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Folgen der Digitalisierung : Was arbeite ich – und wenn ja, wie lange noch?

Richard David Precht Bild: Stefan Finger

Richard David Precht, der Philosoph für alle Lebenslagen, warnt vor dramatischen Folgen der Digitalisierung. Kommt es tatsächlich so schlimm, wie er behauptet?

          Vor ihm gab es in diesem Sommer kaum ein Entkommen: Richard David Precht auf allen Kanälen. Im Fernsehen, im Radio und in den Buchhandlungen – überall war der Mann mit dem schulterlangen Haar präsent. Der Grund ist sein aktuelles Werk, „Jäger, Hirten, Kritiker“. In den Sachbuch-Bestsellerlisten steht Precht damit sehr weit oben. Ein Gefühl, das der Honorarprofessor gut kennt, seitdem er 2007 mit seinem populärphilosophischen Kassenschlager „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ zu Deutschlands intellektueller Allzweckwaffe mutierte.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Liebe, Bildung, Existenz, kein Thema ist ihm zu groß. Im Jahrestakt widmet er sich Fragen, über die Philosophen, die es in der Wissenschaft zu etwas bringen wollen, ein Leben lang grübeln. Das ist nicht Prechts Anspruch, er liefert Debattenbeiträge. Bemerkenswert ist sein feines Gespür für Themen, die das Bildungsbürgertum bewegen. Weil Precht nicht nur zu mutigen Thesen neigt, sondern diese auch eloquent und gespickt mit Referenzen auf große Denker vortragen kann, ist er ein Liebling der Medien. Das ZDF hat ihm 2012 eine eigene Fernsehsendung gegeben. Der Name ist Programm: „Precht“.

          Arbeitslosengeld vor dem großen Durchbruch

          Ein solcher Erfolg war für den gebürtigen Solinger lange nicht absehbar. Zwar schloss er seine Promotion über den österreichischen Autor Robert Musil 1994 mit Erfolg ab, doch es folgte eine vergleichsweise brotlose Zeit, in der Precht unter anderem als Essayist tätig war. Ein Jahr lebte er nach eigenen Angaben sogar von Arbeitslosengeld, bevor ihm sein großer Durchbruch gelang.

          Jetzt also sein jüngster Coup, ein Buch über die Digitalisierung. Prechts These ist schnell erzählt: Roboter und intelligente Computerprogramme werden in Deutschland und anderen Industrieländern Millionen Arbeitsplätze vernichten. Die vierte industrielle Revolution trifft nicht nur Niedriglöhner, sondern auch besser ausgebildete Beschäftigte wie Banker, Versicherungsangestellte und Justitiare. Zwar kommen auch neue Stellen hinzu, aber die sind vor allem etwas für die wenigen top-ausgebildeten Informatiker. Wer dagegen seinen Arbeitsplatz an ein selbstfahrendes Auto oder einen schlauen Computer verloren hat, steht mit leeren Händen da. Was unter dem Strich herauskommt, ist für ihn glasklar: Daran zu glauben, „dass die Beschäftigung konstant bleibt oder gar steigt, ist fahrlässig bis irrsinnig“, schreibt Precht in dem im April erschienenen Buch. In einem Fernsehbeitrag warnt Precht sogar vor einer „Massenarbeitslosigkeit“, wie sie die Bundesrepublik seit ihrer Gründung nicht erlebt habe. Precht wäre nicht Precht, hätte er nicht auch eine Lösung für das epochale Problem: das bedingungslose Grundeinkommen. Weil die Maschinen die Arbeit wegnehmen, brauche es mehr Sozialismus im Kapitalismus. Oder in Zahlen ausgedrückt: 1500 Euro für jeden, unabhängig davon, was sie oder er verdient – finanziert durch eine Transaktionssteuer. Das ist seine „Utopie für die digitale Gesellschaft“.

          Kommt alles so, wie der Philosoph prognostiziert, wären Arbeitswelt und Gesellschaft schon bald nicht mehr wiederzuerkennen. Doch wie belastbar ist die These des 53-Jährigen? Eigene Forschung, mit der er sein Krisenszenario am Arbeitsmarkt untermauern könnte, hat Precht nicht vorzuweisen. Er bezieht sich deshalb vor allem auf eine berühmt-berüchtigte Studie der Oxford-Forscher Carl Frey und Michael Osborne. „Danach verlieren die am weitesten entwickelten Länder in den nächsten fünfundzwanzig Jahren 47 Prozent ihrer Jobs“, fasst Precht die 2013 erschienene Studie zusammen. Er weist zwar darauf hin, dass solche Zahlen nicht verlässlich seien – fragt dann aber vielsagend, ob es nicht „naheliegend oder sogar äußerst wahrscheinlich“ sei, dass Millionen Beschäftigte bald nicht mehr gebraucht werden. „Ich kenne auch kaum jemanden, der das mittelfristig ernsthaft bezweifelt“, teilt Precht auf Anfrage mit.

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