13.11.2006 · Mit der Ablösung von VW-Chef Bernd Pischetsrieder demonstriert vor allem einer seine Macht: Ferdinand Piëch. Nichts läuft in Wolfsburg ohne ihn - zum Wohl des Porsche-Clans.
Von Winand von PetersdorffAls Ferdinand Piëch 2002 die Leitung des Volkswagenkonzerns seinem Nachfolger Bernd Pischetsrieder übergab und Aufsichtsratsvorsitzender wurde, sprach er in dieser Zeitung über die Prioritäten in seinem Leben: „VW, Familie, Geld“. An dieser Reihenfolge werde sich auch nach seinem Abschied nichts ändern, machte er unmißverständlich klar.
Zur gleichen Zeit veröffentlichte er in seiner Biographie den Satz: „Ich werde mich hüten, ins Tagesgeschäft einzugreifen. Wenn die Kassa stimmt und die große Linie paßt, dann ist mein Job getan.“ Das ist eine nüchterne, präzise Beschreibung der Aufgabe eines Aufsichtsratschefs.
Emotionales Kerngeschäft
Jetzt, da er seinen von ihm selbst ausgewählten Nachfolger gefeuert hat, ahnt man die tiefere Bedeutung dieser Sätze. Die große Linie in Wolfsburg hat ihm nicht mehr gepaßt. Und: Volkswagen bleibt emotionales Kerngeschäft des Porsche-Sprößlings.
Zwei Fragen sind zu klären: Wie hat Piëch Pischetsrieder entmachtet und durch seinen Vertrauten Martin Winterkorn ersetzt? Und warum hat er es gemacht? Das Wie ist einigermaßen schnell erzählt, die Antwort auf das Warum kann eine ziemlich lange Geschichte werden.
Techniken des menschlichen Kräftespiels
Piëch hatte als Verbündeten beim Putsch natürlich Porsche-Chef Wendelin Wiedeking auf seiner Seite. Piëchs Familienverband kontrolliert Porsche als größter Aktionär und Inhaber sämtlicher Stimmrechte. Aber was man dem eckigen, kantigen, leicht fanatisch wirkenden Mann weniger zugetraut hätte, ist seine Fähigkeit, immer wieder relativ emotionsfreie Zweckbündnisse mit den Vertretern der IG Metall und den Betriebsräten zu schmieden, wenn es um heikle Fragen geht. Ohne die Arbeitnehmervertreter geht seit 5o Jahren gar nichts bei Volkswagen.
Piëch versteht sich offenbar nicht nur auf Turbodiesel, Allradantrieb und rostfreie Karosserien, sondern auch auf die Techniken des menschlichen Kräftespiels. Auf den zweiten Blick allerdings wird das einsichtig. Denn ohne die Zustimmung der Arbeitnehmer und der IG Metall-Spitze wäre Piëch nie ganz oben angekommen. Das Klassengrenzen ignorierende Bündnis aus der Luxusfirma Porsche und der Arbeiterschaft reicht, um bei Volkswagen die Richtung zu bestimmen. Und es reicht auch, den anderen Großaktionär, das Land Niedersachsen, und dessen Vertreter, den Ministerpräsidenten Christian Wulff, zu zwingen, gute Miene zum harten Spiel zu machen. Denn wer will schon zu den Verlierern zählen.
„Das kann doch nur gut für unser Image sein“
Den Sturz des bisherigen VW-Chefs Bernd Pischetsrieder soll Piëch von langer Hand geplant haben. Piëch habe schon vor einigen Wochen Pischetsrieder schriftlich zum Rücktritt aufgefordert. Pischetsrieder soll demnach einen Rücktritt abgelehnt und auf seinen neuen Fünfjahresvertrag verwiesen haben. Zudem habe er kritisiert, daß Piëchs Brief kein Votum des Aufsichtsrates gewesen sei.
Wie gut Piëch alles eingefädelt hat, zeigen Stellungnahmen am vergangenen Wochenende. Der VW-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh verteidigte den überraschenden Wechsel an der VW-Spitze. Osterloh ist wie Piëch Mitglied des Aufsichtsratspräsidiums. Er sprach in einem Interview von einem „geregelten Übergang“, bei dem ein Mann an die VW-Spitze komme, der den VW- Konzern in- und auswendig kenne und der „sicher neue Akzente setzen“ werde. Winterkorn habe die Tochtermarke Audi hervorragend positioniert. „Das kann doch nur gut für unser Image sein.“
Liebe Porsche als Hedgefonds
Vorwürfe, Piëch mische sich zu sehr ins operative VW-Geschäft ein, wies Osterloh zurück: „Er nimmt schlicht seine Aufgabe als Aufsichtsratsvorsitzender wahr. Und er ist ein absoluter Autofachmann.“ Daher habe der Betriebsrat auch keine Probleme mit einer noch stärkeren Position des Großaktionärs Porsche bei VW. „Mir ist es deutlich lieber, wenn sich Porsche als deutsches Unternehmen bei VW engagiert, als wenn es ausländische Hedgefonds tun.“
Daß Piëch selbst harte Entscheidungen nicht schwerfallen, daran konnte es ohnehin nie Zweifel geben. Zehn VW-Vorstände hatte er schon während seiner Amtszeit als VW-Chef fortgeschickt. Ohne Bedauern: „Aus tiefster Überzeugung habe ich lieber einen für die betreffende Situation unpassenden Topmanager gefeuert, als eine Schwächung des Unternehmens zu riskieren, die letztlich ein paar tausend Arbeitsplätze kosten kann.“
Schachzug gegen Wulff
Viel ist schon darüber spekuliert worden, warum Piëch Pischetsrieder feuert, nachdem er ihm sechs Monate zuvor erst einen neuen Fünfjahresvertrag gegeben hatte. Daß Pischetsrieder zur Zauderei neigt, bestätigen nicht nur seine alten Arbeitgeber bei BMW, sondern überraschenderweise auch die Arbeitnehmervertreter. Es gibt unbestätigte Hinweise, daß Pischetsrieders Vertragsverlängerung mit Zielvereinbarungen verknüpft war, die der Bayer nicht halten konnte.
Schwerer dürfte aus Piëchs Sicht aber etwas anderes gewogen haben: Der Politiker Christian Wulff, unzweifelhaft ein Piëch-Gegner, wollte offenbar im VW-Aufsichtsrat ein Gegengewicht zu den Porsches bilden. Deshalb soll er nach Informationen dieser Zeitung den Nutzfahrzeughersteller MAN aufgefordert haben, sich mit zehn Prozent an Volkswagen zu beteiligen.
Eine uralte Beziehungskiste
Das Land Niedersachsen wäre zusammen mit dem süddeutschen Lkw-Konzern über 25 Prozent gekommen und hätte mit dieser Sperrminorität die Porsches auch dann noch in Schach halten können, wenn die Aktien des Landes Niedersachsen ihre Privilegien verlieren. Darüber entscheidet derEuropäische Gerichtshof nächstes Jahr. Pischetsrieder soll in Wulffs Machtspiele eingeweiht worden sein und geschwiegen haben. Das war der Fehler, der ihn den Job gekostet haben dürfte.
Die Vorstellung, Piëch lasse sich ohne Gegenwehr seiner Macht bei Volkswagen berauben, ist höchst naiv. Denn Porsche-Piëch und VW, das ist eine uralte Beziehungskiste. Der Einstieg des kleinen Sportwagenbauers Porsche beim größten Autohersteller auf dem europäischen Kontinent war in gewisser Weise der materielle Vollzug einer Verbindung, die schon immer da war.
Über Generationen mit Volkswagen verknüpft
Keine Familie war über Generationen hinweg so stark mit Volkswagen verknüpft wie die Porsche-Piëchs. Piëchs Großvater war der geniale Autokonstrukteur Ferdinand Porsche, der sich schon in den zwanziger Jahren mit der Idee eines wirtschaftlichen Volks-Wagens herumtrug. Im Auftrag des Hitler-Regimes konstruierte er von 1934 an den Käfer. 1936 begannen die Testfahrten, die Sohn Ferry Porsche zu organisieren hatte.
1938 wurde der Grundstein für das VW-Werk im späteren Wolfsburg gelegt, in dem der Käfer in Serie gefertigt werden sollte. Nach den Aufzeichnungen Ferry Porsches wollte Hitler die Volkswagen-Fabrik ursprünglich Porsche-Werk nennen. Ferdinand Porsche, der Geschäftsführer für Technik und Planung im Werk wurde, habe aber abgelehnt.
Comeback, Aufstieg, Reichtum
Piëchs Vater Anton Piëch war nicht nur Porsches Schwiegersohn, sondern auch dessen Justiziar und von 1941 an bis Kriegsende Leiter des Volkswagen-Werkes, das fast ausschließlich für die Rüstungsindustrie arbeitete. Gerade 630 Käfer produzierte das Werk bis 1945. 1948 kam es zu dem legendären Vertrag zwischen Treuhändern der britischen Alliierten, die das Volkswagen-Werk verwalteten, und der Porsche-Familie. Der Vertrag hatte drei wichtige Elemente, die den Grundstein für Comeback, Aufstieg und Reichtum der Porsche-Piëchs legten.
Die Familie bekam als Lizenzgebühr für die Konstruktion des Käfers jene berühmte eine D-Mark je verkauftem Fahrzeug. Bis zum Produktionsende des Autos gingen 21,5 Millionen Fahrzeuge vom Band. Ferner wurde damals schon im Vertrag eine Garantie für den Alleinimport von VW-Fahrzeugen nach Österreich festgeschrieben. Dieses Handelshaus profitierte auf märchenhafte Weise von der Öffnung nach Osten und setzt inzwischen rund acht Milliarden Euro um, vor allem mit dem Handel von Volkswagen. Die von Piëchs Mutter aufgebaute Porsche Österreich ist inzwischen eines der größten Unternehmen der Alpenrepublik und einer der umsatzstärksten Autohändler Europas.
Beginn einer Erfolgsmarke
Und drittens beseitigten die Verträge mit den Volkswagen-Treuhändern die Monopolstellung Porsches als Entwickler für Volkswagen. Volkswagen hatte bis dahin alles vom Stuttgarter Büro des Konstrukteurs Ferdinand Porsche entwickeln lassen, dafür durfte Porsche nicht für die Konkurrenz arbeiten. Von 1949 an baute Porsche den ersten Wagen auf eigene Rechnung, der auch den Namen Porsche trug und damit den Beginn einer Erfolgsmarke darstellte.
Die nächste Verbindung zwischen Porsche und Volkswagen verkörpert schon Ferdinand Piëch, der offenbar das Talent für Konstruktion von seinem Großvater geerbt hat. Im August 1972 stieß der Ingenieur zur Volkswagen-Tochtergesellschaft Audi. Im Jahr davor hatten die Porsches und Piëchs beschlossen, sich aus den Management-Funktionen der Porsche AG und von Porsche Austria zurückzuziehen und die Führung familienfremden Managern zu überlassen.
Keine Illusionen
Nach dem Eintritt bei Audi hätte Piëch nur noch dann als Vorstandsvorsitzender verhindert werden können, wenn Volkswagen selbst erfolgreich gewesen wäre und wenn seine Frau nicht seine Kündigung unterschlagen hätte. Piëch wollte den Konzern verlassen, als sein Vorgänger bei Audi eine Vertragsverlängerung bekommen sollte. Später beruhigt sich Piëch und übt sich in Geduld.
VW-Konzernchef Carl Hahn, ein Mann des Vertriebs, hatte sich nie für den Techniker aus Österreich erwärmen können, allerdings den Konzern in eine finanzielle Schieflage manövriert. Er hatte dramatisch ins Ausland expandiert, aber die Kostenkontrolle vernachlässigt. Piëch machte sich deshalb auch keine Illusionen. „In normalen, ruhigen Zeiten hätte ich wohl nie eine Chance bekommen“, schreibt er 2002 in seiner Biographie.
Bewahrer der Familientradition
1993, als Piëch an die Spitze von VW rückte, wies der Wolfsburger Konzern einen Umsatz von knapp 40 Milliarden Euro und einen Verlust von knapp einer Milliarde Euro aus. 2001 hatte das Unternehmen einen Umsatz von knapp 90 Milliarden Euro und ein Ergebnis vor Steuern von knapp drei Milliarden Euro. Als Hauptverantwortlicher für diese Entwicklung fühlt sich Piëch nicht nur als Bewahrer der Familientradition, sondern auch als Retter eines angeschlagenen Konzerns, auf den man besser hört.
Piëchs Mann ist nun ein enger Vertrauter: der bisherige Audi-Chef Winterkorn. Ihm wird unterstellt, er unterhalte eine Standleitung nach Salzburg zu Piëchs Domizil.
„Diese Erbengesellschaft widert mich richtig an“
Was wird nun aus Volkswagen? Als kommender VW-Vorstandschef plant Winterkorn in enger Abstimmung mit seinem Mentor einen Umbau in der Konzernstruktur des größten europäischen Autobauers, berichtet der „Spiegel“. Künftig sollten die Marken neu aufgeteilt werden in zwei Gruppen: eine für die Edelmarken Audi, Bentley, Bugatti und Lamborghini. Eine zweite für das Massengeschäft mit Volkswagen, Seat und Skoda. Später will Winterkorn auch wieder ein Vorstandsressort für Entwicklung schaffen.
Ist es die Pflicht, das Erbe zu erhalten, wurde Piëch im Interview mit dieser Zeitung vor vier Jahren gefragt. Seine Antwort ist bezeichnend: „Nein, nicht zu erhalten, es zu mehren. Für das Verprassen habe ich nicht das geringste Verständnis. Diese Erbengesellschaft widert mich richtig an.“
Und weiter führt er aus: „ Meine Stellung im Leben ist, etwas zu haben und das verbessert weiterzugeben. Ein einzelner ist nur ein Zwischenschritt, habe ich in Asien gelernt. So sehe ich mich auch. In der Hoffnung, daß in der Großfamilie einer der Nachkommen ähnlich denkt wie ich und das zusammenhält. Von dem Dutzend eigener Kinder und den 16 Enkeln wird ja irgendeiner dabeisein, der vernünftig genug ist, um die Führungsrolle zu übernehmen.“
Winand von Petersdorff-Campen Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.
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