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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Reeder Claus-Peter Offen „Die Lage in der Schifffahrt ist katastrophal“

 ·  Der größte Charterreeder der Welt will keine Staatshilfe. In der Krise müssten sich die Reeder selbst helfen, sagt Claus-Peter Offen. Er selbst hat schon auf sein privates Vermögen zurückgegriffen, um sein Unternehmen zu stützen.

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© dapd Der Täufling: Der neue Hapag-Lloyd-Frachter läuft in den Hafen von Hamburg ein, wo er auf den Namen der Hansestadt getauft wird

Herr Offen, die Krise auf den Schifffahrtsmärkten dauert jetzt schon vier Jahre an. Wie viel Geld hat Ihre Reederei-Gruppe seither verloren?

Der Einbruch nach der Insolvenz von Lehman Brothers und die darauf folgende Krise waren gewaltig. Ich schätze, dass wir dadurch in der ganzen Unternehmensgruppe zweieinhalb Milliarden Euro verloren haben. Im Wesentlichen durch den Wertverlust der Schiffe, aber auch durch Betriebsverluste. Insgesamt haben die deutschen Banken für 100 Milliarden Euro Schiffe finanziert. Auch davon ist wohl ein großer Teil verlorengegangen. Und es wird weitere Abschreibungen geben.

Sollte der Staat den Reedern helfen?

Nein. Es ist nicht Aufgabe des Staates, hier zu intervenieren. Die Unternehmen sollten ihre Probleme selbst lösen. Ich glaube, meine Reederei Offen ist dazu gut in der Lage. In der Branche wird es aber einen Konzentrationsprozess geben. In Deutschland gibt es 400 Reedereien. Die vielen Kleinen können eine so lange Krise gar nicht verarbeiten. Sie haben oft nur kurzfristige Verträge mit ihren Kunden und wissen manchmal nicht, wie sie ihre Sekretärin im nächsten Monat bezahlen sollen. Die Banken werden Druck machen, dass kleinere Betriebe sich in irgendeiner Weise gesichtswahrend an die Großen andocken. Wir werden in diesem Konzentrationsprozess möglicherweise eine wichtige Rolle spielen.

Ihr Hauptfinanzierer, die Commerzbank, zieht sich aus der Schiffsfinanzierung zurück. Wird das die Krise nicht noch weiter verschärfen?

Den Rückzug der Commerzbank sehe ich eher positiv. Ich wünschte, 20 weitere führende Schiffsbanken in der Welt würden das Gleiche tun. Denn der Wert der existierenden Schiffe erholt sich schneller, wenn wenige Neubauten auf den Markt kommen. Und das ist es, was Reeder, Banken und private Investoren am dringendsten brauchen: Eine Werterholung der fahrenden Flotte. Die meisten Banken verhalten sich auch entsprechend: Es gibt kaum noch welche, die Neubauten finanzieren.

Nicht nur das Fremdkapital ist knapp, auch das Eigenkapital versiegt, weil keiner mehr in Schiffsfonds investiert. Woher wollen Sie in Zukunft Geld für Investitionen nehmen?

Wir haben eine sehr moderne Flotte und könnten theoretisch sagen: Wir machen die nächsten zehn Jahre gar nichts. Wir wollen den Betrieb aber nicht zu Ende verwalten, sondern weiter investieren. Fakt ist, dass das Modell der Schiffsfonds im Moment nahezu tot ist. Neubauten werden in Zukunft wohl eher mit institutionellen Investoren, also Versicherern und Private-Equity-Fonds, finanziert werden.

Stimmt es, dass sich der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Martin Blessing, persönlich um das Engagement der Bank bei Ihrer Gruppe kümmert?

Wir sind mit unseren Fonds vermutlich einer der größten Kreditkunden der Commerzbank, aber deswegen sind wir nicht zwingend einer der schlechtesten Kreditkunden. Ich denke nicht, dass sich Herr Blessing im Übermaß um unser Haus gekümmert hat.

Mit einem Kreditvolumen in der Größenordnung von rund 1,6 Milliarden Euro stellen Sie ein erhebliches Klumpenrisiko für die Commerzbank dar.

Sicherlich, ja, aber es war ja nie der Traum der Commerzbank, ein derart großes Kreditengagement mit einer Adresse einzugehen. Es war Folge der Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank, durch die auch die Deutsche Schiffsbank ganz im Schoß der Commerzbank landete.

Sind Sie am Ende vielleicht sogar dafür verantwortlich, dass sich die Commerzbank nun ganz aus der Schiffsfinanzierung zurückziehen will?

Die Lage in der Schifffahrt ist im Moment katastrophal. Das gilt insbesondere für den Spotmarkt, also für kurzfristige Charterverträge. In unserer Flotte benötigen rund 30 Schiffe frisches Kapital. Insgesamt sind im deutschen Markt aber 800 bis 1000 Fondsschiffe sanierungsbedürftig. Also sind unsere 30 nicht entscheidend für den Rückzug der Commerzbank. Damit würde man mir zu viel Bedeutung zuweisen.

Die Commerzbank hat sieben Ihrer Frachter in der eigenen Bilanz, weil sie eine Platzierungsgarantie für die entsprechenden Fondsanteile übernommen und dann nicht genügend Anleger gefunden hatte. Bis auf ein Schiff haben diese Frachter der Bank im vergangenen Jahr Millionenverluste gebracht ...

Ja, aber das lag nur daran, dass die Schiffswerte seit dem Kauf dramatisch gefallen sind. Die Commerzbank will die Beteiligungen an diesen Schiffen von jeweils 90 Prozent loswerden, würde dafür am Markt aber wohl nur einen geringeren Preis bekommen. Also wird sie vermutlich die Beteiligungen an den Schiffsfonds zum Teil abgeschrieben haben. Das sorgte dann für die Verluste. Operativ haben diese Schiffe auch nach Kapitaldienst Überschüsse eingefahren.

Wenn die Mietpreise für Handelsschiffe wieder steigen, steigt auch der Wert der leistungsgestörten Schiffe. Viele Fondshäuser fürchten, dass die Banken dann einen Verkauf der Schiffe erzwingen, um ihre Kredite glattzustellen. Sehen Sie diese Gefahr?

Ja, diese Gefahr besteht, sobald der Wert der Schiffe wieder so hoch ist, dass die Bank ihr Kreditengagement durch einen Verkauf des Frachters verlustfrei beenden kann. Für den Anleger wäre das bitter. Denn als Kommanditist geht er dann im Zweifel leer aus. Daher sollten die Fondsgesellschaften versuchen, die Bank möglichst lange in die Sanierung einzubinden, damit diese nicht bei erster Gelegenheit die Flucht ergreifen kann.

Ist diese Schifffahrtskrise nicht auch hausgemacht? In den Boomjahren haben Sie und Ihre Reederkollegen doch einfach viel zu viele Frachter bestellt.

Ja, das stimmt. Aber zumindest habe ich kein einziges Containerschiff „auf Speck“ bestellt, also ohne vorab schon einen langfristigen Mietvertrag mit einem Charterer zu haben.

Trotzdem haben Sie mit Problemen zu kämpfen.

In einer Zeit wie dieser, hat jeder so seine Hausaufgaben zu machen. Aber ich wage mal die Behauptung, dass wir zu denen gehören, die am robustesten aufgestellt sind. Denn unter allen Wettbewerbern haben wir den größten Anteil an Postpanmax-Schiffen. Das sind Schiffe mit einer Kapazität von mehr als 5000 Standardcontainern (TEU). Dieses Marktsegment ist am wenigsten von der Krise betroffen. Hinzu kommt, dass wir diese Schiffe langfristig verchartert haben bis in den Zeitraum zwischen 2017 und 2025.

39 Ihrer 103 Containerschiffe haben ein Fassungsvermögen von weniger als 4000 TEU. Hier sind die Überkapazitäten am größten und die Charterraten am Boden.

Das stimmt. Leistungsgestört sind vor allem die 2000-TEU-Schiffe. Die brauchen 16.000 Dollar Miete am Tag, verdienen derzeit aber nur 6000 Dollar. Das produziert robuste Fehlbeträge. Daher müssen wir und die anderen Anteilseigner in den Kommanditgesellschaften (KG), die diese Schiffe besitzen, Mittel zuschießen. Bei vier dieser Fonds erhöhen wir das Kapital um insgesamt 100 Millionen Euro. Davon entfallen 20 bis 25 Prozent auf meine Reederei. Das entspricht unserer Beteiligungshöhe an den Fonds.

Und die übrigen Anleger ziehen da mit? Im Moment investiert doch kein Mensch mehr in Schiffsfonds.

Sie ziehen vermutlich mit, wenn die Nachschüsse von den Banken mit Tilgungsaussetzungen begleitet werden. Das haben sie in den vergangenen Jahren im Umfang von rund 100 Millionen Euro schon getan. Aber ich möchte betonen: Bei 80 Prozent unserer Schiffe haben wir keinen Tilgungsrückstand.

Haben Sie aus Ihrem privaten Vermögen Geld zurück in die Firma geführt?

Ja, in einstelliger Millionenhöhe.

Haben Ihre Banken dabei Druck gemacht?

Wegen der Tilgungsaussetzung pochten die Banken darauf, dass wir als Kommanditist voll mitgehen und einen Reservefonds anlegen für diejenigen Anleger, die keine Nachschüsse leisten wollten.

Sie hängen also am Tropf der Commerzbank.

Nein, das ist nicht der Fall.

Ist der Fortbestand Ihrer Reederei in Gefahr?

Nein. Unsere Risiken sind überschaubar. Sie müssen unterscheiden zwischen meiner Reederei, die als schuldenfreier Managementbetrieb und Bereederer ihr Geld verdient, und den Kommanditgesellschaften, denen die Schiffe gehören. An den KGs halten wir in der Regel zwischen 10 und 60 Prozent. Wenn ein Rettungskonzept scheitert und ein Fonds abgewickelt wird, streichen wir die Beteiligung schweren Herzens aus den Büchern. An den problembehafteten vier der insgesamt 50 Fonds unseres Hauses sind wir mit 60 bis 70 Millionen Euro beteiligt. Das abzuschreiben würde uns schmerzen, aber nicht umbringen. Und wir erwarten dies auch gar nicht. Der Rest unseres Beteiligungsvermögens von rund 350 Millionen Euro ist derzeit nicht gefährdet.

Das wird viele Anleger, die Ihnen vertraut haben, nicht beruhigen. Wer zum Beispiel in Ihren „Santa B Schiffsfonds“ investiert hat, dem droht der Totalverlust, weil die Charterverträge der 14 darin befindlichen Schiffe zum Teil schon ausgelaufen sind oder demnächst auslaufen und Folgeverträge nur zu deutlich niedrigeren Raten möglich sind.

Dieser Fonds macht uns in der Tat große Sorgen. Die Schiffe sind in der problematischen Größenklasse unterhalb von 3000 TEU und benötigen zum Überleben frisches Geld. Auch unsere acht Tanker machen Verluste, die wir zurzeit durch eigene Erträge aus anderen Bereichen abdecken. Aber im nächsten Jahr benötigen auch die Tankerfonds eine Kapitalspritze.

Herr Offen, Sie sind jetzt 68 Jahre alt. Wie lange bleiben Sie noch auf der Kommandobrücke?

Ich bin ja noch relativ jung und habe viele gute Leute an meiner Seite. Deshalb werde ich noch viele Jahre weitermachen. Ich habe zeit meines Lebens intensiv Sport betrieben und sehe auch die jetzige Situation sportlich. Man muss die Herausforderungen des Lebens annehmen und anerkennen, dass wir jetzt schlechte Jahre haben. Wir sind in einem Sturm. Ich sehe meine Aufgabe darin, das Unternehmen gut durch diesen Sturm zu führen. Und ich sehe uns dafür gut gerüstet.

Herr über 123 Schiffe

Der Charterreeder Claus-Peter Offen ist der größte Anbieter von Container-Tonnage der Welt. Der 68 Jahre alte Hamburger ist Herr über 103 Containerschiffe, die insgesamt 550.000 Boxen tragen können. Außerdem gehören 16 Tanker und vier Massengutfrachter zu seiner Flotte, die maßgeblich von Fondsanlegern und Banken finanziert wurde. Hauptgläubiger ist die Commerzbank. In den nächsten fünf Jahren rechnet die Gruppe, die an Land und auf See 3500 Mitarbeiter beschäftigt, mit einem kumulierten Umsatz von 4,3 Milliarden Euro. In diesem Zeitraum müssen nach Offens Angaben Zinsen von 800 Millionen Euro gezahlt und Tilgungen von 1,4 Milliarden geleistet werden. Offen ist gelernter Schifffahrtskaufmann. Er hat die nach ihm benannte Reederei 1971 gegründet.

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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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