Das durch die Einführung des Euro in seinem Kerngeschäft angegriffene Spezialinstitut Reisebank erschließt neue Geschäftsfelder und expandiert kräftig im Ausland. In Kooperation mit der Citibank steigt die Tochtergesellschaft der DVB Bank jetzt als Vermittler ins Kreditgeschäft ein. Für 2003 nennt Vorstand Wolf-Dieter Weschke im Gespräch mit dieser Zeitung weitere ehrgeizige Pläne. Nach der Schweiz, Österreich, Holland und Tschechien soll der Markteintritt in Frankreich und Belgien erfolgen. Zudem peilt Weschke an, bis Ende 2003 insgesamt 350 Banken zu gewinnen, für die die Reisebank das Sortengeschäft abwickelt. Derzeit sind es rund 200, im Jahr 2001 waren es erst 70.
Wegen des Wegfalls zahlreicher europäischer Landeswährungen hatten einige Beobachter schon das Ende für die seit 1926 vor allem auf Reisezahlungsmittel ("Wechselstube an Bahnhöfen") spezialisierte Reisebank prophezeit, die 70 Geschäftsstellen in Deutschland und 30 weitere im Ausland hat. Durch den Ausbau der Sparten weltweiter Bargeldservice gemeinsam mit dem Partner Western Union (von Banken bestellte Währungen werden ins Haus der Bankkunden geliefert) und das Anbieten "reisenaher Produkte" wie Telefonkarten, Reisekrankenversicherungen sowie auch Last-Minute-Reisen, ist es nach den Worten von Weschke im Jahr 2002 nicht so gut wie erhofft, aber doch zum großen Teil gelungen, den durch den Wegfall europäischer Währungen und die lahmende Reisekonjunktur bedingten Umsatzausfall von 40 Prozent im Kerngeschäft nahezu wettzumachen.
Exotenwährungen als Nische.
Der Reisebank kommt dabei zugute, daß viele Banken ihr Sortengeschäft mangels nachgefragter Masse an "Exotenwährungen" zunehmend einstellen. Nach Berichten aus Bankenkreisen ist der Sortenumsatz der deutschen Geldhäuser im Jahr 2002 um bis zu 85 Prozent eingebrochen. Immer mehr Banken arbeiteten deshalb mit dem Nischenanbieter zusammen. Obwohl die Reisebank zur genossenschaftlichen Bankengruppe gehört, stammen die Kunden aus allen drei Säulen des deutschen Bankgewerbes. Neben Volksbanken und Raiffeisenbanken greifen auch Sparkassen sowie Privatbanken wie zum Beispiel die BHF-Bank und die Direktbank Diba auf den Fremdanbieter zurück.
Für die Expansion in Europa setzt die Reisebank auf eigene Geschäftsstellen, aber auch auf Shop-in-shop-Konzepte mit Partnern aus der Tourismusbranche. Ziel ist es, vor allem den Ausbau der Sparte weltweiter Bargeldservice voranzutreiben. In Deutschland teilt sich die Reisebank (Bilanzsumme im Jahr 2001: 63 Millionen Euro) mit der weitaus größeren Postbank (Bilanzsumme: 140 Milliarden Euro) diesen Markt hälftig. Rund 100 000 Transaktionen fallen hier inzwischen im Monat an. 2001 waren es in Deutschland monatlich erst 70 000. Weltweit sind American Express und Travelex (Thomas Cook) die größten Wettbewerber. "In jedem Land haben wir das Ziel, in diesem Massengeschäft Marktführer zu sein", sagt Weschke.
Dabei schlägt die Reisebank im Zuge ihrer europäischen Expansion unterschiedliche und durchaus phantasievolle Wege ein. In Österreich sind ihre Schalter in den Räumen einer Telefonladenkette (shop-in-shop), die günstige Telefongebühren für Auslandsgespräche anbietet. In der Schweiz ist sie auch an Tamoil-Tankstellen vertreten. In den Niederlanden wählt die Reisebank als Standorte für ihre Geschäftsstellen Stadtviertel, in denen viele Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien leben, die vermutlich viel ins Ausland reisen oder an Verwandte dorthin Geld überweisen.
"Um das Bargeld effizient bereitzustellen, macht es aus logistischen Gründen Sinn, um Deutschland herum zu expandieren und keine geographischen Lücken zu lassen", sagt Weschke. Am Montag wird eine Geschäftsstelle auf dem Flughafen Basel, auf französischem Territorium eröffnet. Damit betritt die Reisebank erstmals französischen Boden. Für eine flächendeckende Abdeckung des franzöischen Marktes sucht Weschke noch eine französische Organisation als Partner. Auch Belgien hat er im Visier. "Frankreich und Belgien mit ihren vielen Einwanderern aus den ehemaligen Kolonien sind für uns sehr interessante Märkte", sagt Weschke. Aber auch in Deutschland hat die Reisebank überraschende Konzepte. In Frankfurt wurde im Sommer 2002 eine Geschäftsstelle eröffnet, die sich mit chinesisch sprechenden Mitarbeitern ausschließlich an chinesische Kunden wendet. Damit reagierte die Reisebank auf die erleichterten Reisebestimmungen für Chinesen, die seit Juli 2002 nun auch privat nach Deutschland fahren dürfen.
Fehlende Vollbanklizenz.
Für ihre Expansion und die Erschließung neuer Geschäftsfelder erweist es sich allerdings offenbar als zunehmend hinderlich, daß die Reisebank über keine Vollbanklizenz verfügt. Die Teilbanklizenz, die geringere aufsichtsrechtliche Anforderungen stellt, war bislang in Deutschland ausreichend. Denn die Reisebank überließ 1996 der inzwischen zum DZ-Bank-Konzern gehörenden Muttergesellschaft DVB Bank, die bis 2001 Deutsche Verkehrsbank hieß, das Kreditgeschäft. In den Niederlanden war es gleichwohl nötig, die Schwestergesellschaft Cash Express zu installieren, weil die deutsche Teilbanklizenz nicht ausreichte, um den "Europa-Paß", die in ganz Europa anerkannte Banklizenz, zu bekommen. Obwohl die Schweiz nicht zum Euro-Raum gehört, war dort die Eröffnung von Zweigstellen hingegen problemlos möglich.
Da die Reisebank keine Kredite vergeben darf, sieht das Kooperationsabkommen mit der Citibank eine Vermittlung von Citibank-Krediten durch die Reisebank vor. Dabei wendet die Reisebank vom kommenden Mittwoch an in vierzehn deutschen Geschäftsstellen das Scoring-Modell der Citibank an. Binnen weniger Minuten ermittelt das automatische Online-Verfahren die Bonität eines Antragstellers, wenn der Kreditnehmer am Bildschirm einen Fragebogen ausfüllt. Stimmt die Bonität und akzeptiert der Kunde die Bedingungen, kann dann sofort Bargeld bis zu einer Kreditsumme von 3000 Euro ausgezahlt werden. "Die Initiative für die Kooperation ging von uns aus. Die Citibank ist der erfolgreichste Anbieter in diesem Markt", sagt Weschke.
