http://www.faz.net/-gqe-7p7m1

Provinzflughafen : Hahn wird zum Skandal

Immer weniger Leute wollen vom Hunsrück aus fliegen. Bild: dpa

Am Flughafen Hahn soll an diesem Montag gefeiert werden. Dabei erlebt der größte der Provinzflughäfen einen beispiellosen Niedergang. Droht jetzt die Pleite?

          Das Dorf hat nur 180 Einwohner. Doch es ist groß rausgekommen. Hahn im Hunsrück kennt mittlerweile halb Deutschland. Denn hier hat sich der größte Flughafen für Billigflieger etabliert. Und mittlerweile nach Berlin auch der größte Skandalflughafen. Beschwerdebriefe der Mitarbeiter an die Mainzer Landesregierung, Ermittlungen wegen des Vorwurfs der Untreue, Pleite der eigenen Frachtfluggesellschaft und seit Jahren sinkende Passagierzahlen: Der Flughafen und seine Betreibergesellschaft kommen nicht aus der Krise.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit Mittwoch ist die turbulente Hahn-Geschichte um eine Episode reicher. Der nächste Geschäftsführer muss gehen. Dabei war Heinz Rethage erst vor knapp 15 Monaten als großer Sanierer berufen worden. Jetzt muss es Markus Bunk alleine schaffen. Er ist der zweite Geschäftsführer, erst seit Oktober auf diesem Posten. Das Verhältnis von Rethage zum Aufsichtsrat ist offenbar zerrüttet, wichtige Informationen soll Rethage nicht weitergegeben haben. Der Betriebsrat wirft ihm vor, interne Informationen der Arbeitnehmervertreter beschafft und zu Angriffen genutzt zu haben.

          Im Hunsrück tobt ein Kleinkrieg, dabei steht viel mehr auf dem Spiel: die Existenz des Flughafens, der seit Jahren Verluste schreibt. Der Pionier-Airport der Billigfliegerei wurde 1993 eröffnet, nachdem die amerikanische Armee den Fliegerhorst verlassen hatte. 1999 ging es richtig los, als die irische Ryanair erstmals nach Hahn flog. Für 9,99 Euro in die Ferien düsen - das war plötzlich möglich. Freilich ohne Essen an Bord, ohne Gepäck, ohne Bordkarte. Einfach ohne alles. Flug pur.

          Die Feierlaune verbietet sich

          Die Idee lockte viele. Von weit her kamen sie aus Frankfurt, Koblenz, Trier oder sogar Luxemburg angereist, die Fahrkarte für den Bus nach Hahn kostete mehr als das Flugticket, die Anreise dauert auch länger als der ganze Flug anschließend. Die Fluggastzahlen stiegen schnell. Die Abfertigung wurde von der kleinen Baracke in ein neugebautes großes Terminal verlegt. 2007 flogen schon vier Millionen Passagiere von der Startbahn in der Provinz ab - Platz zehn der größten Flughäfen in Deutschland, knapp hinter Nürnberg, weit vor Bremen und Leipzig. Parallel stieg auch das Frachtaufkommen. Das Flughafenprojekt schien zum Erfolg zu werden. Es schuf 3000 Arbeitsplätze direkt am Standort, indirekt hängen 11 000 Stellen von seiner Existenz ab - die strukturschwache Region war dankbar dafür. Am Montag wollen der Flughafen und Ryanair die Anfänge vor 15 Jahren feiern. Der Chef der Iren, Michael O’Leary, kommt persönlich vorbei.

          Doch eigentlich verbietet sich Feierlaune. Die Entlassung des Geschäftsführers Rethage hat das Schlaglicht wieder auf den kriselnden Flughafen gerichtet. Seit 2008 symbolisiert er den Niedergang der Provinzflughäfen in Deutschland, die alle aus ehemaligen Militärstützpunkten entstanden sind und noch nie profitabel waren - die Verluste trug bisher der Steuerzahler mit, denn die Flughäfen sind in Landesbesitz. Hahn zum Beispiel gehört zu 82,5 Prozent Rheinland-Pfalz und zu 17,5 Prozent Hessen. Die Rechtfertigung für die staatlichen Zuschüsse klingen immer gleich: neue Arbeitsplätze in wirtschaftlich benachteiligten Regionen.

          Der Bedeutungsverlust von Hahn begann in der Finanzkrise, als weniger geflogen wurde, dann kam die neue Luftverkehrsteuer, die bei Billigtickets besonders durchschlägt. Und auch der eigene Erfolg hatte negative Folgen: Er zog andere Billigflieger wie Easyjet, die Lufthansa-Tochter Germanwings und zuletzt auch Norwegian und Vueling an, die aber lieber von den großen Flughäfen abfliegen. Für die Passagiere war es so immer weniger nötig, umständlich nach Hahn zu fahren. Und jetzt ärgert auch noch Ryanair die kleinen Flughäfen. Weil dem Billigflieger die Flugzeuge für die Expansion an größeren Flughäfen fehlen, streicht er in der Provinz Verbindungen.

          Bild: F.A.Z.

          Allein in Hahn dürften daher in diesem Jahr 300 000 Passagiere weniger abfliegen. Dabei brauchte der Flughafen dringend wieder mehr Passagiere, um die neuen Vorgaben der EU-Kommission zu erfüllen. Die verlangen, dass sich die Flughäfen bis 2023 selbst tragen müssen. „Wir sehen Chancen, das zu schaffen“, behauptet Geschäftsführer Bunk gegenüber dieser Zeitung. Er gibt aber auch zu: „Unsere Zahlen sind nicht gut, es ist sehr eng.“ Erst 2015 wird es „bestenfalls ein leichtes Wachstum geben. Um die Marke von drei Millionen Passagieren zu erreichen, werden wir mehrere Jahre brauchen.“ Und die alten Höchststände scheinen unerreichbar.

          Hahn hängt fast ausschließlich von Ryanair ab. Die ungarische Wizz Air und die türkische Sun Express haben kaum Bedeutung. Das macht erpressbar. Als Hahn vor ein paar Jahren eine Terminalgebühr einführen wollte, drohte Ryanair abzuwandern. Die Idee blieb in der Schublade. Angesichts dieser Dominanz trauen sich keine etablierten anderen Billigflieger dorthin. Im Mai und Juni startet lediglich „Fly Romania“ mit ein paar Flügen. Und eine neue Frachtallianz mit einem chinesischen Flughafen soll mehr Fracht bringen. Flughäfen in den Vereinigten Staaten und ausgerechnet in Russland sollen dazukommen. Zusammen mit höheren Park- und anderen Gebühren und Kostensenkungen (einschließlich 20 Prozent Stellenabbau) soll das Ergebnis um 13,5 Millionen Euro verbessert werden. Ein ambitioniertes Ziel.

          Besserung könnte die geplante Privatisierung bringen. Der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport hat eine entsprechende Bitte aber schon zurückgewiesen. Er hatte mit seiner Beteiligung bis 2009 schlechte Erfahrungen gemacht. Andere Investoren drängen sich nicht auf. Die Wolken über dem Dörfchen Hahn verdunkeln sich.

          Quelle: F.A.S.

          Weitere Themen

          Ehrenrunde sorgt für Diskussionen Video-Seite öffnen

          Air-Berlin-Flug : Ehrenrunde sorgt für Diskussionen

          Ein Manöver am Flughafen Düsseldorf am Montag könnte einem Air-Berlin-Piloten vielleicht noch Ärger einbringen. Auf seinem letzten Langstrecken Flug von Miami nach Düsseldorf zieht der Flugkapitän statt zu landen hoch und saust noch einmal am Tower vorbei. Das Luftfahrtbundesamt forderte Air Berlin auf, Stellung zu dem Vorfall zu nehmen.

          Dogan Akhanli bei Rückkehr nach Deutschland bedroht Video-Seite öffnen

          Düsseldorf : Dogan Akhanli bei Rückkehr nach Deutschland bedroht

          Der deutschtürkische Schriftsteller Dogan Akhanli ist bei Rückkehr nach Deutschland am Flughafen in Düsseldorf beschimpft und bedroht worden. Am Ausgangsbereich rief ihm ein unbekannter Mann auf türkisch zu, er sei ein Landesverräter. Auch dieses Land, gemeint war wohl Deutschland, könne ihn nicht beschützen.

          Topmeldungen

          Toronto vom Wasser aus betrachtet - auf der Seite will Google die „smart City“ bauen.

          „Smart City“ : Hier baut Google die intelligente Stadt

          Viele Roboter, wenige Autos und Müll und Pakete werden unterirdisch transportiert: Der Technologiekonzern Alphabet hat sich eine Metropole für sein nächstes großes Projekt ausgesucht. Darum geht es.
          Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy kann im Katalonien-Konflikt auf die Unterstützung aus der Opposition hoffen.

          Konflikt in Spanien : Selten harmonisch

          Von der Minderheitsregierung zur gefühlten großen Koalition: Die Katalonien-Krise eint die Parteien in Madrid. Sie wollen die Wahl eines neuen Regionalparlaments in Katalonien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.