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Private-Equity-Investitionen : Nachhilfe für jedermann

In der „Schülerhilfe“ werden schon Grundschulkinder auf Erfolg getrimmt. Bild: Dominik Asbach/laif

Private-Equity-Firmen kaufen sich in Nachhilfe-Ketten ein. Das Geschäft läuft, solange sich Eltern um den Erfolg ihrer Kinder sorgen.

          Ausgerechnet Nachhilfestudios sind zum Spekulationsobjekt geworden. Die erzsolide Private-Equity-Firma DBAG hat sich jüngst in die Nummer eins der Nachhilfe-Firmen eingekauft, die unter dem Namen „Schülerhilfe“ 1050 Filialen betreibt. Die Nummer zwei heißt „Studienkreis“, betreibt ein paar Studios weniger und gehört ebenfalls Finanzinvestoren.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Das Rätselhafte an diesen Investitionen ist, dass zwei mächtige Entwicklungen das Potential haben, das Geschäft mit der Nachhilfe auszutrocknen: die schrumpfenden Schülerzahlen und die Ganztagsschulen. Das Statistische Bundesamt sagt vorher, dass allein in der Mittelstufe die Schülerzahl bis zum Jahr 2020 um gut eine Million Schüler auf dann rund 3,7 Millionen abnehmen wird. Sprich, der Markt der Fünft- bis Zehntklässler schrumpft um 22 Prozent.

          Doch das ficht die Investoren nicht an. Sie trösten sich zum einen damit, dass die Nachhilfe-Studios vor allem in Ballungsräumen sitzen, die eher noch Zuzug erleben. Außerdem glauben sie daran, dass sich der Markt zunehmend professionalisiert.

          Profis haben nur ein Drittel Marktanteil

          Bisher haben die Profis einen Marktanteil von rund 30 Prozent. Lehrer, Pensionäre, Musterschüler und Studenten teilen den Rest unter sich auf. In Zukunft, so die Prognose, werden die Firmen mit starken Namen weitere Marktanteile erobern. Zum Beispiel mit Garantie-Angeboten wie dem der Schülerhilfe: „5 weg, sonst Geld zurück“. So etwas könnten sich Einzelanbieter nicht leisten.

          Die zweite Strategie ist es, den Kundenkreis als solchen zu erweitern.Lange gingen etwa Grundschüler weitgehend unbehelligt von Nachhilfe durchs Leben. Aber das hat sich in den letzten Jahren verändert. „Alarmierend“, nennt Bildungsforscher Klaus Klemm die Entwicklung. Am Ende der Grundschulzeit – wenn es um die Empfehlung für die weiterführende Schule im deutschen Schulsystem geht – kommt Nachhilfeunterricht auf die Agenda der Eltern. Und danach auch auf die der Schüler.

          Das große Pauken
          Das große Pauken : Bild: F.A.Z.

          Die jüngste Bildungsstudie der Firma „Jako-o“ bestätigt, dass Eltern sich beträchtlichem Druck ausgesetzt sehen, ihren Kindern in dieser Zeit die bestmöglichen Lernvoraussetzungen zu schaffen. Das sagen neun von zehn Eltern. Sie sind besorgt. Nicht ohne Grund: In Bundesländern wie Bayern ist die Empfehlung für die weiterführende Schule entscheidend dafür, ob die Sprösslinge aufs Gymnasium dürfen. Wer schlechter als 2,33 liegt, darf nicht. Dann geht es ans Zusatzpauken. Aus Sicht der Eltern ist das rational, denn Nachhilfe hat oft Erfolg. Und die Schulwahl prägt die Laufbahn in Deutschland nahezu schicksalhaft, wie man nicht zuletzt aus dem Pisa-Vergleich weiß.

          Bedrohung durch die Ganztagesschule

          Die Nachfrage der Eltern und die Angebote der Anbieter haben sich längst synchronisiert: Die Kette „Studienkreis“ wirbt mit einer besonderen „Kinderlernwelt“ für Grundschüler von der ersten bis zur vierten Klasse und verspricht: „Damit wir Ihr Kind optimal fördern können, führen wir zunächst eine ausführliche Eingangsdiagnostik durch.“ Diese Wortwahl kennt man sonst aus der Medizin.

          Eines hat sich zur Erleichterung der Investoren ganz grundsätzlich geändert. Früher haben nur Leute Nachhilfe bekommen, deren Versetzung eher unwahrscheinlich schien. Heute kann es auch mal um die Verwirklichung individueller Lernziele gehen: eine bessere Englisch-Note etwa oder Extra-Vorbereitung auf das Latinum. Jeder vierte Schüler hatte inzwischen schon einmal Nachhilfe, sagen einschlägige Studien.

          Die zweite Bedrohung erwächst den Nachhilfe-Ketten aus dem Trend zu Ganztagsschulen. Das möchte man zumindest annehmen: Wer ohnehin den ganzen Tag in der Schule verbringt, braucht nicht noch zusätzlich Hilfe. Doch die Unternehmen und ihre Investoren wirken nicht weiter beunruhigt. Tatsächlich führt die Vorstellung, dass mehr Zeit in der Schule auch mehr Chancen bietet, Wissens- und Verständnislücken der Schüler zu schließen, offenbar in die Irre. Wenn auch nicht ganz klar ist, welchen Bildungsgewinn Nachmittagsunterricht den Schülern sonst bringt, so dient er offenbar nicht dazu, Rückstände einzelner Nachzügler aufzuholen.

          Ein europäischer Vergleich des britischen Bildungsforschers Mark Bray zeigt, dass Europameister in der Nachhilfe Frankreich ist. Dort werden die Kinder den ganzen Tag beschult, um dann am Abend noch zur Nachhilfe zu gehen.

          Neue Trends: Lerncamps und Online-Nachhilfe

          Alternativ wird in den Ferien gepaukt. Lerncamps im Sommer werden häufiger, die Schülerhilfe hat dazu inzwischen eigene Programme auf die Beine gestellt. Auch hierzulande gebe es keinen Hinweis, dass die Ganztagsschule Nachhilfe obsolet mache, sagt Bildungsforscher Klemm. Weitgehend ohne Nachhilfe kommen nur nordeuropäische Länder aus.

          Die dritte Gefahr für die Investoren in Nachhilfe-Firmen schlummert im Netz. In den Vereinigten Staaten macht die gemeinnützige „Khan Academy“ mit Online-Unterricht Furore. Der Gründer Salman Khan verbreitet den Mythos, das Projekt sei aus kleinen Lehrfilmen entstanden, mit denen er seiner entfernt lebenden Cousine Nadia Nachhilfe in Mathematik gab.

          Während sich Khan Academy zur allgemeinen Bildungsplattform entwickelt, haben sich einige Nachfolger auf den Nachhilfe-Markt für Schüler und Studenten gestürzt, so zum Beispiel Sofatutor aus Berlin. Der Schüler bekommt dort gegen eine Flatrate Lehrfilme und Unterricht in Chat-Form und berichtet über gute Erfolge.

          Doch auch die Schülerhilfe wartet inzwischen mit digitalen Angeboten auf. Allerdings: Deren Wirksamkeit hängt an der Selbstdisziplin der Schüler, die man nicht immer zwingend voraussetzen kann.

          Quelle: F.A.S.

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