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Roo’bar-Riegel : Der vegane Renner aus Sofia

Trend-Produkt: 100 Prozent organisch und voller „Superfood“ wie Chia-Samen Bild: Unternehmen

Maulbeer-Vanille oder Hanfprotein - drei junge Bulgaren stellen einen der erfolgreichsten Energieriegel Europas her. Jetzt wollen sie auch deutsche Supermärkte erobern.

          Sie sind braun, grün, rot oder gelb, sehen aus wie gedrungene Gespenster und sie haben Riesenkräfte. Hin und wieder lassen sie in Internetpräsentationen oder auf Lebensmittelmessen ihre Muskeln spielen, dann ragt ein strammer Bizeps aus dem kuppelförmigen Körper der animierten Figuren hervor. „Das sind unsere inneren Superhelden, die hat jeder Mensch“, sagt Anita Klasanowa und lacht.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          „Unsere Rohkost-Riegel sorgen dafür, dass wir sie freisetzen und leistungsfähiger sind“. Als Grafikdesignerin und Lebensmitteltechnikerin hat sie beides erfunden, die Naschereien und die bunten Markenzeichen. Roo’bar heißt das Produkt aus Bulgarien, was an „roh“ erinnern soll und für nicht weniger steht als für eine der beliebtesten Ökoknabbereien Europas.

          Das Unternehmen Roo Brands in Sofia, das die Sechsunddreißigjährige gemeinsam mit ihrem Mann Kalin Klasanow und dem Geschäftspartner Yani Dragow führt, ist eine der erfolgreichsten Gründungen Bulgariens der vergangenen Jahre. Und sie ist ein Beleg dafür, wie sehr das Balkanland von seinem Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 2007 profitieren konnte.

          „Wir liegen voll im Trend“

          Roo Brands exportiert mehr als 90 Prozent seiner Waren in 41 Länder. Der mit Abstand wichtigste Markt ist Deutschland, das ein Viertel der Ausfuhr abnimmt. Das Wachstum der Gesellschaft, die als Zweipersonenbetrieb begann, ist enorm. 2014 ist der Umsatz um 360 Prozent auf 1,8 Millionen Euro gestiegen.

          Statt 800.000 Riegel wie im Jahr zuvor wurden 3,5 Millionen Stück verkauft, statt zwölf Personen wie 2013 beschäftigt Roo Brands jetzt 56. Im laufenden Jahr soll mindestens eine Verdopplung des Umsatzes drin sein. Demnächst zieht die Produktion in eine größere Halle um, in der die neuen Maschinen eine viermal so große Kapazität haben wie bisher. Kaum drei Jahre nach der Gründung ist das Unternehmen schon hochprofitabel. Die Nettogewinnspanne gibt Dragow mit 20 Prozent an.

          Das Sortiment umfasst 13 ausgefallene Geschmacksrichtungen, etwa „Maulbeer-Vanille“, „Chili-Lakritze“, „Baobab-Ingwer“ und „Hanfprotein“. Verwertet werden auch exotische Beerenarten sowie die Samen der Chia-Pflanze, eines mexikanischen Salbeis. Der Renner ist „Chia-Kokosnuss“. „Wir liegen voll im Trend, die Leute geben für gesundes Essen gern Geld aus“, sagt Kalin Klasanow. „Der immer stärkere vegane Lebensstil kommt uns zugute.“ Die Roo’bars seien zu 100 Prozent organisch, würden ohne Zucker und Tierprodukte hergestellt und derart schonend zubereitet, dass viele Vitamine und Mineralien erhalten blieben.

          Aufbruch in den Supermarkt

          Angefangen hat die Erfolgsgeschichte, wie so viele ihrer Art, ganz klein. 2006 eröffnete das Ehepaar Klasanow in Sofia das erste Geschäft für organische Lebensmittel in Bulgarien. Vier Jahre später probierte Anita die Zubereitung von Frucht- und Gemüsekeksen ohne Erhitzen aus. Was eigentlich dazu gedacht war, ihre eigenen Kinder an gesundes Essen heranzuführen, stellte sich als Verkaufsschlager heraus. Bald war die Nachfrage so groß, dass die Familie Herstellung und Vertrieb nicht mehr allein stemmen konnte.

          Deshalb nahm das Paar Yani Dragow mit an Bord. Ihm gehört ein Handelsunternehmen, das heute Smart Organic heißt und Mehrheitseigentümer von Roo Brands ist. Der Gesellschafter brachte die meisten Investitionen auf, bisher etwa 300.000 Euro. Obgleich auch die Gewinne ins Unternehmen fließen, reicht die Finanzierung für das schnelle Wachstum nicht aus.

          Deshalb will Smart Organic noch in diesem Jahr an die Börse gehen. Ausgebaut werden sollen auch die Vertriebswege. Bisher können Käufer außerhalb Bulgariens die Riegel online kaufen oder in spezialisierten Geschäften. Dragows Ziel ist es, in die Supermarktketten vorzudringen. Derzeit laufe ein Pilotversuch mit der deutschen Kaiser’s-Gruppe, sagt er.

          Kinder sind Riegel-Tester

          In Deutschland gibt es jetzt schon eine kleine Fangemeinde im Internet. Ein Käufer lobt den „chewy Biss“ der Ware und schreibt: „Ich hätte nicht gedacht, dass aus nur vier natürlichen gesunden Zutaten so etwas Superleckeres entstehen kann.“ Eine Kundin verrät, ihr sei Roo’bar von ihrer „Personal Trainerin“ empfohlen worden – als Frühstücksersatz.

          Kritik gibt es zuweilen an der Klebrigkeit sowie am Preis: „Ob der Preis wirklich nötig ist, darüber lässt sich wohl streiten. Allerdings hält er davon ab, mehr zu kaufen.“ Im Online-Handel kosten die 30 Gramm schweren Knabberschnitten 1,29 bis 1,99 Euro. Das ist zwar mehr als für Müsli- oder Schokoriegel, bewegt sich aber etwa auf dem Niveau anderer Protein- oder Energieprodukte.

          Die Herstellung sei aufwendig, sagt Dragow, bis auf Mandeln, Hagebutten und einige andere Bestandteile würden die meisten Zutaten im Ausland gekauft, oft in Lateinamerika oder Asien. In Bulgarien gebe es die Riegel zwar schon für 1,70 Lewa zu kaufen, knapp 0,90 Euro. Aber hier liefere Roo Brand direkt an den Einzelhandel. Unterdessen experimentiert Anita Klasanowa schon mit den nächsten Aromen, wieder sind ihre Kinder die strengsten Kritiker. „Wenn sie meine Riegel mögen, gehen sie in Serie.“

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