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Veröffentlicht: 12.05.2014, 15:06 Uhr

Provinzflughafen Hahn wird zum Skandal

Am Flughafen Hahn soll an diesem Montag gefeiert werden. Dabei erlebt der größte der Provinzflughäfen einen beispiellosen Niedergang. Droht jetzt die Pleite?

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© dpa Immer weniger Leute wollen vom Hunsrück aus fliegen.

Das Dorf hat nur 180 Einwohner. Doch es ist groß rausgekommen. Hahn im Hunsrück kennt mittlerweile halb Deutschland. Denn hier hat sich der größte Flughafen für Billigflieger etabliert. Und mittlerweile nach Berlin auch der größte Skandalflughafen. Beschwerdebriefe der Mitarbeiter an die Mainzer Landesregierung, Ermittlungen wegen des Vorwurfs der Untreue, Pleite der eigenen Frachtfluggesellschaft und seit Jahren sinkende Passagierzahlen: Der Flughafen und seine Betreibergesellschaft kommen nicht aus der Krise.

Dyrk Scherff Folgen:

Seit Mittwoch ist die turbulente Hahn-Geschichte um eine Episode reicher. Der nächste Geschäftsführer muss gehen. Dabei war Heinz Rethage erst vor knapp 15 Monaten als großer Sanierer berufen worden. Jetzt muss es Markus Bunk alleine schaffen. Er ist der zweite Geschäftsführer, erst seit Oktober auf diesem Posten. Das Verhältnis von Rethage zum Aufsichtsrat ist offenbar zerrüttet, wichtige Informationen soll Rethage nicht weitergegeben haben. Der Betriebsrat wirft ihm vor, interne Informationen der Arbeitnehmervertreter beschafft und zu Angriffen genutzt zu haben.

Im Hunsrück tobt ein Kleinkrieg, dabei steht viel mehr auf dem Spiel: die Existenz des Flughafens, der seit Jahren Verluste schreibt. Der Pionier-Airport der Billigfliegerei wurde 1993 eröffnet, nachdem die amerikanische Armee den Fliegerhorst verlassen hatte. 1999 ging es richtig los, als die irische Ryanair erstmals nach Hahn flog. Für 9,99 Euro in die Ferien düsen - das war plötzlich möglich. Freilich ohne Essen an Bord, ohne Gepäck, ohne Bordkarte. Einfach ohne alles. Flug pur.

Die Feierlaune verbietet sich

Die Idee lockte viele. Von weit her kamen sie aus Frankfurt, Koblenz, Trier oder sogar Luxemburg angereist, die Fahrkarte für den Bus nach Hahn kostete mehr als das Flugticket, die Anreise dauert auch länger als der ganze Flug anschließend. Die Fluggastzahlen stiegen schnell. Die Abfertigung wurde von der kleinen Baracke in ein neugebautes großes Terminal verlegt. 2007 flogen schon vier Millionen Passagiere von der Startbahn in der Provinz ab - Platz zehn der größten Flughäfen in Deutschland, knapp hinter Nürnberg, weit vor Bremen und Leipzig. Parallel stieg auch das Frachtaufkommen. Das Flughafenprojekt schien zum Erfolg zu werden. Es schuf 3000 Arbeitsplätze direkt am Standort, indirekt hängen 11 000 Stellen von seiner Existenz ab - die strukturschwache Region war dankbar dafür. Am Montag wollen der Flughafen und Ryanair die Anfänge vor 15 Jahren feiern. Der Chef der Iren, Michael O’Leary, kommt persönlich vorbei.

Doch eigentlich verbietet sich Feierlaune. Die Entlassung des Geschäftsführers Rethage hat das Schlaglicht wieder auf den kriselnden Flughafen gerichtet. Seit 2008 symbolisiert er den Niedergang der Provinzflughäfen in Deutschland, die alle aus ehemaligen Militärstützpunkten entstanden sind und noch nie profitabel waren - die Verluste trug bisher der Steuerzahler mit, denn die Flughäfen sind in Landesbesitz. Hahn zum Beispiel gehört zu 82,5 Prozent Rheinland-Pfalz und zu 17,5 Prozent Hessen. Die Rechtfertigung für die staatlichen Zuschüsse klingen immer gleich: neue Arbeitsplätze in wirtschaftlich benachteiligten Regionen.

Der Bedeutungsverlust von Hahn begann in der Finanzkrise, als weniger geflogen wurde, dann kam die neue Luftverkehrsteuer, die bei Billigtickets besonders durchschlägt. Und auch der eigene Erfolg hatte negative Folgen: Er zog andere Billigflieger wie Easyjet, die Lufthansa-Tochter Germanwings und zuletzt auch Norwegian und Vueling an, die aber lieber von den großen Flughäfen abfliegen. Für die Passagiere war es so immer weniger nötig, umständlich nach Hahn zu fahren. Und jetzt ärgert auch noch Ryanair die kleinen Flughäfen. Weil dem Billigflieger die Flugzeuge für die Expansion an größeren Flughäfen fehlen, streicht er in der Provinz Verbindungen.

Infografik / Luftfracht Passagiere / Flughafen Frankfurt Hahn © F.A.Z. Vergrößern

Allein in Hahn dürften daher in diesem Jahr 300 000 Passagiere weniger abfliegen. Dabei brauchte der Flughafen dringend wieder mehr Passagiere, um die neuen Vorgaben der EU-Kommission zu erfüllen. Die verlangen, dass sich die Flughäfen bis 2023 selbst tragen müssen. „Wir sehen Chancen, das zu schaffen“, behauptet Geschäftsführer Bunk gegenüber dieser Zeitung. Er gibt aber auch zu: „Unsere Zahlen sind nicht gut, es ist sehr eng.“ Erst 2015 wird es „bestenfalls ein leichtes Wachstum geben. Um die Marke von drei Millionen Passagieren zu erreichen, werden wir mehrere Jahre brauchen.“ Und die alten Höchststände scheinen unerreichbar.

Hahn hängt fast ausschließlich von Ryanair ab. Die ungarische Wizz Air und die türkische Sun Express haben kaum Bedeutung. Das macht erpressbar. Als Hahn vor ein paar Jahren eine Terminalgebühr einführen wollte, drohte Ryanair abzuwandern. Die Idee blieb in der Schublade. Angesichts dieser Dominanz trauen sich keine etablierten anderen Billigflieger dorthin. Im Mai und Juni startet lediglich „Fly Romania“ mit ein paar Flügen. Und eine neue Frachtallianz mit einem chinesischen Flughafen soll mehr Fracht bringen. Flughäfen in den Vereinigten Staaten und ausgerechnet in Russland sollen dazukommen. Zusammen mit höheren Park- und anderen Gebühren und Kostensenkungen (einschließlich 20 Prozent Stellenabbau) soll das Ergebnis um 13,5 Millionen Euro verbessert werden. Ein ambitioniertes Ziel.

Besserung könnte die geplante Privatisierung bringen. Der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport hat eine entsprechende Bitte aber schon zurückgewiesen. Er hatte mit seiner Beteiligung bis 2009 schlechte Erfahrungen gemacht. Andere Investoren drängen sich nicht auf. Die Wolken über dem Dörfchen Hahn verdunkeln sich.

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