http://www.faz.net/-gqe-6uajw

Ranga Yogeshwar : „In der Amazon-Welt geht ein Stück Kultur verloren“

  • Aktualisiert am

Ranga Yogeshwar: Fernsehmoderator, Wissenschaftsjournalist und Buchverleger? Bild: Nedden, Kai

Das E-book wird den deutschen Buchmarkt überrollen. Es droht eine Monopolisierung, warnt Ranga Yogeshwar im F.A.Z.-Gespräch.

          Herr Yogeshwar, Sie sind Physiker, Moderator und Autor, wollen Sie mit epedio jetzt auch noch unter die Online-Buchhändler gehen?

          Nein, das will ich nicht. Ich sehe nur, dass die rasante Entwicklung des Internets und der Tablett-PCs zu einer tiefgreifenden Veränderung der Lesegewohnheiten und des Buchmarktes führen werden. Mein Interesse ist es, unsere Buchkultur zu erhalten. Dazu gehört die enorme Vielfalt. Kleine Verlage existieren neben großen Buchhändlern. Bei den Inhalten geht es nicht nur um Kommerz. Was wir momentan erleben, ist eine Verschiebung hin zu wenigen großen Internetverlagen. Das können Sie an den Kinos gut nachvollziehen. Da geht es heute häufig um Cola und Popcorn, die Inhalte richten sich stark am Mainstream aus, alles andere bleibt oft auf der Strecke. Eine solche Entwicklung auf dem Buchmarkt fände ich sehr bedauerlich.

          Übertreiben Sie da nicht? Das gedruckte schlägt sich doch bislang noch ganz gut.

          Viele schauen in der Tat nach hinten und glauben, dass sich nichts ändern wird. Noch im März hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Position vertreten, dass die Deutschen in Sachen E-book „zurückhaltend“ sind. Vor einer solchen Haltung kann ich nur warnen. Wir unterschätzen das Tempo technischer Entwicklungen. Das erinnert mich an die Skepsis in den frühen neunziger Jahren, als viele das Internet für ein Thema der akademischen Welt hielten. Heute wissen wir, wie diese Technologie weite Teile unseres Lebens verändert hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass in den kommenden fünf bis zehn Jahren das elektronische Buch das klassische auch in Europa überrollen wird. Auch ich liebe Bücher aus Papier, doch die elektronischen werden sich durchsetzen. Mir fällt da die Parallele ein: Ich liebe Pferde, doch ich fahre Auto!

          Was ist denn schlecht am technischen Fortschritt?

          Grundsätzlich gar nichts. Aber heute versuchen amerikanische Technologiekonzerne wie Amazon, Google, Facebook und Apple, selbst zu Verlegern zu werden, indem sie etwa direkt von den Autoren Rechte erwerben. Verlage mit ihren kritischen Lektoren und Redakteuren oder kleine Buchhändler vor Ort werden in dieser Welt überflüssig. Durch die Macht über die Distributionskanäle findet der Leser im Netz nie wieder zu den Verlagen zurück, er bewegt sich nur noch in der Amazon-Welt. Das führt zu einer bedenklichen Monopolisierung. Ein so entscheidendes Gut wie unsere Kultur ist plötzlich in amerikanischer Hand mit allen inhaltlichen Konsequenzen. Im Musikmarkt haben wir das schon erlebt. Schauen Sie sich doch mal an, was aus den einstmals großen Musikverlagen geworden ist.

          Und wie wollen Sie mit einer Inter-Plattform diese Entwicklung stoppen?

          Die Grundidee ist, den hiesigen Verlagen eine Basis zu geben, um ihre Bücher selbst als E-books aufzubereiten und ins Netz zu stellen. Damit sind sie nicht gezwungen, künftig die Standards der Konzerne zu übernehmen. Außerdem findet der Kunde auf Epedio immer wieder direkt zum Verlag zurück, kommt vielleicht sogar mit dem stationären Händler um die Ecke in Kontakt. So wird die Vielfalt im Netz erhalten.

          Was macht es denn für einen Unterschied, ob ich gedruckte Bücher bei Ihnen oder bei Amazon ins Netz stelle?

          Der Verlag behält das Heft in der Hand. Zudem ist das Epedio technisch sehr weit entwickelt: Bei uns kann man Bücher sinnvoll anreichern. Ich bereite gerade ein Buch über die Energiewende vor. In die elektronische Version kann ich statt der üblichen Verweise und Fußnoten gleich die kompletten Hintergrundpapiere einbauen. Das sind nicht nur technische Spielereien, sondern wirkliche Mehrwerte. Das kann gerade für Sachbücher sehr spannend sein. Ein Lehrbuch, bei dem ich das Experiment direkt sehe, fördert das Verständnis. Ich kann auch Anleitungen mit Beispielfilmen oder Fotostrecken unterlegen. Im Kochbuch wird gezeigt, wie die Soße angerührt wird.

          Wie kam es zu der Idee?

          Ich habe im vergangenen Jahr meinen Verlag Kiepenheuer & Witsch davon überzeugt, ein elektronisches Buch zu machen. Wir haben das dann mit einem kleinen Team von Grafikern und Programmieren umgesetzt. Die Entwicklungskosten lagen im sechsstelligen Bereich und waren damit relativ hoch. Daraus entstand die Idee, diese Plattform anderen auch zugänglich zu machen.

          Sie arbeiten doch nicht ehrenamtlich?

          Der Profit steht beim Epedio tatsächlich nicht an erster Stelle. Andere Verlage können die Plattform gegen eine geringe Lizenzgebühr von untern einem Euro je Buch nutzen. Sie können somit in der ebook-Welt mitmischen, ohne sich in die üblichen Abhängigkeiten zu begeben und ohne riskante Investitionen. Damit haben nicht nur Mainstreamtitel eine Chance, denn eine aufwändige E-book-Fassung in kleiner Auflage würde sich sonst kaum lohnen. Mir geht es in erster Linie um den Erhalt literarischer Vielfalt. Deutschland wird sich in den kommenden Jahren in dieser Frage klar positionieren müssen und ich hoffe, dass Bücher nicht so behandelt werden wie Schuhcreme. Buchhandel und Politik müssen endlich handeln. Nur, weil es eine neue Technologie gibt, darf man sich diese Kultur nicht aus der Hand nehmen lassen.

          Vergessen Sie nicht den Nutzer, der auf seinem Tablett-PC seine Bibliothek an einem Platz gebündelt haben will?

          Nein, das Epedio gibt es jetzt schon im App-Store und wir sind gerade an der Android-Version. Je mehr Plattformen, desto besser ist es. Es ist vergleichbar mit einem Browser für die Buchwelt. Ich will ja gerade das Monopol verhindern. Wenn wir nur noch in der Amazon-Welt leben, geht ein Stück Kultur verloren.

          Das Gespräch führte Sven Astheimer.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Die Macht der Algorithmen

          Datenauswertung : Die Macht der Algorithmen

          An welchem Tag sind rote Blusen besonders gefragt, und wann verkaufen sich schmale Krawatten am besten? Das wissen nicht nur Modefachleute, sondern auch schlaue Algorithmen. Und die mischen den Handel auf.

          Per Fahrrad in fast 80 Tagen um die Welt Video-Seite öffnen

          Guinness-Rekord : Per Fahrrad in fast 80 Tagen um die Welt

          Der britische Ausdauersportler Mark Beaumont hat den Guinness Weltrekord für die schnellste Erdumrundung per Fahrrad gebrochen, er schaffte es in nicht einmal 79 Tagen, die rund 29.000 Kilometer zu radeln. Der Radler aus Schottland wurde im Ziel von seiner Mutter empfangen, die zugleich seine Managerin ist. Und auch Ehefrau und beide Töchter begrüßten den neuen Weltrekordler.

          Topmeldungen

          Sorge um Iran-Atomabkommen : „Große Konflikte und Gefahren“

          Weil die Amerikaner als einzige nicht zufrieden sind, könnte das Iran-Abkommen „zerstört“ werden, warnt Außenminister Sigmar Gabriel. Angesichts der Atomkrise mit Nordkorea brauche man keine weitere, hieß es nach einer Sechserrunde in New York.
          Janet Yellen ist die Chefin der amerikanischen Notenbank Federal Reserve

          Historische Wende : Fed dreht den Geldhahn langsam zu

          Die Federal Reserve gibt den Einstieg in den Austieg bekannt. Die Stimulierung der Märkte soll nach und nach zurückgefahren werden. Es geht um Anleihen im Wert von knapp 4,5 Billionen Dollar.
          Sprachkenntnisse lassen sich im Aus- oder im Inland erwerben. Was ist sinnvoller?

          Nachzug von Ehepartnern : Viele scheitern am Deutschtest im Ausland

          Viele Ausländer, die zu ihrem Ehepartner nach Deutschland ziehen wollen, müssen Deutschkenntnisse nachweisen – und zwar schon vor der Einreise. Kritiker finden das unsinnig. Für Flüchtlinge gilt die Regel ohnehin nicht.
          Abu Walaa, der als einer der einflussreichsten Prediger der deutschen Salafisten-Szene galt, auf einem Video-Screenshot.

          Terror-Prozess in Celle : Wichtiger Zeuge kann wohl nicht aussagen

          Beim Verfahren gegen eine mutmaßliche Führungsfigur des Islamischen Staats in Deutschland wird ein Zeuge offenbar fehlen: Für einen V-Mann, der Abu Walaa und die Salafistenszene ausspioniert hatte, soll eine Aussage zu gefährlich sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.