10.01.2008 · Ferdinand Piëchs Vernehmung vor dem Braunschweiger Landgericht dauerte zweieinhalb Stunden. Danach sind alle in Sachen Lustreisen so klug wie zuvor - und der mächtige VW-Aufsichtsratsvorsitzende hat gezeigt, wie Manager in brenzligen Situationen ungeschoren davonkommen.
Von Henning PeitsmeierWenn Manager lernen wollen, wie sie in brenzligen Situationen ungeschoren davonkommen, können sie sich Ferdinand Piëch als Vorbild nehmen. Seine Zeugenaussage vor dem Landgericht Braunschweig in der VW-Affäre um Untreue, leichte Mädchen und Tarnfirmen sollte sich hierzu als zweieinhalbstündiger Anschauungsunterricht entpuppen: "Ich habe mich in diesen unangenehmen Dingen aus der Schlinge gezogen, indem ich das delegiert habe."
Diesen Satz hat der mächtige VW-Aufsichtsratsvorsitzende schon bei seiner ersten Vernehmung der Braunschweiger Staatsanwaltschaft zu Protokoll gegeben. Zunächst nur widerwillig, später mit wachsendem Vergnügen gewährte er am Mittwoch nun dem Gericht ein paar Einblicke in seine Managementmethoden. Piëchs Strategie lässt sich in etwa so zusammenfassen: Von vornherein eine Mitwisserschaft vermeiden - und wenn es zum Schwur kommt, hochkonzentriert sein im Nichterinnern.
Seine Frau fährt ihn im schwarzen Tiguan vor
Es ist viertel vor zehn, als Piëch in einem schwarzen VW Tiguan vorgefahren wird. Am Steuer sitzt seine Frau Ursula. Der Tiguan ist ein Auto, das auch auf holprigen Strecken robuste Fahreigenschaften zeigt. Und darum geht es Piëch auch vor Gericht. Bloß stabil in der Spur bleiben, keine Unsicherheiten preisgeben. Mühsam ist sein Weg in den Schwurgerichtssaal 141, zwei Dutzend Kameras und noch mehr Besucher versperren den Eingang. Piëch verzieht keine Miene, immer abgeschirmt von seinem persönlichen Leibwächter. "Den", wird der Österreicher später vorwurfsvoll sagen, "habe ich in meinem Heimatland nicht nötig."
Die mediale Aufmerksamkeit ist dem Zeugen gewidmet. Die beiden Angeklagten Klaus Volkert, der langjährige Chef des Weltbetriebsrates, sowie Klaus-Joachim Gebauer, der so etwas wie der Chefanimateur bei VW war, erreichen den historischen Renaissancepalast zwischen Dom und Rathaus beinahe unbemerkt. Hinter den hohen Backsteinmauern des Landgerichts muss Piëch Rede und Antwort stehen. Für den Firmenpatriarchen, der es seit Jahrzehnten gewohnt ist, in Gesprächen selbst Regie zu führen, eine ungewohnte Rolle. Piëch ist kein großer Redner, spricht langsam. Er hat Mühe, längere Sätze zu formulieren.
„Große Kämpfe gewinnt man nicht mit Freundlichkeit“
Doch einige Sätze haben Kultstatus, werden ihm, dem Enkel des Käfer-Erfinders Ferdinand Porsche, gern als Lebensmotto zugeschrieben: "Große Kämpfe gewinnt man nicht mit Freundlichkeit", ist so ein legendärer Satz. Im Gerichtssaal hält er sich daran. Mürrisch blickt er den beiden Strafverteidigern Wolfgang Kubicki und Johann Schwenn entgegen, ganz so, als müsste er sein Image als misstrauischer Einzelgänger aufs Neue festigen.
Seine Antworten sind manchmal nicht länger als ein, zwei Worte. Ob er Kenntnis von einem Missbrauch von "Vertrauensspesen" durch Betriebsräte hatte? "Nein." Sonderbonuszahlungen für den angeklagten früheren Betriebsratschef Volkert? "Waren mir nicht bekannt." Und die ausufernden Lustreisen von Betriebsräten auf VW-Kosten? "Ich habe mich nicht damit befasst." Über die brasilianische Geliebte von Volkert, die hohe Honorare von VW einstrich, sagt Piëch einen etwas kryptischen Satz. "Ich weiß seit gestern durch Bilder im Internet, dass ich sie nie gesehen habe."
Überhaupt gibt es in Piëchs Erzählungen kaum Kontakte zu Volkert, selbst auf Betriebsversammlungen fallen diese dürftig aus: "Händeschütteln, jeder seine Rede halten, Heimgehen." Erstaunliches Erinnerungsvermögen beweist Piëch bei Fragen zu seinem zehnjährigen Wirken an der Spitze von Europas größtem Autokonzerns. Piëch schildert VW als Sanierungsfall, der 1993 mangels Liquidität nur noch wenige Monate überlebt hätte. "Als ich am 2. Jänner 1993 meine Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender begann, sollte das Geschäftsjahr nach Planungen mit einem Verlust von 1,1 Milliarden DM enden", beginnt Piëch seine Ausführungen. "Die wirkliche Situation war viel düsterer."
Er musste die „großen Dinge in Ordnung bringen“
30.000 Mitarbeiter zu viel in den deutschen VW-Werken, 14.000 zu viel bei der spanischen Tochtergesellschaft Seat. Piëch stellt sich dar als Manager, dessen vordringliche Aufgabe es war, die "großen Dinge in Ordnung zu bringen". Und bei diesen großen Dingen offenbart der Siebzigjährige wiederum eine beachtliche Detailkenntnis. Ganz exakt beziffert er das Einkaufsvolumen in jenem Krisenjahr auf 68 Milliarden DM und weiß auch noch genau, wie die Revision Missstände aufgedeckt habe, bis hin zur letzten geklauten Zündkerze. "Es können ja immer Teile zufällig vom Lastwagen fallen."
Nach gut einer Stunde ist Piëch zu einem Spaß aufgelegt. Als Gebauers Verteidiger Kubicki die italienische Sportwagenmarke Lamborghini falsch ausspricht, wird er postwendend von Piëch korrigiert. "Jeder, der sich einen Lamborghini kauft, kann es aussprechen, wie er will. Wer das nicht kann, sollte es richtig machen." Ein Lächeln huscht über Piëchs Gesicht. Punktsieg gegenüber dem eloquenten Kubicki.
Piëch will für alles gewappnet sein. Deshalb sitzt Matthias Prinz neben ihm. Prinz ist Deutschlands bekanntester Prominentenanwalt: Ob Claudia Schiffer, Caroline von Monaco oder Oliver Kahn - sie alle waren Mandanten von Prinz, im Rechtsstreit vor allem gegen die Boulevardpresse. Für Piëch ist der Hamburger Spezialist für Medienrecht schon häufig in die Schlacht gezogen: Wenn der Milliardär einen skurril anmutenden Rechtsstreit um die Motive seiner grellen Krawatten führt oder die Zahl seiner zwölf oder dreizehn Kinder in Zeitungen falsch dargestellt sieht. Überall wittert Piëch Ungemach.
Die Staatsanwaltschaft lauert vergeblich
Im Braunschweiger Schwurgerichtssaal lauert die Staatsanwaltschaft vergeblich darauf, ob Piëch in seiner Zeit als VW-Chef die skandalösen Vorgänge in seinem Konzern nicht doch kannte. Bis heute gibt es ein ungeschriebenes Gesetz in Wolfsburg, dass keine wichtige Entscheidung ohne ihn, den Übervater, fällt. Piëch soll vom früheren VW-Finanzvorstand Bruno Adelt Mitte der neunziger Jahre die hohen Kosten für Betriebsratsreisen erfahren haben, die über die Kostenstelle "1860 Vorstand Diverses" liefen. Über dieses interne Firmenkonto, das es im Prozess zur Berühmtheit gebracht hat, hatte Gebauer Volkerts Lustreisen abgerechnet.
Es sei "lebensnah", dass Piëch über eine von ihm selbst angeforderte Überprüfung von "1860" informiert war, behauptet Oberstaatsanwalt Ralf Tacke. Doch der asketische Mann auf der Zeugenbank gibt vor, des Lebens fern zu sein. Zweieinhalb Stunden dauert die Vernehmung. Dann hat es Piëch überstanden. Eilig verlässt er den Gerichtssaal. Vor dem Eingang wartet seine Frau Ursula. Am Steuer des schwarzen Tiguan.