http://www.faz.net/-gqe-8vufo

Report des Stifterverbandes : Der Mindestlohn vernichtet Praktikumsplätze

Die Gesamtzahl der Studenten in Deutschland steigt stetig weiter. Bild: dpa

Mehr als 50.000 Praktikumsplätze für Studenten sind laut Stifterverband durch den Mindestlohn weggefallen. Um den Trend zu stoppen, schlägt der Verband eine neue Vergütungsregel vor.

          Deutsche Unternehmen bieten seit Einführung des gesetzlichen Mindestlohns erheblich weniger Praktika an. Vor allem längere Praktika für Studierende sind seltener geworden, während die Unternehmen aber zugleich deutlich mehr Geld für Praktikumsvergütungen ausgeben. Das zeigt ein neuer Report des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft, der die Investitionen der Wirtschaft im Bereich der Hochschulbildung untersucht.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Insgesamt seien mit dem Mindestlohn bis zu 53.000 Praktikumsplätze weggefallen; dies wäre mehr als jeder sechste. Jenseits davon habe die Wirtschaft in den vergangenen Jahren ihre Bildungsinvestitionen aber durchweg deutlich verstärkt, berichtet der von namhaften Unternehmen und Stiftungen getragene Verband.

          Wie der Report zeigt, hatten die Unternehmen im Jahr 2015 insgesamt 248.000 Praktikanten, die im Zuge ihres Studiums einen näheren Einblick in den Betriebsalltag erhielten. Zwar liegen für 2014 keine genauen Angaben vor, da die Daten nur alle drei Jahre erhoben werden. Hochrechnungen legen aber nahe, dass es im letzten Jahr vor Einführung des gesetzlichen Mindestlohns noch gut 300.000 studentische Praktika gab

          Pflichtpraktika sind ausgenommen

          Denn allein in den Jahren 2009 bis 2012 war die Zahl dieser Praktika um 36 Prozent auf 246.000 gestiegen – was auch für die Folgezeit einen starken Anstieg erwarten ließ. Das gilt umso mehr, als auch die Gesamtzahl der Studenten in Deutschland weiter stetig steigt. Selbst bei sehr zurückhaltenden Annahmen sei von einem Verlust von mindestens 14.000 Praktika auszugehen, so der Bericht.

          Seit 2015 müssen die Unternehmen für Praktika von mehr als dreimonatiger Dauer den Mindestlohn zahlen, wie er auch für normale Arbeitsverhältnisse gilt. Anfangs waren dies 8,50 Euro je Stunde, heute sind es 8,84 Euro. Ausgenommen sind laut Mindestlohngesetz nur Pflichtpraktika, die in Studien- oder Ausbildungsordnungen vorgeschrieben sind. Etwa ein Drittel der Studentenpraktika fällt den Erkenntnissen des Stifterverbands zufolge unter den Mindestlohn.

          Im Gegensatz zur Zahl der Praktikumsplätze haben sich die Ausgaben der Unternehmen für Praktika stark erhöht, wie der Report weiter zeigt: Die 246.000 Praktikanten des Jahres 2012 bekamen Vergütungen von insgesamt 303 Millionen Euro, den 248.000 Praktikanten des Jahres 2015 wurden fast 600 Millionen Euro ausgezahlt – obwohl sich mit dem Mindestlohn auch die durchschnittliche Dauer der Praktika verkürzte.

          Nur der halbe Mindestlohn für Praktikanten?

          Der übrige Aufwand der Unternehmen für Betreuung und Sachmittel stieg in den drei Jahren von 339 auf 384 Millionen Euro. Bedenklich sei auf jeden Fall, „dass das Praktikumsangebot nicht mehr mit den steigenden Studierendenzahlen mithalten kann“, warnt der Stifterverband – und schlägt auch eine neue Vergütungsregel vor:

          Für Praktikanten solle nur der halbe Mindestlohn vorgeschrieben werden, dieser aber durchaus gleich vom ersten Tag an. Das entspreche der Vorstellung, „dass Praktika halb Lern- und halb Arbeitsphasen sind“, heißt es in dem Report. Wenn hingegen derzeit schon bei guter Konjunkturlage Praktika verkürzt oder gestrichen würden, drohten in wirtschaftlich schwächeren Zeiten noch negativere Folgen.

          Unabhängig davon haben die Unternehmen ihre Investitionen in die akademische Bildung von Mitarbeitern und Nachwuchskräften aber auch in anderen wichtigen Bereichen deutlich erhöht. Im Jahr 2015 summierten sie sich laut Stifterverband auf 3,3 Milliarden Euro, was einer jährlichen Steigerung um 800 Millionen Euro allein seit 2012 entspreche.

          1,4 Milliarden Euro für dual Studierende

          Darunter fällt allen voran das Duale Studium, das den Hochschulbesuch in der Regel mit einer klassischen Berufsausbildung verzahnt. Für 2015 weist der Report rund 87.000 dual Studierende aus, in deren Ausbildung die Unternehmen insgesamt 1,4 Milliarden Euro investierten. Damit stiegt die Zahl der Studierenden gegenüber 2012 um 33 Prozent, die Ausgaben erhöhten sich sogar um 42 Prozent.

          Weitere 300 Millionen Euro gaben die Unternehmen aus, um vorhandene Mitarbeiter bei der Weiterbildung in Form eines Studiums zu unterstützen. Insgesamt 600 Millionen Euro setzten sie ein, um durch Stipendien, Stiftungsprofessuren und Spenden Wissenschaft zu fördern.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Allzeit bereit: Hizbullah-Kämpfer bei der Beisetzung gefallener Kameraden

          Naher Osten : Droht ein Krieg gegen Israel?

          In einem Bericht kommen pensionierte Generäle zu dem Schluss, dass ein neuer Waffengang zwischen der Hizbullah und Israel nur noch eine Frage der Zeit sei. Darin wird die Schiitenmiliz als der „mächtigste nichtstaatliche bewaffnete Akteur in der Welt“ bezeichnet.
          Beharrlich für eine Abschaffung des Solis: Christian Lindner inmitten seiner Mitverhandler von der FDP am Freitag.

          Jamaika-Gespräche : FDP wirft der Union Haushaltstricks vor

          Auch wenn die Finanzen nicht allein die Reise nach Jamaika verzögern: Für den Soli-Abbau bleibt das Geld der Knackpunkt. Wie viel Spielraum gibt es wirklich?

          Kommentar : Wofür steht Jamaika?

          Obergrenze oder offene Grenzen für alle? Recht und Ordnung oder legale Joints? Marktwirtschaft oder Planwirtschaft? Nach den Schwierigkeiten bei den Jamaika-Gesprächen muss die Frage erlaubt sein: Passt das alles wirklich zusammen?

          Bonn : Weltklimakonferenz bringt kleine Erfolge

          Die Verhandlungen dauerten viel länger als geplant, nach einem zähen Ringen gibt es nun aber eine wichtige Einigung auf der Bonner Klimakonferenz. Beobachter zeigen sich erleichtert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.