24.06.2005 · Angesichts der Rekordpreise für Öl heben British Airways und Lufthansa Cargo ihre Kerosinzuschläge weiter an. Richard Bransons Virgin Atlantic sucht die große Lösung - den Bau einer eigenen Ölraffinerie.
Der Ölpreis schwappt knapp unter der 60-Dollar-Marke, British Airways erhöht vom kommenden Montag an noch einmal den Kerosinzuschlag. Lufthansa Cargo wird das nach eigenen Angaben vermutlich auch tun. Ein anderer denkt nur in großen SchrittenDer britische Milliardär Richard Branson, seine Virgin Group, erwägt den Bau einer eigenen Ölraffinerie, um Engpässe abzufedern und die Kosten für seine Fluggesellschaft Virgin Atlantic Airways zu senken. Die Entscheidung darüber werde in zwei bis drei Monaten nach Abschluß einer Studie fallen, sagte Branson im Interview mit Bloomberg News. Wo die Raffinerie gebaut werden könnte, wollte er nicht sagen.
Fehlende Raffineriekapazitäten haben dazu beigetragen, den Preis für das Rohöl, das zu Kerosin raffiniert wird, in die Höhe zu treiben. In den letzten zwölf Monaten ist Flugbenzin 65 Prozent teurer geworden, basierend auf den Preisen für die Lieferung in den New Yorker Hafen. Bei den meisten Airlines ist Kerosin der zweitgrößte Kostenfaktor, gleich nach den Personalkosten.
„Muß zusehen, daß ich die Preise senke“
„Ich denke über den Bau einer Ölraffinerie nach, weil es einen enormen Engpaß bei den Raffineriekapazitäten gibt. Und als Eigentümer einer Fluggesellschaft muß ich zusehen, daß ich die Preise senke", sagte Branson. Die Chancen ständen 50:50, daß mit dem Bau einer Anlage für schätzungsweise eine Milliarde Dollar begonnen werde, fügte Branson hinzu. Andere Fluggesellschaften dürften erwägen, sich dem Projekt an zuschließen.
Virgin Atlantic werde dieses Jahr voraussichtlich zusätzlich 60 Millionen Pfund (90,4 Millionen Euro) für Kerosin ausgeben, sagte Steve Ridgeway, der Vorstandsvorsitzende der Airline. Virgin Group ist mit 51 Prozent an Virgin Atlantic beteiligt, die restlichen Anteile entfallen auf Singapore Airlines Ltd.
Ölpreis bleibt oben - „vielleicht für immer“
Die Wahrscheinlichkeit, daß Rohöl und Kerosin billiger werden, sei ziemlich gering, betonte Branson und verwies auf den Druck durch das Wirtschaftswachstum in Asien. „Es scheint, daß der Ölpreis durch das starke Wachstum in China und Indien für einige Zeit oben bleibt, vielleicht sogar für immer.“
An der Studie arbeiten auch externe Experten, erläuterte Branson. Namen nannte er indes nicht. Partner für das geplante Projekt gebe es noch nicht, fügte er hinzu. Was den Standort für die Raffinerie angeht, sagte Branson lediglich, daß solche Anlagen bei ihren Nachbarn nicht gerade beliebt seien. „Die Leute mögen es nicht, wenn in ihrer Nähe eine Raffinerie gebaut wird, weil sie als dreckig und nicht gerade umweltfreundlich gelten, aber wir schauen uns um“, sagte Branson.
In den Vereinigten Staaten wurde seit 29 Jahren keine neue Raffinerie mehr gebaut. Die jüngste ist in Garyville, Louisiana, sie ging 1976 in Betrieb und gehört zur Marathon Oil Corp. Umweltauflagen würden vom Bau neuer Anlagen abhalten, weil sie mit höheren Kosten verbunden sind, sagte Bruce Burke, Vice President für das Raffineriegeschäft bei Nexant Inc. in White Plains, New York. In den Vereinigten Staaten koste eine Raffinerie mit einer Verarbeitungskapazität von 200.000 Barrel pro Tag zwischen 2,4 Milliarden Dollar und 3 Milliarden Dollar, berichtete Burke.
British Airways macht Tickets teurer
Bei British Airways steigen am kommenden Montag, 27. Juni, die Zuschläge bei Langstreckenflügen auf 24 Pfund (rund 36 Euro) von 16 Pfund, teilte das Unternehmen am Freitag mit. Auf Kurzstrecken steigt der Zuschlag auf acht von sechs Pfund. Die Zuschläge gelten den Angaben zufolge zunächst nur für in Großbritannien ausgestellte Tickets. Über die Lage auf anderen Märkten werde noch beraten, erklärte das Unternehmen.
Der Schritt sei wegen des anhaltenden Anstiegs der Ölpreise auf fast 60 Dollar pro Barrel unvermeidlich, hieß es weiter. Die Treibstoffkosten für British Airways würden in diesem Finanzjahr 1,6 Milliarden Pfund betragen. Dies wären rund 450 Millionen Pfund mehr als 2004/2005.
Lufthansa erhöht die Frachtpreise
Auch die Frachttochter der Deutschen Lufthansa wird ihren Kerosinzuschlag voraussichtlich um weitere fünf Cent pro Kilogramm anheben. Eine Entscheidung darüber werde am Montag fallen, sagte ein Sprecher von Lufthansa Cargo am Freitag in Frankfurt am Main. Es sehe so aus, als werde es zu der Erhöhung kommen, fügte er hinzu. Zur Zeit verlangt die Airline einen Aufschlag von 40 Cent je Kilogramm.
Der Ölpreis ist am Freitag nur knapp unter der am Vortag erreichten Rekordmarke von 60 Dollar geblieben. Im asiatischen Handel wurden für ein Faß leichtes Rohöl 59,74 Dollar (49,51 Euro) gezahlt. Dies waren 32 Cent mehr als zum Handelsschluß in New York. Dort war der Kurs am Donnerstag erstmals auf die Marke von 60 Dollar gestiegen.
Analysten erwarteten angesichts knapper Raffinieriekapazitäten auch für den Rest des Jahres Preise auf hohem Niveau. Der Benzinpreis in Deutschland erreichte unterdessen nach einem Bericht der „Bild"-Zeitung einen neuen Höchststand. An den Rohölmärkten scheint sich nun die Annahme durchgesetzt zu haben, daß sich die Lage auf absehbare Zeit nicht entspannen wird. Dies ruft auch Spekulanten auf den Plan, die nun wieder verstärkt auf hohe Preise wetten.
„Preise sicher zwischen 50 und 60 Dollar“
„Solange die weltweite Nachfrage stark bleibt, können wir keinen wesentlichen Rückgang erwarten“, sagte Victor Shum vom amerikanischen Marktbeobachtungsunternehmen Purvin and Gertz in Singapur. „Das Versorgungsproblem, also Kapazitätsengpässe bei der Rohölproduktion und bei Raffinierien, wird demnächst nicht gelöst werden. Für den Rest des Jahres werden die Preise sicher zwischen 50 und 60 Dollar bleiben.“ Preise deutlich über 60 Dollar werde es geben, wenn es Produktionsunterbrechungen in Raffinerien gebe. Dies werde zunehmend wahrscheinlich, weil die Anlagen rund um den Globus praktisch voll ausgelastet seien. In den Vereinigten Staaten liege die Auslastung zur Zeit etwa bei 96 bis 97 Prozent.
Bei den Benzinpreisen mußten die Autofahrer nach Angaben des Hamburger Energie Informationsdienstes (EID) zur Wochenmitte im bundesweiten Schnitt rund 1,25 Euro pro Liter Superbenzin zahlen, wie die „Bild" berichtete. Dies war ein Cent mehr als in der Vorwoche und ein neuer Rekord. Bei Diesel gab es dem Bericht zufolge unter dem Strich ebenfalls eine Preiserhöhung um einen Cent auf nunmehr 1,104 Euro pro Liter.
Der anhaltend hohe Ölpreis hat am Freitag in Fernost zu herben Verlusten bei Exportwerten geführt. Besonders betroffen waren Aktien aus der Technologiebranche. Der Euro durchstieß kurzfristig die Marke von 1,20 Dollar nach unten, erholte sich dann aber wieder auf 1,2036 Dollar.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.374,23 | −1,43% |
| Dow Jones | 12.456,90 | −0,98% |
| EUR/USD | 1,2419 | −0,55% |
| Rohöl Brent Crude | 103,94 $ | −2,72% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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