieten.

Die heile Siemens-Welt ist zusammengebrochen

Kurz vor 23 Uhr am Donnerstagabend veröffentlichte Siemens die Pflichtmitteilung mit der Ankündigung von Pierers Rücktritt. „Eine persönliche Verantwortlichkeit mit Blick auf die laufenden Ermittlungen war nicht Grundlage meiner Entscheidung“, heißt es in der wenige Minuten danach verbreiteten Pressemitteilung gleich im zweiten Satz. Pierers Verantwortung für die Korruptionsaffäre ist Dreh- und Angelpunkt der Diskussionen um ihn seit dem 15. November des vergangenen Jahres. Eng damit verbunden ist die Frage, ob er als Aufsichtsratschef der richtige Mann ist, Licht in dunkle Vorgänge zu bringen, die sich zum größten Teil in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender von Siemens abgespielt haben.

Am 15. November 2006 brach für viele, wohl auch für Pierer, die heile Siemens-Welt zusammen. 250 Polizisten, Steuerfahnder und 23 Staatsanwälte durchsuchten Siemens-Standorte in München, Erlangen und in Österreich. In den folgenden Tagen und Wochen weitete sich der Verdacht gegen Mitarbeiter des Unternehmens auf Schmiergeldzahlungen stetig aus. Am 12. Dezember beendete Vorstandsvorsitzender Klaus Kleinfeld sein Schweigen und bezifferte den Umfang zweifelhafter Zahlungen an Vertriebsberater in den vergangenen sieben Jahren auf 420 Millionen Euro. Schon drei Wochen zuvor hatte die Staatsanwaltschaft München Erkenntnisse gewonnen, dass eine Bande von Mitarbeitern der Kommunikationstechniksparte Com schwarze Kassen im Ausland angelegt hat. Das Geld wurde offenbar eingesetzt, um mit Korruption Aufträge in zahlreichen Ländern zu gewinnen. Auf der Liste der Beschuldigten stehen auch der ehemalige Finanzvorstand von Com und zwei frühere Zentralvorstände von Siemens.

Der Wind wurde nur langsam rauher

Auch Pierer stellte sich am 12. Dezember an Kleinfelds Seite beim Weißwurstfrühstück in einem Münchner Hotel den Fragen von Journalisten. Damals sah er sich mit ersten Rücktrittsforderungen in Medien und von einigen Politikern konfrontiert. Doch einen solchen Schritt lehnte er strikt ab. Nicht jedes Mal, wenn etwas schieflaufe, müsse jemand dafür geradestehen. „Sonst bräuchten wir alle paar Monate einen neuen Vorstand“, sagte er, von der Anspannung der vergangenen Wochen sichtbar gezeichnet.

Auf der Hauptversammlung von Siemens Ende Januar, einen Tag vor seinem 66. Geburtstag, wurde der Wind für Pierer rauher. Mit nur knapp 66 Prozent der Ja-Stimmen erteilten ihm die Anteilseigner die Entlastung. Angesichts der bei solchen Abstimmungen üblichen Ergebnissen von fast 100 Prozent bedeutete sein Abschneiden weit mehr als einen Denkzettel. Von Rücktritt wollte der Franke, der von 1992 bis 2005 Vorstandschef von Siemens gewesen war, aber immer noch nichts wissen. Jetzt aufzugeben, empfände er als Fahnenflucht und als Schuldeingeständnis, wie er auf der Hauptversammlung andeutete.

„Sein Rücktritt ist ein Befreiungsschlag“

Doch die Serie schlechter Nachrichten für Siemens und für Pierer riss nicht ab. Mitte Februar flammte der nächste Skandal auf. Die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth ermittelt wegen Millionenzahlungen von Siemens an Unternehmen des bisherigen Bundesvorsitzenden des Arbeitnehmerverbands AUB, Wilhelm Schelsky. Es besteht der Verdacht, dass Schelsky keine Gegenleistungen erbracht, sondern mit dem Geld von Siemens die AUB, die der IG Metall seit langem ein Dorn im Auge ist, finanziert hat. Der bisherige Höhepunkt der AUB-Affäre war die Verhaftung von Johannes Feldmayer, Mitglied im Siemens-Zentralvorstand. Er hatte Anfang 2001 einen Vertrag mit Schelsky unterzeichnet. Kurz vor Ostern kam Feldmayer aus dem Gefängnis, nachdem der Haftbefehl gegen ihn außer Vollzug gesetzt worden war.

Die Untersuchungshaft von Feldmayer brachte auch Pierer stärker in die Bredouille. Bundespolitiker der SPD und der Grünen forderten ihn auf, seine Aufgabe als Berater der Bundesregierung zumindest ruhen zu lassen. Die Union stärkt dem CSU-Mitglied Pierer mit lobenden Worten in der Öffentlichkeit weiterhin den Rücken. Doch wenn die Mikrofone und Kameras ausgeschaltet sind, schütteln auch manche Politiker von CDU und CSU den Kopf über Pierers Hartnäckigkeit. Auch in anderen Unternehmen stieß sein Verhalten auf Verwunderung. Die Affären von Siemens seien mit Pierers Namen eng verbunden, mit ihm wäre ein Neuanfang unmöglich, heißt es in einem Münchner Konzern. „Sein Rücktritt ist ein Befreiungsschlag.“

Später Entschluss

Pierer wollte das nicht erkennen. Hätte er sich schon im Dezember zu dem Schritt entschlossen, hätte er Stärke gezeigt und dem Konzern früh ein Signal für einen Aufbruch in eine neue Zeit gegeben. Auf der Hauptversammlung drückte er sein Bedauern aus, dass er nach einzelnen früheren Korruptionsfällen von Siemens „offenbar nicht in ausreichender Weise Konsequenzen im Unternehmen gezogen“ habe. Doch bis heute sieht er keinen Anlass, die Verantwortung dafür zu tragen.

In einem Brief an die Mitarbeiter des Konzerns, der in der Nacht auf Freitag die Computer der Beschäftigten erreichte, klingt Bitterkeit Pierers durch. Sogar an den Ermittlungsbehörden äußert er Kritik: „Betroffen machen mich aber auch die pauschalen Vorverurteilungen in der Öffentlichkeit, die oftmals ohne Rücksicht auf die Faktenlage erfolgen, und das Vorgehen einzelner Behörden gegenüber verdienten Mitgliedern unseres Hauses. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel scheint mir dabei zuweilen in Frage gestellt.“

Im Unternehmen heißt es, Pierer sei bis vor kurzem der festen Überzeugung gewesen, er könne als Aufsichtsratsvorsitzender Siemens weiter helfen - auch bei der Aufklärung der Vergangenheit. Nicht wenige sind der Ansicht, er habe sich für unersetzlich gehalten. Der Franke hatte gehofft, es biete sich ihm die Chance für einen eleganten Abschied, um sein Lebenswerk als Siemens-Manager zu retten. Im Januar 2008 wird der Aufsichtsrat von der Hauptversammlung turnusgemäß neu gewählt. Pierer hätte sich wohl gern erst dort verabschiedet. Bis zu diesem Termin übernimmt nun in der nächsten Woche Gerhard Cromme, der Aufsichtsratsvorsitzende von Thyssen-Krupp, Pierers Nachfolge.

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