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Radikale Veganer Die Tierschützer machen Ernst

 ·  Brennende Ställe, Bilder verfaulter Kadaver: Im Putenstall tobt der Freiheitskampf. Der Konflikt zwischen radikalen Tierschützern und Bauern eskaliert. Manchem Tierfreund ist jedes Mittel recht. Eine Reise an die Fronten eines Glaubenskriegs.

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Die Äcker im Landkreis Cloppenburg sind schneebedeckt, backsteinrot schaut hier und da ein Tierstall mit rauchendem Schornstein heraus. In Schutzanzügen stapft eine Gruppe von Reportern in einen Stall. Leise rauscht der Deckenventilator, die Luft hat 30 Grad, 16 000 Putenküken zwitschern, flattern, rennen auf frischen Sägespänen. Sie haben Futterautomaten, Wasserspender, kein Feind will sie fressen. Noch nicht. In 20 Wochen werden sie verspeist, als billige Putenbraten von Lidl oder Aldi.

Der Verband der Geflügelwirtschaft hat die Journalisten zur Stallbesichtigung eingeladen. Zuletzt sah sich die Branche Vorwürfen der Tierquälerei ausgesetzt. Die Veganerorganisation Peta („People for the Ethical Treatment of Animals“), auf deren Plakaten schon mal stand, Intensivtierhaltung sei ein Holocaust, lieferte Nahaufnahmen der gequälten Kreatur: ausgepickte Augen, Blut, Kadaver.

Die Bilder bleiben im Gedächtnis

Tierrechtler gegen die Fleischwirtschaft: dieser Konflikt droht zu eskalieren. Radikale Veganer, die den Verzehr aller Tierprodukte als unethisch ablehnen, kämpfen gegen Tierhalter, Futtermittelhersteller, Schlachthöfe – und letztlich kämpfen sie auch gegen die große Mehrheit der Deutschen: gegen alle, die Fleisch essen, zusammengenommen etwa 1,7 Millionen Hühner am Tag.

Der vorläufige Höhepunkt des niedersächsischen Geflügelpolitikums war vor Weihnachten der Rücktritt von Agrarministerin Astrid Grotelüschen (CDU), deren Mann eine Massenbrüterei betreibt. Für die Missstände auf den Fotos war sein Betrieb zwar nicht verantwortlich, er hatte nur die Küken geliefert. Aber die Bilder blieben hängen. Nie wieder wird so jemand in Deutschland Agrarminister werden. Peta ist mächtig, ihre Waffe sind die Bilder.

Bilder können täuschen

Der Geflügelverband hat die Reporter auch deshalb zur Stallbesichtigung eingeladen, damit einmal positive Bilder von dem gezeigt werden, was im Volksmund Massentierhaltung heißt. Der junge Bauer gibt Interviews, sein Töchterchen spielt mit Küken, dann läuft die Situation doch aus dem Ruder: Kamerateams und Fotografen drängen einen Haufen Tiere zusammen, so dass am Ende die üblichen Bilder entstehen. Traurige Augen, Tier an Tier. Diese Bilder erwecken Mitleid. Mit der Realität in diesem Stall haben sie nichts zu tun. Die Küken haben sehr viel Platz, die Bilder zeigen das nicht.

Wenn sich die Massentierhaltung nicht ändere, werde sich bald eine Al Qaida für Tierrechte bilden. Das sagt der mediale Frontmann von Peta, Edmund Haferbeck, und es klingt wie eine Drohung. Haferbeck, Protestant und Agrarwissenschaftler, sagt: „Wir kämpfen gegen ein mächtiges System von Industrie, Landwirtschaftsverbänden, Veterinären.“ Aber aus Sicht des einzelnen Landwirts ist auch Peta übermächtig. Die Organisation hat in Deutschland ein Jahresbudget von rund zwei Millionen Euro Spendengeld, beschäftigt 25 Mitarbeiter, davon vier sogenannte Ermittler, die professionell Skandale aufdecken. Peta selbst, sagt Edmund Haferbeck, werde nicht zu Al Qaida werden, denn sie lehne Gewalt ab. Trotzdem: „Wir sind für die Bauernlobby das Hassobjekt für alles, was in der Szene läuft, weil wir effektiv sind, weil wir das System ins Mark treffen.“

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