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Veröffentlicht: 13.10.2011, 07:28 Uhr

Ranga Yogeshwar „In der Amazon-Welt geht ein Stück Kultur verloren“

Das E-book wird den deutschen Buchmarkt überrollen. Es droht eine Monopolisierung, warnt Ranga Yogeshwar im F.A.Z.-Gespräch.

© Nedden, Kai Ranga Yogeshwar: Fernsehmoderator, Wissenschaftsjournalist und Buchverleger?

Herr Yogeshwar, Sie sind Physiker, Moderator und Autor, wollen Sie mit epedio jetzt auch noch unter die Online-Buchhändler gehen?

Nein, das will ich nicht. Ich sehe nur, dass die rasante Entwicklung des Internets und der Tablett-PCs zu einer tiefgreifenden Veränderung der Lesegewohnheiten und des Buchmarktes führen werden. Mein Interesse ist es, unsere Buchkultur zu erhalten. Dazu gehört die enorme Vielfalt. Kleine Verlage existieren neben großen Buchhändlern. Bei den Inhalten geht es nicht nur um Kommerz. Was wir momentan erleben, ist eine Verschiebung hin zu wenigen großen Internetverlagen. Das können Sie an den Kinos gut nachvollziehen. Da geht es heute häufig um Cola und Popcorn, die Inhalte richten sich stark am Mainstream aus, alles andere bleibt oft auf der Strecke. Eine solche Entwicklung auf dem Buchmarkt fände ich sehr bedauerlich.

Übertreiben Sie da nicht? Das gedruckte schlägt sich doch bislang noch ganz gut.

Viele schauen in der Tat nach hinten und glauben, dass sich nichts ändern wird. Noch im März hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Position vertreten, dass die Deutschen in Sachen E-book „zurückhaltend“ sind. Vor einer solchen Haltung kann ich nur warnen. Wir unterschätzen das Tempo technischer Entwicklungen. Das erinnert mich an die Skepsis in den frühen neunziger Jahren, als viele das Internet für ein Thema der akademischen Welt hielten. Heute wissen wir, wie diese Technologie weite Teile unseres Lebens verändert hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass in den kommenden fünf bis zehn Jahren das elektronische Buch das klassische auch in Europa überrollen wird. Auch ich liebe Bücher aus Papier, doch die elektronischen werden sich durchsetzen. Mir fällt da die Parallele ein: Ich liebe Pferde, doch ich fahre Auto!

Was ist denn schlecht am technischen Fortschritt?

Grundsätzlich gar nichts. Aber heute versuchen amerikanische Technologiekonzerne wie Amazon, Google, Facebook und Apple, selbst zu Verlegern zu werden, indem sie etwa direkt von den Autoren Rechte erwerben. Verlage mit ihren kritischen Lektoren und Redakteuren oder kleine Buchhändler vor Ort werden in dieser Welt überflüssig. Durch die Macht über die Distributionskanäle findet der Leser im Netz nie wieder zu den Verlagen zurück, er bewegt sich nur noch in der Amazon-Welt. Das führt zu einer bedenklichen Monopolisierung. Ein so entscheidendes Gut wie unsere Kultur ist plötzlich in amerikanischer Hand mit allen inhaltlichen Konsequenzen. Im Musikmarkt haben wir das schon erlebt. Schauen Sie sich doch mal an, was aus den einstmals großen Musikverlagen geworden ist.

Und wie wollen Sie mit einer Inter-Plattform diese Entwicklung stoppen?

Die Grundidee ist, den hiesigen Verlagen eine Basis zu geben, um ihre Bücher selbst als E-books aufzubereiten und ins Netz zu stellen. Damit sind sie nicht gezwungen, künftig die Standards der Konzerne zu übernehmen. Außerdem findet der Kunde auf Epedio immer wieder direkt zum Verlag zurück, kommt vielleicht sogar mit dem stationären Händler um die Ecke in Kontakt. So wird die Vielfalt im Netz erhalten.

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Was macht es denn für einen Unterschied, ob ich gedruckte Bücher bei Ihnen oder bei Amazon ins Netz stelle?

Der Verlag behält das Heft in der Hand. Zudem ist das Epedio technisch sehr weit entwickelt: Bei uns kann man Bücher sinnvoll anreichern. Ich bereite gerade ein Buch über die Energiewende vor. In die elektronische Version kann ich statt der üblichen Verweise und Fußnoten gleich die kompletten Hintergrundpapiere einbauen. Das sind nicht nur technische Spielereien, sondern wirkliche Mehrwerte. Das kann gerade für Sachbücher sehr spannend sein. Ein Lehrbuch, bei dem ich das Experiment direkt sehe, fördert das Verständnis. Ich kann auch Anleitungen mit Beispielfilmen oder Fotostrecken unterlegen. Im Kochbuch wird gezeigt, wie die Soße angerührt wird.

Wie kam es zu der Idee?

Ich habe im vergangenen Jahr meinen Verlag Kiepenheuer & Witsch davon überzeugt, ein elektronisches Buch zu machen. Wir haben das dann mit einem kleinen Team von Grafikern und Programmieren umgesetzt. Die Entwicklungskosten lagen im sechsstelligen Bereich und waren damit relativ hoch. Daraus entstand die Idee, diese Plattform anderen auch zugänglich zu machen.

Sie arbeiten doch nicht ehrenamtlich?

Der Profit steht beim Epedio tatsächlich nicht an erster Stelle. Andere Verlage können die Plattform gegen eine geringe Lizenzgebühr von untern einem Euro je Buch nutzen. Sie können somit in der ebook-Welt mitmischen, ohne sich in die üblichen Abhängigkeiten zu begeben und ohne riskante Investitionen. Damit haben nicht nur Mainstreamtitel eine Chance, denn eine aufwändige E-book-Fassung in kleiner Auflage würde sich sonst kaum lohnen. Mir geht es in erster Linie um den Erhalt literarischer Vielfalt. Deutschland wird sich in den kommenden Jahren in dieser Frage klar positionieren müssen und ich hoffe, dass Bücher nicht so behandelt werden wie Schuhcreme. Buchhandel und Politik müssen endlich handeln. Nur, weil es eine neue Technologie gibt, darf man sich diese Kultur nicht aus der Hand nehmen lassen.

Vergessen Sie nicht den Nutzer, der auf seinem Tablett-PC seine Bibliothek an einem Platz gebündelt haben will?

Nein, das Epedio gibt es jetzt schon im App-Store und wir sind gerade an der Android-Version. Je mehr Plattformen, desto besser ist es. Es ist vergleichbar mit einem Browser für die Buchwelt. Ich will ja gerade das Monopol verhindern. Wenn wir nur noch in der Amazon-Welt leben, geht ein Stück Kultur verloren.

Das Gespräch führte Sven Astheimer.

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