30.11.2008 · Der Sportwagenhersteller Porsche wehrt sich mit scharfen Worten gegen Kritik von Banken an seinen Geschäften mit VW-Aktien. Porsche-Finanzvorstand Holger Härter über Milliardengewinne, Verluste der anderen und sein Millionensalär - ein Interview.
Porsche-Finanzvorstand Holger Härter über Milliardengewinne mit VW-Aktien, die Verluste der anderen und sein Millionensalär.
Herr Härter, wann sperrt der Hedge-Fonds Porsche seine Blechfabrik zu?
Malen Sie doch nicht mit an diesem irreführenden Bild: Wir sind kein Hedge-Fonds, keine Zocker, keine Spekulanten. Unser Kerngeschäft ist und bleibt das Automobil.
Nur spielen die Autos für den monetären Erfolg kaum eine Rolle. Das Geld verdienen Sie an der Börse: 6,8 Milliarden Euro allein im vorigen Jahr mit Wetten auf die VW-Aktie. Was unterscheidet Sie von gewöhnlichen Hedge-Fonds?
Im Gegensatz zu Hedge-Fonds sind die Kurssicherungsgeschäfte an der Börse für uns kein Selbstzweck, sondern dienen einer höheren industriellen Logik: Wir wollen VW übernehmen und zusammen mit uns in eine unangreifbare Spitzenposition in der Welt führen. Darum geht’s. Wir sind nicht angetreten, die Hedge-Fonds der Welt zu schlagen. Das ist Quatsch.
Aber Sie nutzen deren Logik für Ihren VW-Coup.
Die Instrumente, die wir einsetzen, sind keine Hexerei: Wir sichern uns für VW ab, wie wir das für Währungen seit Jahren eingeübt haben. So werden Risiken kalkulierbar. Steigende Kurse hätten das Vorhaben sonst womöglich vereitelt. Als wir bei Volkswagen 2005 eingestiegen sind, haben wir den sehr niedrigen Kurs genutzt. Damals haben wir diverse Szenarien durchgespielt: Bis zu welchem Kurs können wir das Vorhaben finanzieren? Was passiert, wenn sich die Aktie in diese oder in die andere Richtung bewegt? Die günstigste Konstellation aus unserer Sicht wäre gewesen, wenn der Kurs auf dem Anfangsniveau geblieben wäre.
Warum das? Dank der steigenden VW-Aktie haben Sie Milliarden eingestrichen.
Ein Kursniveau wie vor drei Jahren hätte unsere Liquidität geschont. Wir hätten weniger Steuern zahlen müssen – und die ganze Sache wäre mit weit weniger Aufregung gelaufen.
So haben Sie fabelhafte Gewinne eingefahren und es selbst zum bestverdienenden Banker Deutschlands gebracht, Glückwunsch!
Danke, aber ich bin gelernter Volkswirt und kein Banker. Mein Aufgabenbereich als Porsche-Finanzvorstand ist deutlich breiter. Ich habe bei Porsche auch die Verantwortung für den Einkauf und das Informationsmanagement.
In jedem Fall verdienen Sie mehr als Josef Ackermann. 143 Millionen Euro teilen sich die sechs Herren im Porsche-Vorstand. 80 Millionen bekommt angeblich Wendelin Wiedeking, Sie werden auf 40 Millionen geschätzt.
Sie liegen definitiv falsch. Ich verdiene gut, aber Ihre Schätzung ist weit übertrieben. Zu meinem Gehalt äußere ich mich konkret nicht. Da halte ich es wie Wendelin Wiedeking: Mein Gehalt kennt der Aufsichtsrat, das Finanzamt und meine Frau. Das muss genügen.
Im Nachhinein wirkt Ihre VW-Wette nicht sonderlich gewagt: Sie setzen auf steigende Kurse im Wissen, dass die Übernahme die Aktie nach oben treibt.
Noch einmal: Es war keine Wette, sondern die Absicherung eines VW-Kurses, bei dem aus Porsche-Sicht der Einstieg wirtschaftlich vertretbar war und finanzierbar ist.
Können Sie in zwei Sätzen erklären, wie man Europas größten Autokonzern übernimmt und damit auch noch reich wird?
Wir sind nicht reicher geworden, als wir kalkuliert hatten. Sie dürfen die ausgewiesenen Gewinne aus unseren Kurssicherungsgeschäften nicht losgelöst vom Erwerb der VW-Aktien sehen: Wir haben cash-gesettelte Optionen abgeschlossen, um die VW-Aktien zu kalkulierten Anfangskursen kaufen zu können. Dazu haben wir einen Basiskurs vereinbart. Liegt der VW-Kurs am Fälligkeitstag höher, bekommen wir einen Barausgleich vom Gegenüber. Ist er niedriger, zahlen wir.
Wann werden die Optionen fällig?
Da gibt es keinen fixen Stichtag. Unsere Kurssicherungsoptionen verlängern sich automatisch, bis wir entscheiden, sie aufzulösen.
Und welchen Kaufkurs haben Sie sich gesichert?
Das bleibt unser Geheimnis.
Könnten Sie nach dem Muster auch andere unterbewertete Dax-Konzerne übernehmen?
Theoretisch ja, aber eine industrielle Logik wäre Voraussetzung.
Und praktisch? Daimler ist günstig. Schlagen Sie wieder zu?
Ganz sicher nicht. Unser Ziel war es, VW zu übernehmen, nicht Gewinne mit Aktien einzufahren.
Tun Ihnen die Investoren leid, die Milliarden mit VW-Aktien verzockt haben? Haben Sie Mitleid mit jemandem wie Herrn Merckle, dessen Imperium deswegen wankt?
Wir sind nicht schadenfroh, wenn Sie das meinen. Uns auf Kosten Dritter zu bereichern war nicht unser Beweggrund.
Hat Herr Merckle in Zuffenhausen angerufen, damit Sie ihm aus der Patsche helfen?
Nein. Wir hatten keinen Kontakt zu Herrn Merckle, wir haben auch keinen Einblick in seine VW-Positionen.
Drohen Ihnen die Banken, die mit VW-Aktien Milliarden verloren haben, nun mit Rache?
Bei mir hat sich niemand gemeldet. Warum auch? Wir haben nichts Unrechtes getan. Ich weiß auch nicht, welche Banken betroffen sind.
Sie haben den Kurs der VW-Aktie manipuliert, lautet der Vorwurf. Porsche habe dem Finanzplatz Deutschland als Ganzes geschadet, toben die Fondsmanager.
Unsinn. Solche Vorwürfe sind unhaltbar. Wir weisen jede Verantwortung für Verwerfungen des Marktes von uns. Wir haben uns in jedem Moment an Recht und Gesetz gehalten. Jeder wusste von unseren Kurssicherungsgeschäften. Es ist völlig absurd, uns zu unterstellen, wir hätten unsere Strategie zur Erhöhung der VW-Beteiligung nicht offengelegt.
Sie haben den Markt mit der Botschaft kalt erwischt, dass Sie Zugriff auf 74 Prozent haben. Anschleichen nennt man diese Taktik.
Noch einmal: Wir haben niemanden getäuscht. Erst Ende Oktober war die Option 75 Prozent klar. Dann haben wir dies auch umgehend mitgeteilt.
Das Nachsehen hatte derjenige, der Ihren vorherigen Beteuerungen geglaubt hatte, keine 75-Prozent-Mehrheit anzustreben.
Wir haben erst Ende Oktober 2008 die Absicht gefasst, die 75 Prozent anzustreben, nachdem im Aufsichtsrat Klarheit geschaffen war. Bereits zuvor stand aber fest, dass wir die Mehrheit wollen. Jeder wusste, dass das Land Niedersachsen 20 Prozent hält – und der Markt irgendwann eng wird. Das hätten die Leerverkäufer wissen müssen. Wer auf sinkende VW-Kurse gewettet hat, tat das nicht aufgrund von Fakten – sondern aufgrund des eigenen Urteils. Dafür können wir nichts. Ohne die Leerverkäufer hätte es keine Turbulenzen gegeben, alle hätten gewonnen.
Die Börsenprofis haben es als Hohn aufgefasst, dass Sie auf dem Höhepunkt der Turbulenzen, als die VW-Aktie 1000 Euro erreichte, angekündigt haben, fünf Prozent der Optionen abzugeben – angeblich, um den Markt zu beruhigen.
Exakt darum ging es uns. Wir haben auch nur einen Teil der fünf Prozent verkauft. Hätten wir Milliarden kassieren wollen, wie uns unterstellt wurde, hätten wir das lässig tun können. Wir haben es nicht getan.
Jetzt halten Sie 43 Prozent der VW-Aktien, wann stocken Sie auf 50 Prozent auf?
Vielleicht noch in diesem Jahr, mit höherer Wahrscheinlichkeit Anfang nächsten Jahres.
Kaufen Sie bei einem zu hohen Kurs, riskieren Sie nächstes Jahr wahnwitzige Abschreibungen und einen Milliardenverlust.
Genau, dieses Risiko ist unkalkulierbar. Deshalb werden wir es nicht eingehen.
Und wann ist der VW-Kurs aus Ihrer Sicht vernünftig?
Mit 200 bis 250 Euro fühlen wir uns wohl. Das kommt dem nahe, was wir als langfristigen Wert von Volkswagen im Hinterkopf haben. Darauf können wir warten, wir haben ja keinerlei Zeitdruck.
Warum streben Sie so vehement die 75 Prozent an, wenn Sie schon mit 50 Prozent das Sagen haben?
Bei 75 Prozent hat man die Möglichkeit, einen Gewinnabführungsvertrag abzuschließen. Die Finanzpositionen werden dann zusammengelegt.
Genau das haben die VW-Vorstände von Anfang an befürchtet: Der Konzern, der 60mal so viele Autos produziert wie Sie, wird zu Porsches Befehlsempfänger.
Solche Ängste sind unbegründet. Wir werden mit den Kollegen in Wolfsburg alles gemeinschaftlich regeln, auch die Führung.
Das heißt: VW-Chef Winterkorn rückt zu Herrn Wiedeking und Ihnen in den Holdingvorstand auf?
Wir werden die Personalfragen zu gegebener Zeit einvernehmlich und mit dem Aufsichtsrat lösen.
Voriges Jahr ist Porsche ein einmaliges Kunststück gelungen: Der Gewinn war höher als der Umsatz. Wenn VW der Bilanz zugeschlagen wird, dann steigen die Erlöse auf 120 Milliarden Euro. So viel können nicht mal Sie an der Börse verdienen.
Es war nie Ziel unseres Handelns, mehr Gewinn als Umsatz zu machen. Auch heute nicht. Die Sondereinflüsse mit der VW-Aktie werden sich legen, wenn wir die Übernahme abgeschlossen haben. Dann wird der Blick sich wieder mehr auf die Autos richten.
Dieses Geschäft bricht gerade weg, auch bei Porsche. Wie schlimm wird das nächste Jahr?
Wir werden sicher weniger Autos verkaufen, so viel ist heute schon klar. Zum Ergebnis lässt sich aber noch keine vernünftige Aussage treffen, das wäre grob fahrlässig in diesen Zeiten. Wir sind der profitabelste Autohersteller der Welt. Und wir werden hart dafür arbeiten, das zu bleiben.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |