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Ritalin Die Karriere einer Pille

 ·  Erst sollte Ritalin Schläfrige munter machen. Dann stellte sich heraus, dass das Medikament auch Zappelphilippe beruhigt. In Amerika trimmen sich inzwischen offenbar Schüler mit den Pillen auf Leistungsfähigkeit. Dabei ist die Arznei höchst umstritten. Von Lisa Nienhaus.

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Spätestens seit Lynette in der Fernsehserie „Desperate Housewives“ den Kindern ihrer Freundin die Pillen gestohlen hat, um ihre eigenen Leistungen damit zu steigern, ist es so weit: Ritalin ist weltweit bekannt. Für den Hersteller des Medikaments, den Schweizer Pharmakonzern Novartis, war dieser internationale Durchbruch ein eher unangenehmes Ereignis. Denn Lynette wurde in der Serie von den Pillen abhängig, die die Kinder gegen Hyperaktivität bekamen und die Lynette wach machten und den Haushalt mit links erledigen ließen. Drei Episoden lang kämpfte sie dagegen.

In Amerika war das nichts Neues. Dort sind Ritalin und sein Wirkstoff Methylphenidat schon lange ein Begriff. Das Medikament wird eingesetzt, um hyperaktive Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit - die Experten nennen das eine Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) - zu behandeln. Die Therapie der amerikanischen Zappelphilippe hat zu einer rasanten Entwicklung des Marktes geführt und Ritalin zu einem Wachstumstreiber des Pharmakonzerns Novartis gemacht.

330 Millionen Dollar Umsatz machte Novartis im vergangenen Jahr mit der Ritalin-Gruppe. Sie war einer der zwanzig größten Umsatzbringer des Konzerns. Allein im vergangenen Jahr stieg Novartis' weltweiter Umsatz mit Ritalin-Produkten um 37 Prozent, hat aber trotz allem nach Angaben des Unternehmenssprechers „nicht das Potential, einer unserer großen Blockbuster zu werden“.

Der Verbrauch hat sich verdreizehnfacht

Ein Grund ist, dass die Konkurrenz auf dem Markt mitmischt. So machte Johnson & Johnson mit seiner ADHS-Pille Concerta allein im vergangenen Jahr 930 Millionen Dollar Umsatz, ein Wachstum von mehr als zwanzig Prozent im Vergleich zum Jahr 2005. Der deutsche Marktführer, die Firma Medice Arzneimittel Pütter, konnte mit Methylphenidat-Produkten den Firmenumsatz innerhalb weniger Jahre verdoppeln. „Wir konnten jedes Jahr zwanzig Prozent mehr Mitarbeiter einstellen“, sagt Geschäftsführer Richard Ammer. Den Gesamtmarkt in Deutschland beziffert er auf 80 Millionen Euro.

Damit liegen die Deutschen weit unter dem Verbrauch der Amerikaner, doch sie holen auf. 2006 kauften die deutschen Apotheken 1221 Kilogramm des Wirkstoffs in Form von Arzneimitteln. 1996 waren es 88 Kilo gewesen. Der Verbrauch hat sich also in zehn Jahren mehr als verdreizehnfacht. Und das, obwohl viele Kinderärzte der Therapie von ADHS mit Medikamenten eher reserviert gegenüberstehen.

„Ermuntert und belebt - mit Maß und Ziel“

Wer aufgrund des Wachstums glaubt, Ritalin sei ein relativ neues Medikament, irrt sich gewaltig. Methylphenidat tritt seinen umstrittenen Siegeszug an, mehr als 60 Jahre nachdem es entdeckt wurde. Lange war nämlich gar nicht klar, was der Wirkstoff alles kann. Im Jahr 1944 synthetisiert der Chemiker Leandro Panizzon erstmals Methylphenidat. Die pharmakologische Prüfung ergibt, dass er ein „mildes Psychostimulans“ gefunden hat, eine Substanz, die anregt und munter macht.

Wie damals üblich probiert er das Mittel zunächst an sich selbst aus, findet aber keine Wirkung, die ihn beeindruckt. Seine Frau dagegen profitiert von dem anregenden Effekt beim Tennisspielen und nimmt es ab und zu vor einem Match. Folglich benennt das Pharmaunternehmen CIBA in Basel (heute Novartis), bei dem Panizzon arbeitet, das Medikament nach ihr: aus Marguerite (Rita) wird Ritalin.

1954 wird Ritalin in der Schweiz und in Deutschland eingeführt und beworben als Psychotonikum, „das ermuntert und belebt - mit Maß und Ziel“. Es gilt als geeignet bei gesteigerter Ermüdbarkeit und depressiven Verstimmungen. Außerdem könnten auch Gesunde profitieren, so die Empfehlung, wenn sie „nach durchwachter, durchgrübelter Nacht“ am nächsten Tag volle Leistung bringen wollten. Es wird als Appetitzügler genutzt und als Muntermacher bei der Schlafstörung Narkolepsie.

Zunächst in einer Liga mit Koffein

Bis in die sechziger Jahre gilt Methylphenidat in Deutschland als harmlose Substanz, die in eine Kategorie fällt mit Stärkungsmitteln wie Koffein. In deutschen Apotheken gibt es Ritalin ohne Rezept. Die Sorglosigkeit der Anfangsjahre schlägt in den achtziger Jahren ins Gegenteil um. Lange nachdem der Patentschutz erloschen ist, wird Ritalin zum Sorgenkind von Novartis. Die Drogenszene hat den Stoff entdeckt, der in hoher Dosis euphorisierend wirken kann. Der Konzern nimmt nach harscher Kritik 1988 die Trockenampulle weltweit vom Markt. Schon 1971 war der Wirkstoff unter die internationale Kontrolle der Vereinten Nationen gestellt worden, die ihn seitdem beobachten. In Deutschland fällt er heute unter das Betäubungsmittelgesetz und darf in Apotheken nur gegen besondere Rezepte in kleinen Mengen abgegeben werden.

Dies hätte das Ende von Ritalin als Arzneimittel sein können. Doch Kinderärzte hatten ein neues Feld gefunden, für das sich das Mittel eignete: Es regte nicht nur Schläfrige an, sondern konnte auch Aktive beruhigen. Bei hyperaktiven Kindern zeigte es erstaunliche Wirkungen. So traten Ritalin und seine Nachahmerpräparate gemeinsam mit der ADH-Störung an zu einem neuen Aufstieg auf der Karriereleiter - begleitet von heftigen gesellschaftlichen Kontroversen.

ADHS-Arzneien sind umstritten

Unter Medizinern und Psychiatern sind ADHS-Arzneien umstritten. Es gilt als schwierig zu unterscheiden, welches Kind an ADHS leidet und welches aus anderen Gründen auffällig ist. Viele Ärzte sprechen sich auch dafür aus, die Kinder besser zu betreuen (kleinere Klassen, intensivere Zuwendung), anstatt sie mit Medikamenten künstlich an ihre Umgebung anzupassen.

Zuletzt wurde auch noch vermehrt über Missbrauch von Methylphenidat berichtet. In Amerika sollen sich Schüler und Studenten mit den Pillen auf Leistungsfähigkeit trimmen: Doping für alle. Für das Image der Arznei ist das mal wieder ein Desaster. Die wundersame Geschichte des Ritalin schlittert, so scheint es, in ein letztes unerfreuliches Kapitel.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.09.2007, Nr. 39 / Seite 40
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (4)

02.10.2007, 11:25 Uhr

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