05.02.2008 · Eines der größten Infrastrukturvorhaben in Europa erhält durch den Einstieg der Deutschen einen kräftigen Impuls. Nun steht auch Gaz de France vor der Tür. Rumänien und Bulgarien sind bereit für die Aufnahme. Doch noch sträubt sich die Türkei.
Von Michaela Seiser und Werner SturbeckDeutschlands zweitgrößter Energiekonzern RWE wird sechster Partner im Gas-Pipeline-Projekt Nabucco. Der Vertrag wurde am Dienstag in Wien unterzeichnet. Das Vorhaben unter der Federführung des österreichischen Erdöl- und Erdgaskonzerns OMV erhält damit einen kräftigen Impuls, nachdem es in den zurückliegenden Monaten ins Stocken geraten war. Zugleich verringerten sich die bislang mit 4 bis 6 Milliarden Euro veranschlagten Kosten für die einzelnen Beteiligten.
Für RWE ist diese Leitung auf längere Sicht eine bedeutende Investition zur Diversifizierung der Bezugsquellen von Erdgas. Der Konzern bewegt in Europa derzeit rund 40 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr. Diese Mengen fließen an Privathaushalte, Unternehmen und als Brennstoff in die eigenen gasbefeuerten Kraftwerke.
Abhängigkeit von Russland schmälern
Wichtige Lieferländer sind Russland, Norwegen, die Niederlande und - für den britischen Markt - Großbritannien. Die in der Erdöl- und Erdgasförderung tätige Tochtergesellschaft RWE Dea ist vor allem in Nordafrika engagiert. Um Gas aus solchen Quellen auch selbst in den eigenen Absatzgebieten vermarkten zu können, verstärkt das Essener Unternehmen die Investitionen im Segment liquides Erdgas (LNG).
Durch die Pipeline soll Gas von Ländern am Kaspischen Meer über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich gepumpt und die Abhängigkeit vom weltgrößten Erdgasförderer Russland verringert werden. In vier Jahren ist die Inbetriebnahme der über eine Länge von rund 3400 Kilometer geplanten Gasbrücke zwischen Asien und Europa vorgesehen.
Pipeline wird nicht mal ein Zehntel des europäischen Bedarfs fördern
Nabucco ist eines der größten Infrastrukturvorhaben in Europa und wurde vor sechs Jahren von den nationalen Energiegesellschaften ins Leben gerufen. Neben OMV gehören die türkische Botas, die bulgarische Bulgargaz, die rumänische Transgaz und die ungarische MOL dem Konsortium an.
Der Baubeginn der Nabucco-Pipeline ist für 2009 geplant, von 2012 an wird sie voraussichtlich Gas liefern. Die Gesamtkapazität wird in der Endausbaustufe 25 bis 31 Milliarden Kubikmeter im Jahr betragen. Das wäre weniger als ein Zehntel des heutigen Gasverbrauchs in Europa. Von dieser Gesamtkapazität wollen die beteiligten Gesellschaften die Hälfte selbst nutzen.
Französische und osteuropäische Beteiligung im Gespräch
Möglicherweise erhält Nabucco nach RWE auch noch andere Partner. Rumänien und Bulgarien haben zuletzt ihre Unterstützung für eine Beteiligung des französischen Gaskonzerns Gaz de France an Nabucco bekräftigt. Der rumänische Staatspräsident Traian Basescu erklärte am Montag anlässlich des Besuchs des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in Bukarest, er unterstütze im Einvernehmen mit Sarkozy eine Beteiligung von Gaz de France an dem Gaspipeline-Projekt Nabucco.
Bulgariens Energie- und Wirtschaftsminister Petar Dimitrov betonte am Dienstag, dass die geplante South-Stream-Leitung als Verlängerung der bestehenden Blue-Stream-Pipeline, mit der der russische Versorger Gasprom und die italienische ENI-Gruppe im großen Stil russisches Gas nach Europa bringen wollen, kein Gegensatz zu Nabucco sei. „Mit zwei alternativen Quellen wird es einen Preiswettbewerb geben. Ohne alternative Quelle aber einen Monopolpreis“, sagte Dimitrov.
Türkei lehnt französische Beteiligung wegen Streit um Armeniermord ab
Ein Teil der SouthStream-Leitung mit einer Gesamtlänge von 900 Kilometern soll durch das Schwarze Meer und Bulgarien verlaufen. Bulgarien habe die richtige Entscheidung getroffen, beiden Projekten eine Chance zu geben, sagte der Minister. Branchenkenner meinen, ohne Rückhalt von Gasprom werde Nabucco auf Dauer einen schweren Stand haben.
Die türkische Regierung sprach sich bisher aus politischen Gründen gegen eine Beteiligung von Gaz de France an dem Vorhaben aus. Die französische Nationalversammlung hatte im Jahr 2006 entschieden, das Leugnen eines Völkermordes an Armeniern im Ersten Weltkrieg unter Strafe zu stellen. Die Türkei lehnt die Einstufung der Verbrechen als Völkermord ab.
Michaela Seiser Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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