17.10.2005 · Man ist es von Rick Wagoner gewohnt, daß er sich im Hintergrund hält. Doch ein verheerender Quartalsbericht zwingt den GM-Chef zu drastischen Schritten. Seine Ankündigungen zeigen, wie sehr er unter Druck steht, Fortschritte zu präsentieren.
Von Roland LindnerIrgendwann ist auch beim angeschlagenen Autokonzern General Motors (GM) der Moment gekommen, wo eine Ankündigung zur Chefsache wird. Der 52 Jahre alte Chairman und Chief Executive Officer Rick Wagoner hat sich in diesem Jahr aus dem Rampenlicht weitgehend zurückgehalten, obwohl sich die Krise von GM immer weiter verschärft hat. Am Montag trat er dann aber doch vor seine Mitarbeiter und brachte ihnen Neuigkeiten: GM hat eine Vereinbarung mit der Autogewerkschaft UAW über deutliche Kürzungen bei den Gesundheitsleistungen für die Mitarbeiter und Pensionäre geschlossen.
Offenbar sah sich GM gezwungen, der Öffentlichkeit Zeichen des Fortschritts zu präsentieren, weil das Unternehmen am Montag noch andere katastrophale Neuigkeiten hatte: Der Bericht zum dritten Quartal war verheerend, auf dem amerikanischen Markt gab es abermals einen Milliardenverlust, und auch das Europa-Geschäft rutsche wieder in die Verlustzone. Neben der Einigung mit der UAW kündigte GM auch an, den Verkauf eines Teils der Finanzsparte GMAC zu prüfen.
Ein eher unauffälliger Chef
Man ist es von Rick Wagoner durchaus gewohnt, daß er sich im Hintergrund hält. Auch als GM vor einem Jahr in Europa für Aufruhr sorgte und bei seiner deutschen Tochtergesellschaft Opel den Abbau von 9500 Arbeitsplätzen einleitete, war von Wagoner nicht viel zu sehen. Bei den Verhandlungen mit den Arbeitnehmern und in der Öffentlichkeit führten andere das Wort. Wagoner versicherte hinterher, er sei „in den Prozeß persönlich stark eingebunden“ gewesen. Aber selbst in besseren wirtschaftlichen Zeiten ist Rick Wagoner ein eher unauffälliger Chef. Das mag damit zu tun haben, daß Wagoner in erster Linie kein Auto-, sondern ein Zahlenmensch ist. Er stellt sich nicht in die Öffentlichkeit und präsentiert große Visionen vom Automarkt der Zukunft.
Wagoner, der seit 28 Jahren bei GM ist, begann seine Karriere in verschiedenen Finanzabteilungen, unter anderem in Auslandsgesellschaften in Europa und Südamerika. Sein großer Durchbruch kam im Jahr 1992, als er erst 39 Jahre alt war: In der legendären Palastrevolution wurde der damalige CEO Robert Stempel gestürzt, sein Nachfolger Jack Smith machte Wagoner zum Finanzvorstand. Zu diesem Zeitpunkt wies GM hohe Verluste aus, und das Unternehmen verlor Marktanteile, vor allem an japanische Wettbewerber.
Angestaubte Produktpalette
Das sind auch heute, wo Wagoner an der Spitze steht, die dominierenden Probleme. GM hat auf seinem Heimatmarkt in diesem Jahr dramatische Einbrüche bei den Verkaufszahlen ausgewiesen, während andere Anbieter - gerade die Japaner, aber auch der amerikanische Wettbewerber Chrysler - viel besser abgeschnitten haben. Was Wagoner seit dem Jahr 2000, als er CEO wurde, in erster Linie geschafft hat, sind Fortschritte bei Qualität, Produktivität und Kosten. Dagegen ist es ihm nicht gelungen, die schon lange als angestaubt geltende Produktpalette entscheidend aufzufrischen und die Verbraucher wieder von den Autos des Unternehmens zu begeistern. Zwar hat er vor ein paar Jahren den schillernden Autodesigner Bob Lutz von Chrysler geholt, wirklich spektakuläre Erfolge sind aber bis heute ausgeblieben. Wagoner hat sich mehr mit aggressiven Preisstrategien als mit attraktiven Produkten einen Namen gemacht. So hat er maßgeblich die Rabattschlacht auf dem amerikanischen Automarkt nach den Terroranschlägen im September 2001 ausgelöst. In diesem Jahr hat er mit der spektakulären Mitarbeiterrabattaktion noch eins draufgesetzt. Der Erfolg ist zweifelhaft: GM hat kurzfristig einen Absatzschub erlebt, mittlerweile sind die Verkaufszahlen aber wieder rückläufig.
Bislang hat Wagoner offenbar das Vertrauen des Verwaltungsrats. Viele Beobachter sind davon überrascht und hatten erwartet, daß Wagoner sich angesichts der sich verschärftenden Krise nicht halten kann. Die zeitgleich zu den desaströsen Quartalszahlen vom Montag gemachten Ankündigungen zeigen aber, wie sehr Wagoner unter Druck steht, Fortschritte zu präsentieren. Der Verwaltungsrat wird der Schieflage nicht unbegrenzt lange zusehen. Das gilt umso mehr, wenn der neue Großaktionär Kirk Kerkorian mit seiner Forderung nach einer Vertretung im Verwaltungsrat durchkommt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.374,23 | −1,43% |
| Dow Jones | 12.456,90 | −0,98% |
| EUR/USD | 1,2419 | −0,55% |
| Rohöl Brent Crude | 103,94 $ | −2,72% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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