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Psychische Krankheiten Die Wirtschaft entdeckt den Burn-out

12.10.2011 ·  Psychische Krankheiten verursachen Kosten in Milliardenhöhe. Die Unternehmen beginnen umzudenken. Sie müssen etwas tun, um ihre Leistungsträger zu halten.

Von Philipp Krohn
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Wenn Politiker entscheiden könnten, wäre das Jahr 2011 zum Jahr der Pflege geworden. Das war zumindest der Plan von FDP-Chef Philipp Rösler, als er noch Bundesgesundheitsminister war. Verfolgt man dagegen Medienberichte, wird es eher das Jahr des Burn-outs sein. Die Titel von Magazinen locken regelmäßig mit dem brisanten Psycho-Thema. Nachdem der Schalker Fußballtrainer Ralf Rangnick freiwillig seinen Job aufgab, zerrte das Fernsehen auch den einstmals depressiven Skispringer Sven Hannawald wieder vor die Kameras. Gewerkschaften warnen vor den hohen Kosten, und besonders in den Großstädten finden reihenweise Informationsveranstaltungen statt.

Glaubt man den Daten der Krankenkassen, ist der Anteil der Frühverrentungen durch psychische Erkrankungen heute zweieinhalbmal so hoch wie Mitte der neunziger Jahre. Fällt ein Mitarbeiter wegen Mobbings, Burn-outs oder einer Depression aus, muss der Arbeitgeber durchschnittlich 30 Tage auf ihn verzichten - gegenüber 17 Tagen bei anderen Erkrankungen. Der Prüfkonzern Dekra bezifferte den jährlichen Schaden für die deutsche Wirtschaft durch Ausfallzeiten am Donnerstag auf 43 Milliarden Euro. Statt Knochenbrüchen und Quetschungen seien in zunehmendem Maß Burn-out und innere Kündigung die Gründe, hieß es.

Der Bedarf wächst

In der akademischen Welt dagegen wird die Sache etwas nüchterner betrachtet. „Studien zeigen eine leicht zunehmende Tendenz. Das hat auch mit gesellschaftlichen, insbesondere beruflichen Stressfaktoren zu tun“, sagt Niels Bergemann, Chefarzt der auf psychische Erkrankungen spezialisierten Schön Klinik in Bad Arolsen. „Wir dürfen sie aber auch nicht überbetonen: Wenn wir sensibilisierter sind, erkennen wir auch mehr.“ In seiner Klinik nimmt er Patienten für mehrere Wochen stationär auf, die in Therapien lernen, mit ihren eigenen Leitsätzen besser klarzukommen. Von den jährlich 2500 Patienten in der Klinik hat zwischen einem Viertel und einem Drittel einen Burn-out. Die Abgrenzung fällt schwer, weil Burn-out nicht als eigene Diagnose anerkannt ist, sondern als Beschreibung eines Kontexts gilt.

Die Arbeitgeber entlastet Bergemanns Aussage allerdings nicht. In vielen Studien wird ein Zusammenhang zur wachsenden Arbeitsverdichtung hergestellt. Und die Unternehmen beginnen, darauf zu reagieren. „Burn-out ist in vielen Betrieben ein Dauerthema. Vor allem unter Führungskräften wächst die Hilflosigkeit“, sagt Beate Landis, die das Produktmanagement der IAS-Gruppe leitet. Eine Tochtergesellschaft ist eine Ausgründung der Deutschen Bahn, die Unternehmen auf drei Ebenen berät: im persönlichen Stressmanagement, in der Optimierung von Arbeitsprozessen und -orten und in der Systemprävention. Das sind Analysen, wie Unternehmen etwa Leitlinien und Anreize ändern können, um den psychischen Druck auf ihre Mitarbeiter zu verringern.

Der Bedarf wächst. Die Commerzbank etwa holte sich nach dem Ausbruch der Finanzkrise Hilfe bei der IAS-Gruppe. Verkehrsunternehmen, Logistiker und Genussmittelhersteller zählen zu den Kunden. „Unternehmen machen sich langsam klar, wie wichtig das Thema ist, nachdem sie durch Kostenersparnis die Möglichkeiten für Produktivitätssteigerungen ausgereizt haben“, sagt Andrea Gensel von der Unternehmensberatung Job-Campus & Carpediem24. Seit acht Jahren bietet sie bundesweit einmalig die zweisemestrige Fortbildung „Betriebspsychologie für Führungskräfte (IHK)“ an. Seit zwei Jahren wächst die Nachfrage rasant. Vom Volksbank-Vorstand bis zur Schulleiterin reicht die Palette ihrer Kunden.

Über Auszeit-Tage Arbeitsfrust bewältigen

Dass die Nachfrage zunimmt, erklärt sie sich nicht damit, dass Burn-out plötzlich zur Volkskrankheit geworden ist. „Arbeitnehmer empfinden sich häufig in der Opferrolle. Doch das kippt langsam, weil sich der Arbeitsmarkt zum Arbeitnehmermarkt entwickelt und sie ihre Macht beginnen zu spüren“, sagt Gensel. Durch den demographischen Wandel werden qualifizierte Kräfte knapp, die Arbeitgeber müssen etwas tun, um ihre Leistungsträger zu halten - und gerade die sind es, die von der Erkrankung betroffen sind.

Darum bilden sich bis auf die Ebene kleiner Familienbetriebe Netzwerke, in denen der Austausch über Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen stattfindet. „Wir wollen Personaler aus klein- und mittelständischen Betrieben zusammenbringen“, sagt etwa Mario Klein, bei der Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar für Gesundheitsthemen zuständig. Nach ersten Impulsveranstaltungen will die IHK von kommendem Jahr an auch kostenpflichtige Workshops anbieten. Der Anstoß dazu sei aus den Unternehmen gekommen. Allerdings gibt Klein zu, dass auch die Medienberichterstattung das Thema attraktiv mache. „Rückenschule und demographischen Wandel kann keiner mehr hören. Da sucht man sich neue Themen“, sagt er.

In seiner Region rund um Mannheim werden erste lose Fäden dieses Netzes gespannt. Auch der Personalcoach Jens Flammann arbeitet daran mit. Am Donnerstag lud er Vertreter von Krankenkassen, dem Jobcenter, Wissenschaft und Unternehmen nach Mannheim ein, um Anregungen für eine Zusammenarbeit zu geben. „Wenn die Motivierten wegbrechen, wird es für die Unternehmen problematisch“, sagt der Trainer, der in eineinhalb Jahrzehnten Berufserfahrung ein Konzept entwickelt hat, wie Arbeitnehmer über Auszeit-Tage Arbeitsfrust bewältigen. Gemeinsam mit der Gewerkschaft IG Metall und dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit hat er eine Reihe ins Leben gerufen, die kommende Woche beginnt. „Ziel ist es, Interessierten zu vermitteln, wo sie Informationen erhalten können, ohne gleich als krank abgestempelt zu werden“, sagt Flammann.

„Noch ist Burn-out eine Art Ritterschlag“

Dass Arbeitgeber einen positiven Beitrag leisten können, deuten neue wissenschaftliche Erkenntnisse des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung an. In einer noch unveröffentlichten Studie hat die Arbeitsmarktökonomin Christiane Bradler nachgewiesen, dass Mitarbeiter einfache Tätigkeiten etwas produktiver ausfüllen, wenn sie anschließend einen Bonus erhalten. Deutlich stärker nimmt die Leistung zu, wenn der Bonus um ein Anerkenntnisschreiben des Vorgesetzten ergänzt wird. „Dieser Anreiz wird bislang in Deutschland noch zu wenig geschätzt“, kritisiert Bradler.

Eine Mischung aus falschen eigenen Ansprüchen und nachteiligen Anreizstrukturen machen Fachleute als wichtigste Ursache der Erkrankung aus. „Noch ist Burn-out eine Art ,Ritterschlag’ für den leistungsorientierten Mitarbeiter“, bemängelt der Psychiater Niels Bergemann. Doch allein an den Umständen herumzudoktern reiche nicht aus, betont Beraterin Andrea Gensel. „Wenn Mitarbeiter den Job wechseln wollen, sage ich ihnen immer: Üben Sie lieber hier, denn sich selbst nehmen Sie überall mit hin.“

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Jahrgang 1977, Redakteur in der Wirtschaft.

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