18.07.2011 · Immer mehr Unternehmen wechseln den Eigentümer. Ein „Megadeal“ fehlt zwar noch. Doch die Zahl der Übernahmen für mehr als 1 Milliarde Euro hat sich im ersten Halbjahr verdoppelt.
Von Georg GiersbergDas Geschäft mit Beteiligungen und Übernahmen hat deutlich an Fahrt aufgenommen. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres ist die Zahl der Mehrheitsübernahmen, an denen als Käufer oder Verkäufer ein deutsches Unternehmen beteiligt war, um knapp 10 Prozent auf 655 Transaktionen gestiegen.
Noch beeindruckender ist die Wertentwicklung. Für die Transaktionen wurden insgesamt 76 Milliarden Euro bezahlt gegenüber 43 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2010. Rechnet man noch den zwar angekündigten, aber noch nicht vollzogenen Verkauf der amerikanischen Telekom-Tochtergesellschaft T-Mobile der Deutschen Telekom an die amerikanische AT&T für 28 Milliarden Euro hinzu, dann erreicht der Wert der Übernahmen mit 103 Milliarden Euro schon fast den Wert des gesamten Vorjahres von 106 Milliarden Dollar.
Das Ende der Krise
Für Axel Gollnick, den geschäftsführenden Gesellschafter der auf Übernahmen spezialisierten Beratungsgesellschaft M&A International GmbH in Kronberg in der Nähe von Frankfurt, zeigen diese Zahlen, dass auch auf dem Übernahmemarkt die Krise vorbei ist. Es wird wieder verkauft, weil die Preise steigen, und es wird wieder gekauft, weil man Geld hat und Kredit bekommt.
Die höhere Bereitschaft der Banken, Kredite zu vergeben, kommt vor allem privaten Beteiligungsgesellschaften (Private Equity) zugute, die einen großen Teil ihrer Übernahmen fremd finanzieren. Sie können sich jetzt auch wieder an große Übernahmen wagen. Unter den größten Übernahmen ist ein Beispiel die Textileinzelhandelskette Takko, die jetzt schon die dritte Private-Equity-Gesellschaft nacheinander als Eigentümer bekommt. Sie gehörte zunächst Permira, dann Advent und ist jetzt bei Apax gelandet. Außerdem hat Cerberus den Metro-Eigentümerfamilien Beisheim, Ruthenbeck und Haniel 43 Standorte von C&C-Märkten abgekauft. „Strategische Investoren haben von den Banken auch im Vorjahr schon Geld bekommen. Jetzt bekommen aber auch die Private-Equity-Gesellschaften wieder Kredit, wenn das Geschäftsmodell des zu übernehmenden Unternehmens überzeugt“, sagt Gollnick. Das sei bei den Metro-Immobilien der Fall, deren Einnahmen durch langfristige Mietverträge gesichert seien. Daher gaben die Banken zum eine Milliarde Euro hohen Kaufpreis auch die Hälfte dazu.
Private-Equity-Firmen machen Geschäfte untereinander
Insgesamt hat die Zahl der Transaktionen durch Private-Equity-Gesellschaften um 50 Prozent auf 85 (Vorjahreshalbjahr 57) zugenommen. An kleineren Übernahmen gehörte der Verkauf der Düngemittelmarke Compo durch den Salz- und Düngemittelkonzern K+S dazu. Neuer Besitzer ist der europäische Finanzinvestor Triton. Triton hat auch das Ingenieurunternehmen Dywidag-Systems International (DSI) übernommen, das 2004 vom skandinavischen Finanzinvestor Industri Kapital aus der Insolvenz der Walter Bau herausgekauft worden und drei Jahre später an den Finanzinvestor CVC gegangen war. CVC hatte den Kauf überwiegend kreditfinanziert. Die hohe Schuldenlast rächte sich allerdings: CVC musste die Schlüssel abgeben, und die Banken bekamen vor einem Jahr das Sagen. Jetzt steigt Triton ein.
Noch kaufen sich die Private-Equity-Firmen viele Beteiligungen gegenseitig ab. Es gibt nach Ansicht von Alexander von Hachenburg, Partner der Übernahmeberatung Ferber & Co. in München, wenige sogenannte Primaries, also Erstkäufe von Private-Equity-Gesellschaften aus Unternehmerhand. Zum einen gibt es nur wenige Großkonzerne, die derzeit viele Beteiligungen anbieten - Thyssen-Krupp wird der nächste große Anbieter sein. Zum anderen ist Private Equity bei Familienunternehmen noch immer nicht erste Wahl. Bevorzugt wäre ein strategischer Investor, der sich für Produkt und Arbeitsplätze interessiert - und nicht nur für Renditekennziffern.
Insgesamt sind daher trotz des Wiederauflebens von Private Equity die strategischen Investoren die wichtigsten Käufer von Unternehmensbeteiligungen. Für die Verkäufer steht dabei häufig die Schuldentilgung und die Regelung der Unternehmernachfolge im Vordergrund. Eon hat schon im vergangenen Jahr seine amerikanische Beteiligung verkauft und jetzt das britische Verteilernetz Central Networks für 4,3 Milliarden Euro abgestoßen, um Schulden abzubauen. Auch mit dem Verkauf ihrer österreichischen Porsche-Holding (Autohandelskette) für 3,3 Milliarden Euro an Volkswagen verfolgten die Familien Porsche und Piëch das Ziel, die Schulden abzutragen, die man zur Teilnahme an der Kapitalerhöhung des Autoherstellers Porsche aufgenommen hatte. Auf Rang drei der größten Übernahmen im ersten Halbjahr folgt die in der Öffentlichkeit breit und kontrovers diskutierte Übernahme des deutschen Baukonzerns Hochtief durch die spanische ACS.
Gollnick erwartet, dass im zweiten Halbjahr 2011 das Übernahmegeschäft auf hohem Niveau weitergeht. Die Preise steigen wieder und nähern sich mit dem Sechs- bis Achtfachen des Gewinns vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) dem Vorkrisenniveau. Teilweise wird auch schon das Zehnfache und in Ausnahmefällen mehr gezahlt. Wie schnell Preise steigen können, hat sich an dem Freizeitbekleidungshersteller Jack Wolfskin gezeigt. Noch im April hatten die Eigentümer Quadriga Capital und Barclays Private Equity den Verkauf auf Eis gelegt, weil ihnen die Angebote bis zu 600 Millionen Euro als zu niedrig erschienen. Jetzt kämpft Blackstone um die Übernahme für 700 Millionen Euro. Die bisherigen Eigentümer hatten Jack Wolfskin vor sechs Jahren für 93 Millionen Euro von Bain Capital erworben. Wie das Rennen jetzt ausgeht, entscheidet sich wahrscheinlich im zweiten Halbjahr.
Viele Entscheidungen stehen bevor
In den kommenden sechs Monaten stehen viele angebahnte große Übernahmen zur Entscheidung an, darunter die erwähnte Ankündigung der Deutschen Telekom, sich von T-Mobile USA Inc. zu trennen. Die von Ron Sommer als Voicestream erworbene Gesellschaft soll für 39 Milliarden Dollar (umgerechnet 27,5 Milliarden Euro) an AT&T gehen. Das wäre dann ein sogenannter Megadeal, weil er die Fünf-Milliarden-Marke überschreitet. Ein weiterer Megadeal ist die Fusion der Deutschen Börse AG und der amerikanischen Nyse Euronext, der gerade die Aktionäre beider Gesellschaften zugestimmt haben. Nachdem die amerikanische Liberty Global Inc. des amerikanischen Medienmilliardärs John Malone im Jahr 2010 für 3,5 Milliarden Euro bereits den Kabelnetzbetreiber Unitymedia erworben hatte, prüfen die Kartellbehörden aktuell den Erwerb der Kabel Baden-Württemberg für 3,2 Milliarden Euro. Verkäufer ist hier der Finanzinvestor EQT.
Auch zwei öffentliche Übernahmen von börsennotierten Gesellschaften sollen im zweiten Halbjahr vollzogen werden. Die Daimler AG hat zusammen mit dem britischen Turbinenspezialisten Rolls-Royce ein Angebot zum Erwerb des Motorenherstellers Tognum AG auf Basis einer Bewertung von 3,2 Milliarden Euro abgegeben, nachdem man zuvor bereits 28,4 Prozent der Aktien hielt. Nachdem man eine Mehrheit der Aktien von mehr als 90 Prozent angeboten bekommen hat, steht einem Vollzug kaum noch etwas im Weg. Die zweite öffentliche Übernahme ist das Angebot von Volkswagen für MAN, um im Lastwagenbereich die Allianz mit Scania zu besiegeln. Auch dieser Übernahme dürften keine großen Hindernisse mehr bevorstehen, wenn die Wettbewerbshüter wie allgemein erwartet im Herbst zustimmen.
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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