07.09.2005 · Volkswagen will seine Produktionskosten innerhalb von drei Jahren um 1,3 Milliarden Euro senken. Einen großen Teil sollen die Mitarbeiter schultern. Der Autobauer rechnet mit einem „deutlichen Personalabbau“.
Volkswagen will nicht nur die Fertigungskosten beim geplanten kleinen Geländewagen deutlich senken. Auch die nächstfolgenden VW-Modelle sowie bereits auf dem Markt befindliche Fahrzeuge wie der Golf und der Jetta werden einer scharfen Kostenkontrolle unterzogen. Viele Komponenten, die bislang werksintern gefertigt wurden, könnten künftig von externen Zulieferfirmen bezogen werden. Insgesamt sollen die Produktionskosten in den VW-Werken bis 2008 um 1,3 Milliarden Euro sinken und die Produktivität Jahr für Jahr um 6 Prozent steigen. Dies kündigte Reinhard Jung, im VW-Markenvorstand zuständig für Produktion und Logistik, im Gespräch mit dieser Zeitung an.
"Das Kostengerüst für den Bau des kompakten Geländewagens wird zum Vorbild für alle neuen VW-Modelle", sagt Jung. Im Rahmen von Produktklausuren hatte der neue VW-Markenchef Wolfgang Bernhard durchgesetzt, daß die projektierten Fertigungskosten um 2000 Euro je Fahrzeug gesenkt wurden. Um freilich auch im wichtigen Absatzmarkt Amerika mit diesem Auto Geld zu verdienen, pocht er auf eine weitere Entlastung um 1000 Euro. Doch die läßt sich mit dem teuren Haustarif in Wolfsburg nicht bewerkstelligen. Daher droht Bernhard mit der Fertigung in Portugal.
„Das ist kein Kettengerassel. Wir meinen es ernst“
Aber wäre eine solche Entscheidung überhaupt durchsetzbar? "Das ist kein Kettengerassel. Wir meinen es ernst", sagt Jung mit Blick darauf, daß die Marke VW auch aufgrund der zu hohen Produktionskosten in Deutschland zuletzt Verluste eingefahren hat. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müsse es VW gelingen, die hier produzierten Autos mit Gewinn außerhalb Europas zu verkaufen. Denn vor allem in Asien und Amerika sei in den nächsten Jahren überhaupt mit einem nennenswerten Marktwachstum zu rechnen. Daher werde man bei der Produktionsentscheidung für andere neue Modelle genauso hart kalkulieren: "Bei jedem neuen Fahrzeug werden wir genau prüfen, wo es am kostengünstigsten produziert werden kann." Dabei soll es einen echten Standortvergleich geben, der die Kosten, die durch den Anstieg der Überkapazitäten am "unterlegenen" Standort entstehen, nicht berücksichtigt.
Jung macht deutlich, daß das - momentan offenbar nur zu rund 65 Prozent ausgelastete - Stammwerk in Wolfsburg mit seinen 50.000 Mitarbeitern im Standortvergleich besonders schlecht dasteht. "Wolfsburg ist unser teuerster und komplexester Standort." Folglich seien dort auch die Stellhebel für Kostensenkungen am größten. Wie berichtet, wollen Bernhard und Jung den kleinen Geländewagen nach dem kostengünstigeren "5000 mal 5000"-Modell in Wolfsburg bauen lassen, was bisher aber auf den Widerstand des Betriebsrats trifft. Dennoch glaubt Jung, daß das Auto am Ende in Deutschland gebaut wird: "Ich bin optimistisch, daß wir zu einer Einigung kommen. Jeder weiß um die Bedeutung dieses Autos für den Standort Wolfsburg." Auf der Betriebsversammlung am Montag hatte Konzernchef Bernd Pischetsrieder sogar von einer "historischen Entscheidung" gesprochen: Wenn man bei der Vergabe dieses Fahrzeugs erfolgreiche Wege beschreite, "wird dies die Basis für Produktentscheidungen für deutsche Standorte sein können".
Die Produktivität soll jährlich um 6 Prozent steigen
VW will freilich nicht nur bei neuen, sondern auch bei den schon im Markt befindlichen Modellen auf die Kostenbremse treten. "Nach der jüngsten Produktklausur beim neuen Golf haben wir nennenswerte Einsparungen herausgeholt." Auch beim neuen Jetta, der erst ein Jahr auf dem Markt ist, setzten sich jetzt Entwickler, Produktionstechniker, Controller und Vertriebsleute an einen Tisch, um nach Kostensenkungen im Materialeinkauf, der Montage und bei den Fertigungszeiten zu fahnden. Dabei sollen Qualität und Gesicht des Fahrzeugs möglichst nicht tangiert werden: "Wir versuchen, die Dinge einfacher zu machen, ohne daß es Auswirkungen auf das Produkt hat." Jenseits der Prozesse im eigentlichen Fahrzeugbau untersuchen Jung und seine Mannschaft alle Fahrzeugbauteile auf Wirtschaftlichkeit, also auch die hauseigene Komponentenfertigung. "In der Zulieferindustrie herrscht aggressiver Wettbewerb. Also prüfen wir jetzt bei jeder einzelnen Hausanfertigung, ob es inzwischen nicht günstiger ist, die Teile von außen zu beziehen." Die Ergebnisse liegen noch nicht vor. Aber: "Wir werden nicht zögern, im Markt einzukaufen, wenn dies für uns wirtschaftlicher ist", sagt Jung. Er deutet an, daß von der Neuvergabe von Zulieferaufträgen vor allem die VW-eigene Kunststoff- und Werkzeugproduktion in Braunschweig und Wolfsburg sowie die Gießereien in Hannover und Kassel betroffen sein könnten. Ähnlich wie in der Diskussion um den Geländewagen hätten freilich alle Standorte die Chance, Wettbewerbsnachteile via Kostensenkungen auszugleichen.
„Keine betriebsbedingten Kündigungen“
Hinter all diesen und vielen anderen Maßnahmen steckt ein klares Ziel: "Wir wollen die Produktivität in den laufenden Prozessen jährlich um 6 Prozent erhöhen." Bis 2008 will Jung die Produktionskosten in den VW-Werken um 1,3 Milliarden Euro senken. Ein großer Teil davon entfällt auf Personalkosten. Daher rechnet Jung mit einem "deutlichen Personalabbau". Konkreter wird er nicht. Nach den internen Vorstellungen des Konzernvorstands sollen in den europäischen VW-Werken in den nächsten Jahren insgesamt rund 14.000 Arbeitsplätze gestrichen werden, davon etwa 10.000 in Deutschland (, F.A.Z. vom 6. September). Jung will diese Zahlen nicht kommentieren. Er betont, daß es keine betriebsbedingten Kündigungen geben solle. Und die Verhandlungen über die Höhe der Abfindungen für Mitarbeiter, die bereit seien, freiwillig auszuscheiden oder in Altersteilzeit zu wechseln, würden jetzt erst beginnen. Außerdem gehe es bei den Personalkosten nicht nur um eine Reduzierung der Köpfe, sondern auch um eine Senkung der Arbeitskosten pro Kopf. "Wir brauchen veränderte Arbeitszeiten und Schichtmodelle." In diesem Sinne haben auch die laufenden Verhandlungen über ein neues Schichtmodell im Wolfsburger Stammwerk Modellcharakter. Über mehr Arbeit am Tage und weniger in der Nacht könnten die Kosten für Schichtzuschläge deutlich gesenkt werden. Im Zusammenspiel mit der angestrebten Streichung bezahlter Kurzpausen würde die Umstellung freilich einen beträchtlichen Personalüberhang - von vermutlich mehr als 1000 Leuten - provozieren. Auch diese Zahl will Jung nicht kommentieren. Er räumt aber ein, daß sowohl das Ergebnis der Verhandlungen über das Schichtmodell als auch das über den kleinen Geländewagen Einfluß darauf hätten, wieviel Personal in Wolfsburg abgebaut werden müsse.
Parallel zu den Kostensenkungen muß der 54 Jahre alte Maschinenbau-Ingenieur, der seit August 2004 dem VW-Markenvorstand angehört und davor die Geschäfte von Volkswagen in Mexiko leitete, die Qualitätsprobleme bei VW in den Griff bekommen. Erst jüngst soll es bei der Golf-Produktion in Wolfsburg Qualitätsmängel gegeben haben. Jung bestätigt, daß es "nicht akzeptable Nacharbeitsstunden" gegeben habe, um alle Wagen in perfektem Zustand an die Kunden zu liefern. Im übrigen zeigte er sich davon überzeugt, daß VW in den einschlägigen Qualitätsstatistiken schon bald wieder in die vorderen Ränge rutscht. Wenn dies gelingt, schlägt sich das direkt in Jungs Portemonnaie nieder: Bernhard hat die Bonuszahlungen für VW-Führungskräfte daran ausgerichtet.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.364,65 | −2,12% |
| Dow Jones | 12.424,10 | −1,25% |
| EUR/USD | 1,2412 | −0,61% |
| Rohöl Brent Crude | 103,28 $ | −3,34% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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