Home
http://www.faz.net/-gqi-x1s2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Pilotprojekt BMW entdeckt seine alten Arbeiter

 ·  Deutschland altert. Und die Belegschaft in den Fabriken altert mit. Wie stark, das stellt BMW jetzt im Werk in Dingolfing nach. In einem Pilotprojekt simuliert der Autohersteller den Altersschnitt im Jahr 2017.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Deutschland altert. Und die Belegschaft in den Fabriken altert mit. Wie stark, das stellt BMW jetzt im Werk in Dingolfing nach. Die Abteilung Achsgetriebemontage spielt Zukunft: Der Autohersteller simuliert hier den Altersschnitt im Jahr 2017. Mit bloßem Auge ist der Unterschied nicht zu erkennen: Dort schrauben keine weißhaarigen Senioren, allenfalls graue Schläfen sind zu sehen. "Der Altersschnitt liegt bei 47 Jahren, acht Jahre über dem heutigen BMW-Mittelwert", erläutert Personalvorstand Ernst Baumann.

Es sind die kleinen Dinge, welche das Pilotprojekt von der restlichen BMW-Welt unterscheiden: Unter jedem Arbeitsplatz liegt eine Holzplatte (für den Rücken), spezielle Schuhe bekommen die Arbeiter verpasst, ergonomisch geformte Stühle, größere Bildschirme. Und Sport wird getrieben, überall hängen Anleitungen für die Gymnastikpausen. Als die Physiotherapeuten angerückt sind, schüttelten die Niederbayern erst mal den Kopf: "Jetzt spinnen sie komplett, die Herren in München." Das hat sich gelegt. "Die Mitarbeiter sind mit großem Ernst bei der Sache", sagt der Personalvorstand. Es wird gedehnt und gestreckt, an der Sprossenwand werden die Bauchmuskeln trainiert. Alles im Dienst der Gesundheit. Und des Arbeitgebers, versteht sich. Langsamer gearbeitet wird in dem Pilotprojekt nicht, den Takt hält BMW konstant. Mit dem Ergebnis nach einem halben Jahr Testlauf sind die Herren aus dem Vorstand hochzufrieden: Die Qualität sei besser, die Effizienz so hoch wie in Fabriken mit jüngeren Kollegen. Demnächst wird der Versuch deshalb ausgedehnt auf weitere Standorte, den Motorenbau im österreichischen Steyr sowie die Kabelbaumontage in Leipzig.

„Aus dem Älterwerden darf uns kein Wettbewerbsnachteil entstehen“

Das ist keine Philanthropie", gibt Manager Baumann zu. Das hätte auch niemand erwartet in einem Konzern, der im Moment darum kämpft, die Rendite nach oben zu treiben, und dafür 8000 Stellen opfert. Die globale Konkurrenz ist wachsam, und sie produziert im Zweifel günstiger als in Bayern. Zudem stehen in Indien oder China jüngere Kohorten am Band. "Aus dem Älterwerden darf uns kein Wettbewerbsnachteil entstehen", sagt Baumann. Der Anteil der Gruppe 50 plus an der BMW-Belegschaft wird binnen zehn Jahren von 14 auf 37 Prozent steigen.

Die Alterung wird der Autohersteller nicht aufhalten, so wenig wie der Rest der Wirtschaft, also muss er reagieren. In einer Umfrage des Adecco-Instituts nennen 54 Prozent von Europas Großunternehmen die Demographie als eine ihrer größten Herausforderungen, fast gleichauf mit der Globalisierung (55 Prozent) und dem technischen Fortschritt (58 Prozent). In Deutschland sehen gar 70 Prozent der Befragten die Alterung als ein Problem, in Großbritannien nur 32 Prozent. Entsprechend eifrig legen die Konzerne hierzulande Programme auf. Was bei BMW unter dem Titel "Heute für morgen" läuft, heißt bei Daimler "aging workforce", bei BASF "Generation@Work" und bei Thyssen "Programm Zukunft". BMW-Konkurrent Audi wiederum hat eine "Silver Line" gestartet. In Neckarsulm bauen ältere Mitarbeiter den Sportwagen R8, mit längeren Taktzeiten als üblich. Die Stückzahlen des Renners sind freilich niedrig, so dass das Manufakturprojekt weniger repräsentativ ist als jenes der BMW-Manager.

Mini-Sabbaticals für Mitarbeiter

Gemein ist allen Firmen die ökonomische Konsequenz einer alternden Belegschaft. Die treibt von zwei Seiten die Personalkosten in die Höhe: je länger im Betrieb, desto höher das Gehalt. Außerdem: Je älter, desto kränker. Grob gesprochen, ist die Krankenquote kurz vor der Rente zehnmal so hoch, verglichen mit der von Berufsanfängern. Das erklärt die Investitionen der Industrie in Gesundheitsoffensiven und alles, was dazugehört: Kraft- und Ausdauertraining im Falle von BMW etwa, gesundes Essen in der Kantine, der ärztliche Gesundheitscheck, auch ein neues Schichtmodell, in dem die Arbeitszeiten täglich wechseln: "Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass der wöchentliche Wechsel Früh-, Spät-, Nachtschicht die Leistungsfähigkeit mindert", sagt Personalvorstand Baumann. Mehr Freizeit gönnt der Konzern den Mitarbeitern auch. Sofern der jeweilige Vorgesetzte nicht widerspricht, erhält künftig jeder BMW-Angestellte die Möglichkeit, bis zu 20 freie Tage im Jahr zu nehmen. Das freut den Werktätigen, auch wenn er dafür Einbußen im Gehalt erleidet. Personalchef Baumann rechnet "mittelfristig mit mehr als 5000 dieser Mini-Sabbaticals im Jahr".

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Protektionismus nach Brüsseler Art

Von Hendrik Kafsack, Brüssel

Die Europäische Kommission will Strafzölle auf Solarmodule aus China erheben. Zahlreiche Unternehmen warnen vor der Reaktion Chinas. Davon darf sich die EU nicht beeinflussen lassen – trotzdem sollten die Mitgliedsstaaten alles daran setzten, die Kommission von ihren Plänen abzubringen. Mehr 4 2

Wichtigste Werte
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --