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Quelle und Neckermann Ungleiche Ex-Schwestern

30.06.2009 ·  Der insolvente Versandhändler Quelle bekommt in seiner ärgsten Not einen Massekredit vom Staat. Doch es geht auch anders: Die einstige Konzernschwester Neckermann lehnt staatliche Hilfen ab. Dabei hat Neckermann ganz ähnliche Schwierigkeiten.

Von Carsten Knop
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Zu Beginn der achtziger Jahre hatte der Sohn eines engen Freundes des Großvaters eine tolle Stellung: Er war eine hohe Führungskraft bei Neckermann, mit Dienstauto, ja sogar mit Fahrer. Der Neckermann-Katalog war eine bunte Bibel des Konsums, der dem Heranwachsenden ganze Produktwelten erschloss und damit zur Allgemeinbildung beitrug. Und so glaubte man gern, dass der Herr Direktor sein Auto gewiss verdient hatte - jedes Mal aufs Neue, wenn man den Katalog durchblätterte, der im Wohnzimmer stets zur Hand war. Und aus der Sicht eines Dortmunder Schülers klang es schon sehr nach großer weiter Welt, wenn daheim von den Besuchen des Direktors aus dem fernen Frankfurt in der Karstadt-Zentrale in Essen berichtet wurde.

Vergangene Zeiten: Heute ist ein Frankfurter Freund bei Neckermann tätig, hat in den zurückliegenden Jahren diverse Chef-, Eigentümer- und Strategiewechsel sowie Sparrunden hinter sich - und hofft nun darauf, dass es endlich gelingen möge, mit Neckermann wieder Gewinn zu machen. Denn unter den Schwierigkeiten, die in diesen Tagen rund um die einstige Konzern-Schwestergesellschaft Quelle Schlagzeilen machen, leidet auch Neckermann. Der Katalog ist ein Absatzweg von vorgestern, und im Online-Geschäft spielen die amerikanischen Unternehmen Amazon und Ebay, die im Internet ihre Wurzeln haben, längst in einer anderen Liga.

„Ich finde es unfair, wenn Quelle vom Staat unterstützt wird“

Die letzten Zahlen, die sich im elektronischen Bundesanzeiger für 2007 finden lassen, zeugen von schwindender Größe: Für jenes Jahr ist im Lagebericht von einem Umsatz von einer guten Milliarde Euro und einem Verlust von 83,3 Millionen Euro die Rede. Trotz dieser trostlosen Entwicklung haben die Frankfurter, die ihr Unternehmen 2006 in „neckermann.de“ umbenannt haben, gegenüber Quelle einen großen Vorteil: Es fehlt nicht an Liquidität, man ist nicht mehr vom Wohl und Wehe des insolventen Arcandor-Konzerns abhängig - und man braucht aus diesem Grund auch keine Staatshilfe.

Im Gegenteil: Henning Koopmann, der zum 1. April ausgerechnet von Quelle zu Neckermann kam, um dort Chef zu werden, wird mit Blick auf seinen alten Arbeitgeber deutlich. „Ich finde es unfair, wenn Quelle vom Staat unterstützt wird“, sagte er. Ein Staatskredit mache momentan vielleicht 8000 Arbeitsplätze bei Quelle sicherer. Rund 72.000 Arbeitsplätze bei anderen Versendern hingegen würden dadurch gleichzeitig unsicherer.

Erheblich schlanker als Quelle

Zu diesen anderen Anbietern gehört mit Neckermann ein Unternehmen, das seit März des vergangenen Jahres nur noch zu 49 Prozent zu Arcandor gehört und zu 51 Prozent dem Beteiligungsunternehmen Sun Capital Partners aus Florida, was heute stabilisierend wirkt. In der Gruppe sind 4500 Mitarbeiter tätig, davon aber nur noch 2700 in Deutschland. Das Unternehmen ist also schon erheblich schlanker als Quelle. Und 2010 gilt bei Neckermann schon seit einiger Zeit als das „magische Jahr“: Dann soll der Gewinn erreicht sein, wozu das Internet, das Auslandsgeschäft und ein gestrafftes Produktangebot beitragen sollen. Das alte Management war von der Strategie immerhin so überzeugt, dass es den Sun-Capital-Anteil kaufen wollte, dabei aber auf Granit biss und sich Ende des vergangenen Jahres verabschiedete.

Auch Henning Koopmann glaubt daran, in einer Wachstumsbranche tätig zu sein - dafür sorge das Internet, das die Rolle des Totengräbers und des Hoffnungsträgers übernommen hat.

Hoffnungsträger Online-Handel

Die große Hoffnung für Versandhändler liegt im Internet, denn der Handel per Mausklick wächst weiterhin dynamisch. Gut 19 Milliarden Euro gaben etwa 30 Millionen Online-Käufer in Deutschland im vergangenen Jahr für Waren und Dienstleistungen im Internet aus. Trotz der aufziehenden Wirtschaftskrise war das ein Zuwachs von rund 15 Prozent zum Vorjahr, hat der Bundesverband des Deutschen Versandhandels errechnet. Die Ausgaben für Waren erhöhten sich sogar um 23 Prozent auf 13,4 Milliarden Euro. Wie wichtig das Internet für die Versandhändler schon geworden ist, zeigt der Anteil am Gesamtumsatz, der von 40 auf 47 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen ist. In diesem Jahr erwirtschaften die Versandhändler erstmals mehr als die Hälfte ihres Umsatzes im Netz. Als Bestellweg hat das Internet bereits 2008 die 50-Prozent-Marke übersprungen.

Während früher vor allem Medienprodukte wie Bücher oder CDs bevorzugt im Internet bestellt wurden, bilden jetzt die Käufer von Kleidungsstücken die stärkste Gruppe, hat die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) herausgefunden. 12,6 Millionen Menschen in Deutschland haben 2008 Kleidungsstücke, Textilien und Schuhe im Wert von rund 4,6 Milliarden Euro per Klick bestellt.

Die Marktforschungsunternehmen GfK und Nielsen Online sehen aber nicht die deutschen Versandhändler an der Spitze der sogenannten E-Commerce-Unternehmen, sondern die amerikanischen Unternehmen Ebay und Amazon - und zwar mit großem Abstand. Während mehr als 16 Millionen Internetnutzer bei Ebay oder Amazon im vergangenen Jahr einkauften, hatten Otto oder Quelle gerade einmal gut 6 Millionen Käufer. Entsprechend klaffen die Umsätze auseinander: Nach einer Erhebung von Pricewaterhouse Coopers hat Quelle im vergangenen Jahr 657 Millionen Euro Umsatz im Internet erzielt, während Neckermann auf 385 Millionen kam. Amazon war mit 1,65 Milliarden Euro klarer Marktführer unter den Online-Händlern, während auf Ebay nach diesen Berechnungen Waren im Wert von 4,7 Milliarden Euro umgesetzt wurden.

Noch sind die Karten im E-Commerce aber nicht verteilt, denn der technische Fortschritt und neue Geschäftsideen verändern ständig den Markt. Großen Zulauf haben seit einiger Zeit die sogenannten Shopping-Clubs wie Brands4Friends oder Buyvip, die Markenartikel erheblich unter dem Ladenpreis in großen Stückzahlen verkaufen. Wegen des Erfolgs hat auch Ebay den Markenartiklern inzwischen gestattet, eigene Shops zum Abverkauf der Artikel der Vorsaison auf dem Marktplatz einzurichten. Das französische Unternehmen Myfab.com geht bald in Deutschland mit der Idee an den Start, den Zwischenhandel im Geschäft mit Möbeln und Kleidung komplett auszuschalten, was Preisvorteile von bis zu 70 Prozent gegenüber den herkömmlichen Ladenpreisen ermöglicht. Zudem könnten Empfehlungen der Freunde in sozialen Netzwerken wie StudiVZ oder Facebook die traditionellen Mechanismen im Handel umkrempeln.

Einen Technologiesprung werden auch die neuen Mobiltelefone bringen. Zum Beispiel verfügt das Google-Handy G1 über eine Funktion, die den Barcode auf einem Produkt im Laden erkennt und sofort den günstigsten Preis im Internet heraussucht. Verbraucher haben dann auch im Laden direkt die Möglichkeit, Preise zu vergleichen. Die ohnehin schon hohe Preistransparenz im Netz wird dann noch einmal erhöht, was die Vorteile des Online-Handels weiter herausstreicht und damit den Umsatz zusätzlich steigert.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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