Home
http://www.faz.net/-gqi-75d28
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Ratan Tata Der große alte Herr der indischen Wirtschaft tritt ab

Ratan Tata war viele Jahre der wichtigste Unternehmenslenker Indiens. Nun folgt ihm Cyrus Mistry an der Spitze des Tata-Konzerns. Er ist der erste Konzernführer, der nicht zur Gründerfamile gehört.

© AFP Vergrößern Ratan Tata

Zum Ende sprach der große alte Herr noch einmal Tacheles. Er geißelte das „korrupte Geschäftsklima“ Indiens, mahnte die Politiker zum Handeln: „Unterschiedliche Ministerien interpretieren das Gesetz nahezu entgegengesetzt. Wo eine solche Haltung zutage tritt, bleiben die Investoren aus.“ Ratan Tata, der wichtigste Unternehmenslenker Indiens, nimmt sich seit je die Freiheit, seine Meinung zu sagen und seinen eigenen Kurs zu fahren.

Christoph Hein Folgen:    

Auch deshalb ist der Führungswechsel an der Spitze des wichtigsten indischen Konglomerates an diesem Freitag bemerkenswert. Ratan Tata tritt mit seinem 75. Geburtstag ab, ihm folgt der Milliardärssohn Cyrus Mistry. Es ist das erste Mal, dass das 144 Jahre alte Unternehmen sich einen Mann an der Spitze wählt, der nicht aus der engen Familie des Gründers stammt. Ratan Tata hatte die Führung der Gruppe 1991 von seinem Onkel J.R.D. Tata übernommen.

Allerdings zählt auch Mistry zur Glaubensgemeinschaft der indischen Parsen, in der der Tata-Konzern verankert ist. Zudem ist Mistrys Schwester mit Ratan Tatas jüngerem Halbbruder Noel verheiratet, dem selbst Ambitionen auf die Führung der Gruppe nachgesagt wurden. Mindestens genauso wichtig aber ist, dass der Baukonzern Shapoorji Pallonji & Co. von Cyrus Mistrys Vater mit gut 18 Prozent der größte Aktionär der Konzerndachgesellschaft Tata Sons ist.

Tata Group Deputy Chairman Cyrus Mistry attends the annual general meeting of Tata Steel Ltd., in Mumbai © REUTERS Vergrößern Nachfolger und Milliardärssohn: Cyrus Mistry

Von nun an führt der scheue Cyrus Mistry unter anderem Indiens größten Fahrzeugkonzern Tata Motors, den größten Datendienstleister des Landes, Tata Consultancy Services, den Stahlkonzern Tata Steel, die Taj-Hotelgruppe und knapp hundert weitere Unternehmen unter dem Dach der Tata-Gruppe. Sie engagiert sich in praktisch allen Lebensbereichen - von Salz bis Software, von Tee bis zu Telekommunikationsdiensten.

Ratan Tata wirkte an der Spitze nicht immer glücklich. „Ich habe mein Leben so gut es ging dem Wohlergehen des Unternehmens gewidmet“, sagte der Mann zum Abschied. Eigentlich hatte er Architekt werden wollen. Stattdessen konstruierte er ein Konglomerat, das dank seiner Internationalisierung auch in der globalen Wirtschaft prosperiert. Inzwischen stammen fast 60 Prozent des Jahresumsatzes von zuletzt gut 100 Milliarden Dollar der Tata-Gruppe aus dem Ausland. Meilensteine auf diesem Wege waren der in Indien als verspäteter Sieg über die Kolonialherren gefeierte Kauf der Luxusautohersteller Land Rover und Jaguar, aber auch die Übernahme des europäischen Stahlkonzerns Corus. Allein Jaguar Land Rover trägt heute rund 80 Prozent zum Gewinn von Tata Motors bei.

Seinen Nachfolger Cyrus Mistry warnte Tata, keine leichtfertigen Kompromisse bei den ethischen Standards des Konzerns zu machen. Die Tata-Gruppe gilt als unbestechlich und pumpt enorme Summen in soziale Projekte, Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen. Vor allem aber muss Mistry, der als Milliardärssohn seinen Reichtum nicht vorzeigt, aber zu nutzen weiß, neue Wachstumsfelder für das Unternehmen ausmachen und die Stahlkrise abwettern.

Mehr zum Thema

Auf dem Papier hat er das Zeug dazu: Ausgebildet wurde er an Londons Imperial College, wechselte dann zur London Business School. Er gilt als detailversessen und gut informiert, scheut aber die Öffentlichkeit. Auf der Automesse in Delhi im vergangenen Jahr ging er immer ein paar Schritte hinter Ratan Tata her, eigenes Profil wollte er nicht zeigen.

Ratan Tata wird auch künftig ein Auge auf ihn haben, bleibt er doch Vorsitzender der Stiftung, in deren Händen zwei Drittel des Kapitals der Dachgesellschaft Tata Sons liegen. Und weil er die Erfolglosigkeit des Kleinstwagens Tata Nano nicht verwunden hat, will er sich auch um die Neuauflage dieses seines Lieblingsprojektes kümmern. Ratan Tata wäre nicht, wer er ist, wagte er nicht am Ende seiner Laufbahn an der Spitze von Indiens wichtigstem Konzern den auf dem Subkontinent gefürchteten Vergleich mit dem großen Nachbarland China: „Hätten wir dieselbe Unterstützung der Industrie, könnte Indien ganz sicher mit China in den Wettbewerb treten.“

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Chinas Internetgigant Alibaba stürmt die Wall Street

Die Aktien des chinesischen Online-Händlers Alibaba haben nach ihrer Erstnotiz an der New Yorker Börse massiv zugelegt.  Mehr

19.09.2014, 18:07 Uhr | Wirtschaft
Al Sisi als neuer ägyptischer Präsident vereidigt

Der ehemalige Armeechef Al-Sisi ist in Ägypten als neuer Präsident vereidigt worden. Er legte seinen Amtseid in Kairo vor Mitgliedern des Obersten Verfassungsgerichts ab. Drei Jahre nach dem Arabischen Frühling und dem Sturz von Langzeitpräsident Mubarak steht damit wieder ein Mann aus dem Militär an der Spitze des Landes. Mehr

08.06.2014, 18:12 Uhr | Politik
Deutsche Manager Gestresst, aber fit

Manager stehen nicht nur finanziell besser da, sie sind auch gesünder als der Rest der Menschheit. Wenn ihnen nur die dumme Angst nicht den Schlaf rauben würde. Mehr

21.09.2014, 14:33 Uhr | Wirtschaft
Fifa-Präsident Blatter will wieder kandidieren

Meine Mission ist noch nicht beendet, sagte Blatter auf dem Jahreskongress in Sao Paulo. Dabei hatte der 78-jährige Schweizer eigentlich erklärt, nach 16 Jahren an der Spitze der Organisation aufzuhören. Europäische Verbände fordern seinen Verzicht. Eine weitere Amtszeit würde bis 2019 dauern. Mehr

12.06.2014, 09:51 Uhr | Sport
Nach Krise in der Formel 1 Ferrari-Chef  Montezemolo tritt zurück

Er selbst spricht vom Ende einer Ära: Nach 23 Jahren an der Spitze von Ferrari räumt Luca di Montezemolo seinen Posten. Hintergrund ist offenbar heftiger Streit mit Fiat-Chef Marchionne. Wie geht es nun weiter mit der Formel-1-Abteilung der Scuderia? Mehr

10.09.2014, 09:17 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 27.12.2012, 18:38 Uhr

Klimapflege

Von Heike Göbel

Die Kanzlerin sagt ihren Besuch beim Klimagipfel ab und geht stattdessen zum „Tag der Industrie“. Die Grünen sind empört. Doch Angela Merkel muss dringend auf die Industrie zugehen, dort hat sich Ärger angestaut. Mehr 15


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Das alte Handy kann mehr als 300 Euro bringen

Wer sich ein neues iPhone zulegt, kann sein altes Handy zu Geld machen. Aber wieviel gibt es dafür noch? Ein Überblick. Mehr 3

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden