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Piloten-Streik : Für die Lufthansa geht es um alles

Streik: Am Mittwoch trifft sich der Aufsichtsrat der Lufthansa, um über ein wichtiges Umbauprogramm zu entscheiden. Bild: Reuters

Die Flugzeugführer der Lufthansa streiken offiziell, weil sie die üppigen Ruhestands-Regeln erhalten wollen. Doch in Wahrheit geht es um viel mehr.

          Kurz vor der Aufsichtsratssitzung der Deutschen Lufthansa an diesem Mittwoch droht der Tarifkonflikt mit den 5400 Piloten zu eskalieren: Vordergründig rechtfertigt die Piloten-Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) ihren Arbeitskampf mit den Verhandlungen über die Frührente, die sie am vergangenen Freitag für gescheitert erklärt hatte.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In Wahrheit jedoch geht es um den Widerstand der Lufthansa-Piloten gegen den Umbau des chronisch ertragsschwachen Konzerns. Um das Überleben der größten Fluggesellschaft in Europa zu sichern, müssen die 20 Aufsichtsräte über die Ausweitung von Billigflugangeboten entscheiden. Nach den Plänen des Vorstandsvorsitzenden Carsten Spohr soll sich die Traditionsmarke Lufthansa dann nur noch als Anbieter für ausgewählte, lukrative Langstrecken profilieren.

          Im Gegenzug baut die Führung ihre Billigangebote zügig aus: Das Gros der ertragsschwachen Routen im Europa- und Überseeverkehr werden künftig neu formierte Fluggesellschaften übernehmen, die mit deutlich niedrigeren Personalkosten arbeiten und unter dem Arbeitstitel „Wings-Gruppe“ firmieren.

          Pilotenstreik : Fast die Hälfte der Lufthansa-Flüge fallen aus

          Kampf um Privilegien

          „Wir haben erstmals seit 1955 vier Jahre hintereinander kein Wachstum unserer Flugzeugflotte mehr, und das wird auch 2015 so bleiben“, ließ Spohr kürzlich wissen. Auf der Langstrecke spürt die Lufthansa die staatlich geförderten Wettbewerber aus der Golfregion sowie Turkish Airlines. Im hart umkämpften Europa-Verkehr machen dem deutschen Platzhirsch ruinöse Preiskämpfe mit Easyjet oder Ryanair schwer zu schaffen. Der Druck auf die Margen ist entsprechend groß. Bei einem Jahresumsatz von 30 Milliarden Euro verfiel der Nettogewinn von 1,2 Milliarden Euro auf 300 Millionen Euro im vergangenen Jahr.

          Wachstum im Passagiergeschäft wird es künftig nur noch dann geben, wenn die Kosten deutlich sinken, heißt es in der Frankfurter Zentrale. Hier ist der Sparbeitrag der Lufthansa-Piloten, die im Vergleich zu den 10.000 Piloten im Konzern und dem Gros der Gesamtbelegschaft von 110.000 Lufthanseaten mit einem Gehalt von rund 180.000 Euro im Jahr zur am Besten verdienenden Gruppe zählen, schon aus symbolischen Gründen überfällig.

          Der Widerstand der VC gegen das Billigkonzept ist deshalb so groß, weil die Spitzenverdiener im Cockpit um Macht und Privilegien fürchten. Die neuen Gesellschaften der Wings-Gruppe werden nach Spohrs Plan ihren Geschäftssitz außerhalb Deutschlands haben. Sie unterliegen damit nicht dem Konzern-Tarifvertrag (KTV), der Mitte der neunziger Jahre exklusiv für die Muttergesellschaft ausgehandelt wurde und üppige Privilegien sicherte. Der Abschied von dem 20 Jahre alten Regelwerk zwingt Piloten und Kabinencrews der Wings-Gesellschaften zu kräftigen Gehaltseinbußen. Schließlich sollen die Stückkosten des neu formierten Billiganbieters „Eurowings“, über dessen Gründung die Aufsichtsräte am Mittwoch entscheiden, rund 40 Prozent unter dem Niveau der Lufthansa liegen.

          Die im Vorgriff auf die Sitzung des Kontrollgremiums geplante Streikwelle begründet VC formal mit der Blockade des Managements, was die Neuregelung der Frührente im aktuellen Tarifvertrag angeht. Danach ist es den Flugzeugführern erlaubt, mit 55 Jahren in den Ruhestand zu gehen und bis zum Eintritt ins gesetzliche Rentenalter 60 Prozent des letzten Bruttogehaltes zu beziehen.

          Der strikte Bezug auf die Frührente hat juristische Gründe. Nach geltendem Tarifrecht dürfen sich die Protestaktionen der Branchengewerkschaft nur auf auslaufende oder gekündigte Verträge beziehen. Da sich die Blockade der Piloten in Wahrheit jedoch gegen die künftigen Arbeitsbedingungen in einer noch nicht existierenden Gesellschaft richtet, wäre die VC für den durch Arbeitskämpfe ausgelösten Geschäftsausfall regresspflichtig.

          Von den aktuellen Streiks sind ab heute Mittag zunächst Kurz- und Mittelstrecken betroffen. Von Dienstagmorgen um 3 Uhr bis Mitternacht folgt dann die Blockade aller Langstreckenflüge, die von deutschen Flughäfen aus bedient werden. Der Geschäftsausfall durch die bisherigen Streikaktionen, die seit April zum Ausfall von mehreren tausend Flügen geführt haben, schlug sich in der Ergebnisrechnung des Konzerns bislang mit 170 Millionen Euro negativ nieder. Empfindliche Belastungen drohen zudem, wenn sich Deutsche Bahn und einige Kunden der Lufthansa mit ihrer Klage gegen ein Luftfrachtkartell durchsetzen.

          Quelle: F.A.Z.

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