http://www.faz.net/-gqe-7j9jj

Radikaler Wandel : Das Rewe-Prinzip

Wo die Kassen klingeln: Die Rewe-Märkte machen 50 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr Bild: dpa

Kein Supermarkt ist dem Zeitgeist so gnadenlos auf der Spur wie Rewe. Hier geht es längst nicht mehr nur noch ums Einkaufen. Für 1,5 Milliarden Euro soll jetzt jede vierte deutsche Filiale ein neues Ambiente verpasst bekommen.

          Rewe-Chef Alain Caparros ruft auf zum Kampf um den Kunden. „Wir gehen jetzt in die Offensive“, kündigt der Franzose an. „Wir werden uns radikal wandeln.“ Und wenn Caparros eine solche Losung ausgibt, zieht sie wie Donnerhall durch Deutschland und über die Alpen hinweg.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Denn was Caparros befiehlt, bewegt Heerscharen, versetzt die Konkurrenz in Alarmbereitschaft und krempelt im Zweifel den gesamten Handel um. Schließlich befehligt der Franzose den drittgrößten Handelskonzern Europas. Und Größe bedeutet Macht: 327.000 Angestellte folgen dem Mann, sie betreiben 16.000 Geschäfte. 300 neue kommen allein in diesem Jahr hinzu.

          Was hat Caparros vor? Er will Orte schaffen, die die Menschen „lieben wie früher den Marktplatz“. Wo sie verweilen, essen, Kaffee trinken, Kontakte knüpfen. Sich wohl fühlen. Was philanthropisch klingt, ist kaufmännisches Kalkül: Je länger jemand im Laden bleibt, desto mehr packt er in den Einkaufswagen. So einfach ist das. „Wenn wir unseren Gästen Balsam für die Seele reichen, spielt das Geld, das sie bei uns lassen, nicht mehr die entscheidende Rolle“, weiß der Betriebswirt.

          Den Kunden in die Rewe-Community integrieren

          Das ist die Rewe-Masche: Den Zeitgeist erkennen, rasch aufspringen und ihn sich zunutze machen. Die Menschen über die „emotionale Schiene“ packen, ihnen das Gefühl einträufeln, dass sie zur Rewe-Community gehören (und darüber am liebsten nie wieder woanders einkaufen). So hebt Rewe sich von den Discountern ab, die im Zweifel billiger sind als sie. Deshalb Caparros’ Bekenntnis zu Bio, deshalb die Eigenmarke „Pro Planet“, die verspricht, für Umwelt und Gesellschaft alles ein bisschen besser zu machen als der Rest. Deshalb die Unterstützung von WWF (mit Tierbildchen) und Aktionen für Hilfsbedürftige (gerade wird für gemeinnützige „Tafeln“ gesammelt).

          Die Kunden nur abzufertigen reicht nicht mehr, ist Caparros sich sicher. Sein neuster Coup: Rewe wird Bistro, Restaurant oder Café. Ein Jahr lang hat Caparros sich dazu Systemgastronomie-Betriebe auf der ganzen Welt angeguckt. Von der Italien-Imbiss-Kette Vapiano bis hin zu McCafé und den angesagten „Locations“ in Italien und New York. Das Beste daraus schneidert er für Rewe passend zurecht und erprobt es an einzelnen Standorten. Bewährt es sich, kommt Laden um Laden hinzu.

          Hinter Rewe steht heute schon die Kraft von 50 Milliarden Euro Umsatz. So viel erwirtschaftet die gesamte Gruppe im Jahr, eine halbe Milliarde bleibt als Gewinn (Ebitda) hängen. Was alles zum Rewe-Reich gehört, ist kein Geheimnis und doch überraschend: Rewe ist längst nicht nur der rot beflaggte Supermarkt um die Ecke.

          Umsatz, Märkte und Mitarbeiter von Rewe
          Umsatz, Märkte und Mitarbeiter von Rewe : Bild: F.A.Z.

          Dahinter steht mit 2.400 Rewe-Märkten und 2.400 Penny-Filialen Deutschlands zweitgrößter Lebensmitteleinzelhändler (hinter Edeka) sowie die Nummer zwei unter den Urlaubsanbietern (mit DER Touristik, ITS, Meier’s Weltreisen, Atlasreisen). Außerdem gehören zu Rewe Fachgeschäfte wie die Toom-Baumärkte.

          Zwischen Passau und Kiel findet sich wohl kaum ein Fleck, wo die Kölner nicht präsent sind. „Rewe-Group“ nennen sie sich weltmännisch. Doch dahinter verbirgt sich eine ungewöhnlich altertümliche Konzernstruktur, eine Genossenschaft. Gegründet im Jahr 1927 von Krämern, die sich zu Einkaufsgemeinschaften zusammengeschlossen haben. Viel später erst kam die Zentrale in Köln hinzu, mit beschränkten Machtbefugnissen allerdings, kontrolliert von den selbständigen Kaufleuten.

          Bis heute nimmt die selbstbewusste Basis, die Genossen, über diverse Gremien Einfluss auf die Geschäftspolitik. Caparros’ Verdienst ist es, die Freigeister auf Kurs getrimmt zu haben, seit er im Herbst 2006 den Konzern in angeschlagenem Zustand übernommen hat. Intrigen, dubiose Konten und der Besuch von Staatsanwälten waren zuvor gang und gäbe. Das lähmte den Handelsgiganten. Unter Caparros war Schluss damit. Seither geht es kontinuierlich aufwärts.

          In neue Gefilde vorpreschen

          Dass Caparros nun zum großen Schlag ausholt, hat seine Gründe. „Der Handel ist an einem Scheidepunkt“, erklärt der Franzose. Jetzt entscheidet sich, wer sich durchsetzt in Konkurrenz zum Internet und wer untergeht. Wie schnell es einen kalt erwischt, hat er schmerzhaft erlebt: Bis vor kurzem nämlich gehörte auch die Elektronikkette ProMarkt mit 50 Geschäften zu Rewe. Auf dem Feld ist Caparros kläglich gegen die Konkurrenz von Media-Saturn und den Online-Handel gescheitert. „Total-Ausverkauf“ hieß es deshalb vor einem Jahr. Noch heute sitzt er auf einer Reihe unverkäuflicher Filialen.

          Weitere Themen

          Die Franzosen wollen weniger Atomenergie

          F.A.Z. exklusiv : Die Franzosen wollen weniger Atomenergie

          In Frankreich ist Kernenergie weiter wichtig. Eine Umfrage, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt, zeigt nun aber: Die meisten Franzosen wollen das gar nicht. Und auch ihre Einschätzung der deutschen Energiewende überrascht.

          Topmeldungen

          Roy Moore : Missbrauchsvorwürfe? Und wenn schon!

          Roy Moore will heute gegen den Willen des republikanischen Establishments Senator von Alabama werden. Der Missbrauchsskandal hat ihm geschadet, trotzdem hat er gute Chancen die Wahl zu gewinnen – auch weil eine Wählergruppe zu ihm hält, von der man es nicht erwartet hätte.

          Netflix veralbert seine Nutzer : Guckloch

          „Wer hat euch verletzt?“: Das Streamingportal Netflix forscht seine Nutzer aus und macht auf Twitter auch noch Witzchen darüber. Das kommt gar nicht gut an.
          Nicht nur Julia Klöckner lehnt ein Kooperationsmodell ab, auch andere führende Unionspolitiker haben für den Vorschlag wenig Begeisterung übrig.

          Kooperationsmodell : Union lehnt „KoKo“ ab

          Bei den Genossen wird der Vorstoß vom linken Parteiflügel intensiv diskutiert. Was der SPD wie eine echte Alternative scheint, stößt bei der Union jedoch auf wenig Begeisterung.
          Hemmungslose Bereicherung? Grasser und Plech im Gerichtssaal

          FPÖ-Schmiergeldaffäre : Wo woar mei Leistung?

          Einst galt Karl-Heinz Grasser als schillernde Gestalt der FPÖ. Nun wird dem Politiker vorgeworfen, systematisch an der Einwerbung von Schmiergeldern beteiligt gewesen zu sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.