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Retro-Räder „Die Leute wollen entspannt radeln“

07.09.2010 ·  Der englische Traditionsbetrieb Pashley fertigt seine nostalgischen Fahrräder in Handarbeit - und profitiert von einer Retro-Welle. Viele Briten möchten mit Stil radeln, auf kuriosen Festen sogar im Tweed-Kostüm. Dabei ist Geschäftsführer Williams nicht mal Fahrrad-Narr.

Von Marcus Theurer, London
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Das Fahrrad sieht aus, als käme es direkt aus einem Miss-Marple-Film. Es hat cremefarbene Reifen, einen langgestreckten grazilen Stahlrahmen, einen altertümlichen Ledersattel, keine Schutzbleche, keinen Gepäckträger und keine Beleuchtung - dafür ist es „very british“. „Eigentlich war es nur für mich gedacht, und ich wollte alles sehr einfach haben“, sagt Adrian Williams. Das ist ihm auch gelungen. Denn bei diesem nostalgischen Drahtesel gibt es nichts, was man noch weglassen könnte.

Sich ein Fahrrad ganz nach den eigenen Wünschen maßschneidern zu lassen, ist für Williams kein Problem, denn er ist Fahrradfabrikant. Pashley Cycles heißt sein Unternehmen, ein in Deutschland bisher fast unbekannter Hersteller, der in der englischen Shakespeare-Stadt Stratford-upon-Avon Fahrräder baut - und zwar noch genauso wie bei der Gründung vor 84 Jahren: von Hand und zu erstaunlich erschwinglichen Preisen.

Retro kommt bei vielen an

Pashley-Fahrräder kann man bei den wenigen deutschen Händlern, die sie im Sortiment führen, schon ab 600 Euro kaufen. Das ist zwar kein Billigangebot, aber doch günstig für ein Fahrrad aus westeuropäischer Produktion mit handgefertigtem Rahmen. Auch den eigenwilligen Retro-Renner, den Williams nach dem Vorbild alter Pashley-Modelle aus den dreißiger Jahren entworfen hat, baut das Unternehmen inzwischen in Serie.

Weil es ursprünglich für den Firmenpatron selbst bestimmt war, heißt es jetzt auch so: Guv'nor, was so viel wie Chef bedeutet. Williams hat sein Einzelstück vor zwei Jahren auf eine Fahrradmesse mitgenommen und dort schnell gemerkt, dass es nicht nur ihm gefiel. „Es kamen ständig Leute und fragten, wo sie das Ding kaufen könnten“, erinnert er sich. Inzwischen hat sich im Internet bereits ein Club der Guv'nor-Enthusiasten formiert.

Mit seinen nostalgischen und meist schwarz lackierten Fahrrädern, die anheimelnd altmodisch klingende Namen wie „Princess Sovereign“ und „Roadster Classic“ tragen, bedient Pashley eine Marktnische, in der das Geschäft floriert. „In vielen Ländern gibt es im Fahrradgeschäft einen klaren Retro-Trend“, sagt Ulrich Gries vom Berliner Fahrradhändler Zweitrad, der auch Pashley-Modelle führt. Besonders bei Architekten seien die exotischen britischen Räder beliebt, hat Gries beobachtet. „Die mögen formschöne Dinge“, sagt der Händler.

Im Tweed-Outfit mit Stil radeln

Eine kleine, aber offensichtlich wachsende Zahl von Kunden will komfortable, klassische Fahrräder mit Rahmen aus schlankem Stahlrohr statt klobigem Aluminium oder Karbon, einfacher Technik und alltagstauglicher Ausstattung. Abgesehen vom puristischen Guv´nor bieten die Briten genau das. Damenräder werden bei Pashley serienmäßig mit einem geflochtenen Weidenkorb am Lenker ausgeliefert, den der Hersteller von einem Zulieferer aus dem nahen Birmingham bezieht. „Immer mehr Leute möchten kein aggressives Mountainbike, sie wollen nicht mehr herumrasen, sondern entspannt und aufrecht sitzend in die Pedale treten“, sagt der Pashley-Chef.

In Großbritannien treibt die Bewegung bereits kuriose Blüten: Im Frühjahr wurde in London zum zweiten Mal der „Tweed Run“ ausgetragen. 400 Enthusiasten in Knickerbocker-Hosen und Tweed-Jackets trafen sich in Chelsea, um „mit ein wenig Stil“, wie die Veranstalter proklamierten, durch die Stadt zu radeln - mit Teepause in Kensington Gardens und einer Prämierung des schönsten Schnauzbarts im Teilnehmerfeld. Pashley ist Hauptsponsor des „Tweed Run“.

Die Nostalgie-Mode auf zwei Rädern beschert dem Fahrradbauer einen fulminanten Aufschwung. Zwar verließen vergangenes Jahr nur rund 8.000 Räder die kleine Fabrik in Stratford, was fast nichts ist, denn allein in Deutschland wurden 2009 knapp 3,9 Millionen Räder verkauft. Aber Pashley hat mit seinen 50 Mitarbeitern den Umsatz trotz Rezession um 27 Prozent auf rund 4 Millionen Pfund (4,9 Millionen Euro) gesteigert. Ein neues günstiges Einstiegsmodell hat das Geschäft zusammen mit dem Guv'nor angekurbelt. „Auch in Deutschland beginnt die Nachfrage ganz gut zu wachsen“, sagt Williams. Pashley exportiert seine Fahrräder in 50 Länder. Einige davon finden ihren Weg sogar nach Kasachstan und in die Vereinigten Arabischen Emirate.

In der Pashley-Welt ticken die Uhren anders

Gefertigt werden die fabrikneuen Fahrrad-Oldtimer in einer unscheinbaren Wellblechhalle in einem Gewerbegebiet am Rand von Stratford. An der Rezeption steht ein rosarotes Damenrad zur Abholung bereit. Es ist für Fotoaufnahmen der Modezeitschrift „Vogue“ bestimmt. Sieben von zehn Pashley-Käufern sind Frauen. Auf dem kleinen Werksgelände geht es beengt zu, jeder Winkel wird genutzt, um Anbauteile und fertig verpackte Pashleys zwischenzulagern. Besprechungen finden in einem Gartenhäuschen hinter der Fabrik statt.

Die Uhren scheinen hier anders zu gehen. Kaum ein Fahrradhersteller in Westeuropa baut heute noch seine Rahmen selbst. Diese Arbeit haben auch Markenanbieter längst an Zulieferer in Osteuropa und Asien ausgelagert, wo die Lohnkosten niedriger sind. Bei Pashley, wo auch die Fahrräder für die Briefträger der britischen Staatspost Royal Mail und andere Spezialräder hergestellt werden, nimmt man sich dagegen noch drei Stunden Zeit, um einen Stahlrahmen selbst zusammenzuschweißen. Es gibt hier kein Fließband und keine Roboter, die Fertigung wirkt eher wie eine große Bastlerwerkstatt.

Den Unternehmer reizte die intellektuelle Herausforderung

Aber wie rechnet sich das in einem Hochlohnland wie Großbritannien? „Sie müssen clever und genügsam sein“, sagt Williams. Clever, weil die Verwaltungskosten „auf einem absoluten Minimum“ gehalten werden müssten und genügsam, weil auch dann keine Reichtümer zu verdienen seien. 2009 war allerdings ein gutes Jahr: Pashley hat einen Gewinn von 400.000 Pfund erwirtschaftet. „Wir könnten sehr viel schneller wachsen“, sagt der Fahrradbauer. Aber Williams, dem zeitweise auch der britische Fahrradsattel-Hersteller Brooks gehörte, ist vorsichtig. Die kleine Fabrik platzt zwar aus allen Nähten, doch er will bisher nicht umziehen. Die Miete für die derzeitigen Gebäude sei konkurrenzlos günstig, sagt er, und so werden die Nostalgie-Drahtesel wohl auch weiterhin am bisherigen Standort gefertigt.

Der Unternehmer Williams ist selbst kein Fahrrad-Narr. Bevor er vor 16 Jahren zu Pashley kam und den damals kurz vor dem Aus stehenden Traditionshersteller in zäher und mühseliger Arbeit wieder aufpäppelte, hatte er lange Zeit nicht einmal ein eigenes Rad. Es ist etwas anderes, was ihn an diesem Unternehmen, das so seltsam aus der Zeit gefallen scheint, reizt. „Ich mochte von Anfang an die intellektuelle Herausforderung“, sagt er. „Ich will zeigen, dass ein solcher Industriebetrieb in Großbritannien eine Zukunft haben kann.“

Das Unternehmen

Pashley Cycles ist einer der ältesten britischen Fahrradhersteller. William Rathbone Pashley gründete das Unternehmen 1926 in Birmingham. Pashley konzentrierte sich vor allem auf Transport-Fahrräder für Lieferanten und Eiscreme-Verkäufer. Seit 1971 liefert Pashley auch die Dienstfahrräder für die „Royal Mail“, das Pendant der Deutschen Post. Die Gründerfamilie zog sich 1994 aus dem Unternehmen zurück, das um die Jahrtausendwende den weitgehenden Exodus der britischen Fahrradindustrie überstand.

Der Unternehmer

Adrian Williams hat in seinem Berufsleben schon alles Mögliche gemacht. Der heute 55 Jahre alte studierte Luftfahrtingenieur arbeitete zunächst in der Flugzeugindustrie. Aber Williams wollte immer sein eigenes Unternehmen. Mit 35 Jahren stieg er aus und gründete eine Marketingfirma. Eines seiner Projekte war die Entwicklung eines Elektrofahrrads. Williams kam in Kontakt mit Pashley und beschloss 1994 den damals krisengeschüttelten Familienbetrieb zu übernehmen.

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