20.04.2007 · Der designierte Pierer-Nachfolger Gerhard Cromme gilt nicht als bloßer „Abnicker“. Er will den Siemens-Konzern aus den Negativschlagzeilen führen. Wie ein „sturer Oldenburger“ über Frankreich und das Ruhrgebiet nach Bayern findet. Von Brigitte Koch und Werner Sturbeck.
Von Brigitte Koch und Werner SturbeckEr ist der richtige Mann zur richtigen Zeit. Der Regierungskommission, die sich seit einigen Jahren mit guter Unternehmensführung befasst, hat er sogar den Namen gegeben. Nach dem Credo Gerhard Crommes dienen Aufsichtsratsmandate weder der Anhäufung von Titeln und dem bequemen Ausschöpfen zusätzlicher Einkommensquellen noch dem Weiterregieren pensionierter Vorstandsvorsitzender. Nach seinem Selbstverständnis haben Aufsichtsräte ihre verantwortungsvolle Aufgabe mit vollem Engagement wahrzunehmen und dabei ein Höchstmaß an Unabhängigkeit zu wahren.
Er persönlich hat das bewiesen: Im VW-Aufsichtsrat wollte er nicht bloßer „Abnicker“ sein. Als er sich dort vom selbstherrlich regierenden Vorsitzenden Ferdinand Piëch wiederholt vor vollendete Tatsachen gestellt fühlte, stand er mit seinem Namen nicht mehr für eine Wiederwahl zur Verfügung.
Crommes Ziel: stabile Führungsstrukturen
Die Nachfolge Heinrich von Pierers als Aufsichtsratsvorsitzender des skandalgeschüttelten Siemens-Konzerns ist ihm aufgedrängt worden. Schon vor Ostern aufgekommene Gerüchte über den anstehenden Wechsel hat er wiederholt dementiert. Doch seine Berufung lag auf der Hand. Zum einen leitet er in dem Kontrollgremium bereits den sogenannten Prüfungsausschuss, der die Aufgabe hat, Unregelmäßigkeiten aufzudecken. Zum anderen ist er frei von operativen Managementaufgaben, anders als Josef Ackermann, Pierers Stellvertreter auf der Anteilseignerbank.
Crommes neues Amt ist nach jetziger Lesart erst einmal bis zur Siemens-Hauptversammlung im kommenden Januar befristet. Wer ihn kennt, weiß, dass er es in den nächsten Monaten als seine Hauptaufgabe betrachten wird, den größten deutschen Konzern aus den Negativschlagzeilen zu führen und für stabile Führungsstrukturen zu sorgen.
Kein Rücksichtnahme
Ob er sich auf einen längeren Verbleib an der Spitze des Aufsichtsgremiums einrichtet, wird man bald sehen. Das lässt sich daran ablesen, wie er den Kreis seiner übrigen Mandate einengen wird. Natürlich wird Cromme Aufsichtratsvorsitzender des Ruhrkonzerns Thyssen-Krupp bleiben. Aber er sitzt zudem in den Kontrollgremien deutscher Konzerne wie Allianz, Axel Springer, Deutsche Lufthansa und Eon sowie namhafter französischer Adressen wie BNP Paribas, Saint-Gobain und Suez. Jeweils zwei Mandate in beiden Ländern dürfte er abgeben, wenn er im Januar weitermachen soll.
Was er Pierer in der Unternehmenserklärung vom Freitag zu dessen Ausscheiden attestiert, nämlich die Interessen des Unternehmens und der Aktionäre über seine persönlichen zu stellen, kann man auch auf seine Entscheidung übertragen. Wenngleich er diesen Posten eigentlich nicht wollte, ist Cromme nicht der Mann, der sich der Verantwortung entzieht. Nicht zuletzt durch die Präsenz im Aufsichtsrat des jeweils anderen kennen und schätzen sich beide Manager schon lange. Bei seiner neuen Aufgabe in München wird für Rücksichtnahme jedoch kein Platz sein. Ein „Mister Corporate Governance“ hat viel zu verlieren, wenn es ihm nicht gelingt, für Transparenz zu sorgen und eine offenbar unter die Räder geratene Unternehmenskultur zu erneuern.
Herausragender Manager an Rhein und Ruhr
Der hochaufgeschossene, mit flottem Kurzhaarschnitt noch immer jungenhaft daherkommende 64-Jährige wirkt auf den ersten Blick wie der brillante Frühstücksdirektor, der für das Image seines Unternehmens, aber nicht für das Tagesgeschäft zuständig ist. Er ist ungemein verbindlich, ein netter Mensch, der seinem Gesprächspartner gern das Gefühl der Vertrautheit gibt. Sein fotografisches Gedächtnis hilft ihm, stets auch persönliche Worte und nicht nur die üblichen Floskeln bereitzuhaben. Doch verkörpert er nicht nur den Diplomaten, er gehört zu den herausragenden Managern an Rhein und Ruhr. Ohne seinen taktischen Weitblick, seinen Mut und seine sture Beharrlichkeit gäbe es heute den Stahl- und Investitionsgüterkonzern Thyssen-Krupp nicht. Mehr noch: Krupp wäre wohl längst pleite und Thyssen in ausländischer Hand.
So überraschend wie der neue Siemens-Oberaufseher Anfang der neunziger Jahre als damaliger Krupp-Chef den finanziell bessergestellten Wettbewerber Hoesch übernahm, startete er 1997 den feindlichen Angriff auf den Branchenprimus Thyssen. Aus der Attacke wurde nach zähem Ringen ein einvernehmlicher Zusammenschluss. Rückblickend sind sich alle einig, dass damals eine Ideallösung gefunden wurde.
Zumal die Krupp-Stiftung inzwischen der tonangebende Aktionär ist und neuerdings den uneinnehmbaren Schutzwall vor feindlichen Übernahmen bildet. Der Weg dazu, nämlich die Einführung eines Entsenderechtes für den Aufsichtsrat, brachte ihm als dem Vorsitzenden der Regierungskommission Corporate-Governance-Kodex einige Kritik ein. Aber wenn Cromme von einer Sache überzeugt ist, schrecken ihn keine Widerstände. Obwohl er sich in Sachen Offenlegung von Vorstandsgehältern in seinem Kollegenkreis nicht nur Freunde gemacht hat, hat er dies konsequent durchgesetzt.
„Kreativer Zerstörer“
Das operative Tagesgeschäft ist nicht so sehr seine Sache. Deshalb fiel es ihm 2001 leichter als seinem Mitvorstandsvorsitzenden Ekkehard Schulz, die berühmt-berüchtigte Doppelspitze bei Thyssen-Krupp auflösen. Er wechselte damals auf den Aufsichtsratsvorsitz und überließ Schulz das Ruder. Damit beendete der promovierte Jurist in dem für Spitzenmanager ungewöhnlich jungen Alter von 57 Jahren seine von großen Erfolgen geprägte aktive Managerlaufbahn, die ihm den Ruf als „kreativer Zerstörer“ eingebracht hatte. Dass dem eine zweite Karriere folgen werde, war völlig klar, zumal Cromme längst als der Kronprinz von Berthold Beitz, dem Vorsitzenden der Krupp-Stiftung, gilt. Seine vielen prominenten Mandate in Deutschland und Frankreich zeugen davon, dass der in Wirtschaft und Politik exzellent vernetzte Vater von vier erwachsenen Töchtern hohes Ansehen genießt.
Auch im Ausland wird Cromme als Repräsentant geschätzt. Vier Jahre lang war der Deutsche Vorsitzender des European Round Table, eines Eliteclubs europäische Konzernlenker mit nur wenigen Dutzend Mitgliedern. Diese völlig hinter den Kulissen arbeitende Vereinigung berät die Regierungen bei entscheidenden wirtschaftlichen Themen wie der Einführung des Euro oder der EU-Erweiterung. So etwas gefiel dem weltläufigen Wahl-Essener: Beim Frühstück mit Jacques Chirac, beim Lunch mit Tony Blair, und bei Tapas mit José María Aznar über Fragen der europäischen Wirtschaft zu debattieren.
Unstillbarer Konsum
Die ungewöhnliche Ämterhäufung in Frankreich hat einfache Gründe: Der in Vechta im Oldenburgischen Münsterland geborene Sohn eines Latein- und Griechisch-Lehrers hat nach dem Studium in Münster, Lausanne und Paris seine Laufbahn bei Saint-Gobain begonnen. Damals lernte er auch seine Frau kennen, eine Bochumerin, die ihm den späteren Wechsel ins Ruhrgebiet leichtgemacht haben dürfte. Der französischen Lebensweise gehört noch immer die große Liebe der ganzen Familie, die die Ferien gern in ihrer Wohnung in Südfrankreich verbringt. Welche Rotweine er schätzt, liegt auf der Hand. In vielen Dingen seines Lebens spielt Disziplin eine große Rolle. Doch wenn es um die Lektüre geht, ist sein Konsum schier unstillbar. Cromme liest fast ein Dutzend Tageszeitungen und bevorzugt ansonsten Geschichtsbücher über das Mittelalter.
Einem „sturen Oldenburger“, der ursprünglich in die beruflichen Fußstapfen seines Vaters treten wollte, ist es nicht in die Wiege gelegt worden, über Frankreich ins Ruhrgebiet zu finden. Dass er jetzt auch noch zum Teilzeit-Bajuwaren wird, hat Cromme gewiss nicht ahnen können.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.366,61 | −1,98% |
| Dow Jones | 12.422,10 | −1,26% |
| EUR/USD | 1,2400 | −0,71% |
| Rohöl Brent Crude | 103,36 $ | −3,27% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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