http://www.faz.net/-gqe-75d28
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 27.12.2012, 18:38 Uhr

Ratan Tata Der große alte Herr der indischen Wirtschaft tritt ab

Ratan Tata war viele Jahre der wichtigste Unternehmenslenker Indiens. Nun folgt ihm Cyrus Mistry an der Spitze des Tata-Konzerns. Er ist der erste Konzernführer, der nicht zur Gründerfamile gehört.

von
© AFP Ratan Tata

Zum Ende sprach der große alte Herr noch einmal Tacheles. Er geißelte das „korrupte Geschäftsklima“ Indiens, mahnte die Politiker zum Handeln: „Unterschiedliche Ministerien interpretieren das Gesetz nahezu entgegengesetzt. Wo eine solche Haltung zutage tritt, bleiben die Investoren aus.“ Ratan Tata, der wichtigste Unternehmenslenker Indiens, nimmt sich seit je die Freiheit, seine Meinung zu sagen und seinen eigenen Kurs zu fahren.

Christoph Hein Folgen:

Auch deshalb ist der Führungswechsel an der Spitze des wichtigsten indischen Konglomerates an diesem Freitag bemerkenswert. Ratan Tata tritt mit seinem 75. Geburtstag ab, ihm folgt der Milliardärssohn Cyrus Mistry. Es ist das erste Mal, dass das 144 Jahre alte Unternehmen sich einen Mann an der Spitze wählt, der nicht aus der engen Familie des Gründers stammt. Ratan Tata hatte die Führung der Gruppe 1991 von seinem Onkel J.R.D. Tata übernommen.

Allerdings zählt auch Mistry zur Glaubensgemeinschaft der indischen Parsen, in der der Tata-Konzern verankert ist. Zudem ist Mistrys Schwester mit Ratan Tatas jüngerem Halbbruder Noel verheiratet, dem selbst Ambitionen auf die Führung der Gruppe nachgesagt wurden. Mindestens genauso wichtig aber ist, dass der Baukonzern Shapoorji Pallonji & Co. von Cyrus Mistrys Vater mit gut 18 Prozent der größte Aktionär der Konzerndachgesellschaft Tata Sons ist.

Tata Group Deputy Chairman Cyrus Mistry attends the annual general meeting of Tata Steel Ltd., in Mumbai © REUTERS Vergrößern Nachfolger und Milliardärssohn: Cyrus Mistry

Von nun an führt der scheue Cyrus Mistry unter anderem Indiens größten Fahrzeugkonzern Tata Motors, den größten Datendienstleister des Landes, Tata Consultancy Services, den Stahlkonzern Tata Steel, die Taj-Hotelgruppe und knapp hundert weitere Unternehmen unter dem Dach der Tata-Gruppe. Sie engagiert sich in praktisch allen Lebensbereichen - von Salz bis Software, von Tee bis zu Telekommunikationsdiensten.

Ratan Tata wirkte an der Spitze nicht immer glücklich. „Ich habe mein Leben so gut es ging dem Wohlergehen des Unternehmens gewidmet“, sagte der Mann zum Abschied. Eigentlich hatte er Architekt werden wollen. Stattdessen konstruierte er ein Konglomerat, das dank seiner Internationalisierung auch in der globalen Wirtschaft prosperiert. Inzwischen stammen fast 60 Prozent des Jahresumsatzes von zuletzt gut 100 Milliarden Dollar der Tata-Gruppe aus dem Ausland. Meilensteine auf diesem Wege waren der in Indien als verspäteter Sieg über die Kolonialherren gefeierte Kauf der Luxusautohersteller Land Rover und Jaguar, aber auch die Übernahme des europäischen Stahlkonzerns Corus. Allein Jaguar Land Rover trägt heute rund 80 Prozent zum Gewinn von Tata Motors bei.

Seinen Nachfolger Cyrus Mistry warnte Tata, keine leichtfertigen Kompromisse bei den ethischen Standards des Konzerns zu machen. Die Tata-Gruppe gilt als unbestechlich und pumpt enorme Summen in soziale Projekte, Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen. Vor allem aber muss Mistry, der als Milliardärssohn seinen Reichtum nicht vorzeigt, aber zu nutzen weiß, neue Wachstumsfelder für das Unternehmen ausmachen und die Stahlkrise abwettern.

Mehr zum Thema

Auf dem Papier hat er das Zeug dazu: Ausgebildet wurde er an Londons Imperial College, wechselte dann zur London Business School. Er gilt als detailversessen und gut informiert, scheut aber die Öffentlichkeit. Auf der Automesse in Delhi im vergangenen Jahr ging er immer ein paar Schritte hinter Ratan Tata her, eigenes Profil wollte er nicht zeigen.

Ratan Tata wird auch künftig ein Auge auf ihn haben, bleibt er doch Vorsitzender der Stiftung, in deren Händen zwei Drittel des Kapitals der Dachgesellschaft Tata Sons liegen. Und weil er die Erfolglosigkeit des Kleinstwagens Tata Nano nicht verwunden hat, will er sich auch um die Neuauflage dieses seines Lieblingsprojektes kümmern. Ratan Tata wäre nicht, wer er ist, wagte er nicht am Ende seiner Laufbahn an der Spitze von Indiens wichtigstem Konzern den auf dem Subkontinent gefürchteten Vergleich mit dem großen Nachbarland China: „Hätten wir dieselbe Unterstützung der Industrie, könnte Indien ganz sicher mit China in den Wettbewerb treten.“

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Brexit-Folgen Verlassen Deutschlands Autobauer die Insel?

Der Brexit dürfte auch für die Automobilbranche Folgen haben. Großbritannien ist für hiesige Hersteller ein wichtiger Absatzmarkt. Experten halten mehrere Szenarien für denkbar. Mehr

25.06.2016, 09:29 Uhr | Wirtschaft
Artenschutz Mexikanischer Tierpark zieht Baby-Jaguare auf

In der Aufzuchtstation des Reino-Tierparks im mexikanischen Teotihuacan sind am 23. Mai drei Baby-Jaguare zur Welt gekommen. Der Jaguar war vor der Ankunft der Spanier ein wichtiges symbolisches Tier in Mexiko; sein Bestand ist indes von mehreren zehntausend Tieren auf nur wenige tausend gefallen. Mehr

18.06.2016, 17:14 Uhr | Gesellschaft
700 Milliarden Rubel Verkauft Putin riesige Öl-Anteile an China und Indien?

Steigen gerade China und Indien groß in Russlands wichtigsten Ölkonzern ein? Anzeichen gibt es. Es geht um dringend benötigtes Geld - und politische Macht. Mehr

20.06.2016, 11:30 Uhr | Wirtschaft
Menschenhandel Die Schwarzmarkt-Babys von Indien

Adoptionen sind in Indien mit sehr hohem bürokratischem Aufwand verbunden. Das treibt Paare ohne Kinder in die Arme von kriminellen Banden. Bei einer Razzia in einer Privatklinik im indischen Gwalior hat die Polizei unlängst mehrere Babys gerettet, die laut Behörden illegal verkauft werden sollten. Mehr

09.06.2016, 15:56 Uhr | Gesellschaft
Pedelec Wi-Bike Piaggio fasst elektrisch Tritt

Die Erfinder der Vespa versuchen sich am Pedelec Wi-Bike mit typisch italienischem Ansatz. Das Ergebnis macht einen rundum durchdachten Eindruck – den man für den verlangten Preis auch erwarten darf. Mehr Von Thilo Kozik

19.06.2016, 11:42 Uhr | Technik-Motor

Junckers Verzweiflungstat

Von Werner Mussler

Jean-Claude Juncker hat, mit Verlaub, den Schuss nicht gehört. Es ist Zeit, dass er sich verabschiedet. Mehr 90 849

„World Wealth Report“ So viele Millionäre leben in Deutschland

Weltweit hat das Vermögen der Millionäre im vorigen Jahr um vier Prozent auf 58,7 Billionen Dollar zugelegt. Deutschland ist dabei unter den vier Ländern mit den meisten Millionären – und hatte überdurchschnittliche Zuwächse. Mehr Von Christian Siedenbiedel 80 54

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden