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Ratan Tata Der große alte Herr der indischen Wirtschaft tritt ab

 ·  Ratan Tata war viele Jahre der wichtigste Unternehmenslenker Indiens. Nun folgt ihm Cyrus Mistry an der Spitze des Tata-Konzerns. Er ist der erste Konzernführer, der nicht zur Gründerfamile gehört.

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© AFP Vergrößern Ratan Tata

Zum Ende sprach der große alte Herr noch einmal Tacheles. Er geißelte das „korrupte Geschäftsklima“ Indiens, mahnte die Politiker zum Handeln: „Unterschiedliche Ministerien interpretieren das Gesetz nahezu entgegengesetzt. Wo eine solche Haltung zutage tritt, bleiben die Investoren aus.“ Ratan Tata, der wichtigste Unternehmenslenker Indiens, nimmt sich seit je die Freiheit, seine Meinung zu sagen und seinen eigenen Kurs zu fahren.

Auch deshalb ist der Führungswechsel an der Spitze des wichtigsten indischen Konglomerates an diesem Freitag bemerkenswert. Ratan Tata tritt mit seinem 75. Geburtstag ab, ihm folgt der Milliardärssohn Cyrus Mistry. Es ist das erste Mal, dass das 144 Jahre alte Unternehmen sich einen Mann an der Spitze wählt, der nicht aus der engen Familie des Gründers stammt. Ratan Tata hatte die Führung der Gruppe 1991 von seinem Onkel J.R.D. Tata übernommen.

Allerdings zählt auch Mistry zur Glaubensgemeinschaft der indischen Parsen, in der der Tata-Konzern verankert ist. Zudem ist Mistrys Schwester mit Ratan Tatas jüngerem Halbbruder Noel verheiratet, dem selbst Ambitionen auf die Führung der Gruppe nachgesagt wurden. Mindestens genauso wichtig aber ist, dass der Baukonzern Shapoorji Pallonji & Co. von Cyrus Mistrys Vater mit gut 18 Prozent der größte Aktionär der Konzerndachgesellschaft Tata Sons ist.

Von nun an führt der scheue Cyrus Mistry unter anderem Indiens größten Fahrzeugkonzern Tata Motors, den größten Datendienstleister des Landes, Tata Consultancy Services, den Stahlkonzern Tata Steel, die Taj-Hotelgruppe und knapp hundert weitere Unternehmen unter dem Dach der Tata-Gruppe. Sie engagiert sich in praktisch allen Lebensbereichen - von Salz bis Software, von Tee bis zu Telekommunikationsdiensten.

Ratan Tata wirkte an der Spitze nicht immer glücklich. „Ich habe mein Leben so gut es ging dem Wohlergehen des Unternehmens gewidmet“, sagte der Mann zum Abschied. Eigentlich hatte er Architekt werden wollen. Stattdessen konstruierte er ein Konglomerat, das dank seiner Internationalisierung auch in der globalen Wirtschaft prosperiert. Inzwischen stammen fast 60 Prozent des Jahresumsatzes von zuletzt gut 100 Milliarden Dollar der Tata-Gruppe aus dem Ausland. Meilensteine auf diesem Wege waren der in Indien als verspäteter Sieg über die Kolonialherren gefeierte Kauf der Luxusautohersteller Land Rover und Jaguar, aber auch die Übernahme des europäischen Stahlkonzerns Corus. Allein Jaguar Land Rover trägt heute rund 80 Prozent zum Gewinn von Tata Motors bei.

Seinen Nachfolger Cyrus Mistry warnte Tata, keine leichtfertigen Kompromisse bei den ethischen Standards des Konzerns zu machen. Die Tata-Gruppe gilt als unbestechlich und pumpt enorme Summen in soziale Projekte, Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen. Vor allem aber muss Mistry, der als Milliardärssohn seinen Reichtum nicht vorzeigt, aber zu nutzen weiß, neue Wachstumsfelder für das Unternehmen ausmachen und die Stahlkrise abwettern.

Auf dem Papier hat er das Zeug dazu: Ausgebildet wurde er an Londons Imperial College, wechselte dann zur London Business School. Er gilt als detailversessen und gut informiert, scheut aber die Öffentlichkeit. Auf der Automesse in Delhi im vergangenen Jahr ging er immer ein paar Schritte hinter Ratan Tata her, eigenes Profil wollte er nicht zeigen.

Ratan Tata wird auch künftig ein Auge auf ihn haben, bleibt er doch Vorsitzender der Stiftung, in deren Händen zwei Drittel des Kapitals der Dachgesellschaft Tata Sons liegen. Und weil er die Erfolglosigkeit des Kleinstwagens Tata Nano nicht verwunden hat, will er sich auch um die Neuauflage dieses seines Lieblingsprojektes kümmern. Ratan Tata wäre nicht, wer er ist, wagte er nicht am Ende seiner Laufbahn an der Spitze von Indiens wichtigstem Konzern den auf dem Subkontinent gefürchteten Vergleich mit dem großen Nachbarland China: „Hätten wir dieselbe Unterstützung der Industrie, könnte Indien ganz sicher mit China in den Wettbewerb treten.“

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)

27.12.2012, 18:38 Uhr

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