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Pleite von StudiVZ : Nie mehr gruscheln!

  • Aktualisiert am

„Bist du schon drin?“ - so hieß es damals oben im Kopf der StudiVZ-Seite. Bild: Picture-Alliance

Unbeholfen posteten wir Nachrichten, traten komischen Gruppen bei und fragten uns, ob man den Chef gruscheln darf. Zur Insolvenz von StudiVZ erinnern wir uns an die Anfänge der sozialen Netzwerke.

          StudiVZ ist pleite. Das soziale Netzwerk, in dem viele von uns ihre allerersten Erfahrungen überhaupt im sozialen Internet gemacht haben. Nachrichten und Fotos posten, Bekannte aus alten Zeiten wiederfinden und das unvermeidliche „Gruscheln“ – die Redaktion erinnert sich an.

          Ach, die gibt’s noch?

          StudiVZ war meine erste Online-Community, irgendwann zu Studentenzeiten und kurz danach noch. Düster erinnere ich mich nur noch ans Gruscheln und an verzweifelte Versuche, über das Netzwerk Fans für meine Band zu organisieren. Die Möglichkeiten dafür waren – aus heutiger Sicht – ziemlich bescheiden. Und, was Bands heute über Facebook, Youtube und andere Plattformen anstellen, damals noch undenkbar. Irgendwann waren die Möglichkeiten ausgeschöpft – und ich wohl auch aus dem „Studi“-Alter raus. Die VZ-Netzwerke sind mir danach völlig aus dem Blickfeld geraten, mein erster Impuls nach der Pleite-Nachricht: Ach, die gibt’s noch?

          Martin Benninghoff, Jahrgang 1979

          Die Scham! Die Pein!

          Hätte man mich 2006 gefragt, woran StudiVZ einst scheitern wird, ich hätte es sofort sagen können. Ja, es gab so wichtige Gruppen wie „Ich hasse Bananenfäden“, aber die von meinen Kommilitonen und mir erwünschte Kernfunktion hatte einen Haken: Wenn wir über eine flüchtige Uni-Bekanntschaft nur etwas mehr erfahren wollten, bekam die unseren Besuch auf ihrer persönlichen Seite sofort angezeigt. Die Scham! Die Pein! Niemand war bereit, sich diese Blöße zu geben. Bekanntschaften auf StudiVZ vertiefen, das war wie ein endloses Schachspiel, in dem keiner auch nur einen Bauern opfern wollte. Und „gruscheln“, dieses schreckliche Wort, das bis heute Gänsehaut an den unwahrscheinlichsten Stellen verursacht, konnte man sowieso nur ironisch meinen. Dann kam Facebook. Dort konnte man anonym noch die Freunde der Freunde der Freunde stalken. Wir wanderten ab – und sehnten uns nie zurück.

          Julia Bähr, Jahrgang 1982

          „Kniet nieder, Ihr Bauern“

          Ich war noch Schülerin, aber trotzdem schon bei StudiVZ. Ein Student, den ich toll fand, war Mitglied in einer Gruppe namens „StudiVZ nur für Studenten!“ Das fand ich damals ziemlich gemein. Aber darum schien es in den Gruppen bei StudiVZ zu gehen, fast alle klangen fies und unsympathisch. Ich erinnere mich an zwei Gruppen, in denen ich war und die „Berlin die Stadt, Deutschland die Vorstadt“ und „Kniet nieder, Ihr Bauern, wir kommen aus einer Großstadt“ oder so ähnlich hießen. In dem Jahr, in dem ich dann endlich Studentin wurde, kam Facebook auf. Und es wurden haufenweise Gruppennachrichten verschickt, in denen immer ungefähr dasselbe stand: „Ihr Lieben, ab jetzt erreicht ihr mich nur noch per Mail – und bei Facebook.“

          Leonie Feuerbach, Jahrgang 1987

          Eine einzige Facebook-Freundin

          Es muss so gegen Ende meiner Studienzeit gewesen sein, als ich eine Bekannte in Amerika besuchte. Zu Schulzeiten hatte ich ein Jahr als Gastschülerin in ihrer Familie verbracht; wir trafen uns in ihrem Appartement in Boston und quatschten über alte Zeiten. Sie hatte mich damals – Ende der Neunzigerjahre – mit dem Internet vertraut gemacht. Mir gezeigt, wie man Mails statt Briefe nach Hause schickt. Und nun – fast zehn Jahre später – erzählte sie mir wieder Überraschendes. „Ich schalte den Computer eigentlich gar nicht mehr aus. Sonst sehe ich ja nicht, was meine Freunde auf Facebook so machen.“ Wir saßen zusammen an ihrem Schreibtisch und wurden Facebook-Freunde. Zurück in Deutschland blieb sie eine Zeit lang meine einzige Facebook-Freundin. Schuld war dieser deutsche Konkurrent. Die Studienkollegen erklärten mir: „Du musst zu StudiVZ! Da sind alle.“ Mein Facebook-Konto behielt ich trotzdem. Etwa ein Jahr später traf ich dort auch die anderen.

          Nadine Bös, Jahrgang 1980

          StudiVZ? Dafür bin ich zu jung!

          StudiVZ war für mich und meine Freunde so gut wie kein Thema mehr – dafür bin ich zu jung. „Mein“ allererstes soziales Netzwerk war „Wer-Kennt-Wen“, aber das existiert  ja mittlerweile auch nicht mehr. Ich war eine zeitlang bei SchülerVZ angemeldet, einfach um das mal auszuprobieren. Viel los war dort zu diesem Zeitpunkt – es muss so 2010 gewesen sein – aber nicht mehr. Das Wort „gruscheln“ kenne ich trotzdem noch! In meinem Studium tausche ich mich jetzt mit Freunden und Kommilitonen über Facebook, Instagram und Twitter aus. Ein richtiges Studentennetzwerk gibt es nicht mehr.

          Mauritius Kloft, Jahrgang 1995

          Darf man den Vorgesetzten gruscheln?

          „Bist du auf Studi-VZ oder auf Facebook?“ war eine zu meinen Studienzeiten häufig gestellte Frage. Studi-VZ galt als etwas jünger und warmherziger, Facebook hingegen als cooler und amerikanischer (in der Vor-Trump-Zeit war das als Lob gemeint). Und in diesen Anfangszeiten der sozialen Netzwerke diskutierten wir lange, ob man den netten Vorgesetzten eigentlich gruscheln darf oder nicht. (Ergebnis: Eher nicht, es sei denn, er fängt an). Irgendwann hatten viele dann einen zusätzlichen Account auf Facebook – und wenig später dann nur noch den.

          Christoph Schäfer, Jahrgang 1979

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