Home
http://www.faz.net/-gqi-71b0o
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Philippe Varin Auch der Peugeot-Chef kämpft um seine Stelle

 ·  Peugeot-Citroën-Chef Philippe Varin entlässt mehrere Tausend Mitarbeiter. Doch in der Eigentümer-Familie bröckelt die Unterstützung auch für ihn.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)

Philippe Varin strahlt gewöhnlich viel Gelassenheit aus. Der großgewachsene Franzose wählt seine Worte meist mit Bedacht und kommuniziert in einem freundlichen Ton. Doch an diesem Donnerstag wirkt der 59 Jahre alte Franzose angespannt und unsicher, als er in einem kleinen überfüllten Raum am Pariser Hauptsitz von Peugeot-Citroën den Journalisten gegenübertritt. Es ist eine der  schwersten Stunden seiner Karriere.

Varin hat in der Vergangenheit zwar schon einmal ein existenzgefährdetes Unternehmen zu führen gehabt, doch das war im Ausland, und die Krise traf er gleich bei seiner Ankunft an: 2003 hatte Varin  die Spitze des britisch-niederländischen Stahlherstellers Corus übernommen und den Konzern in zwei Jahren saniert. 2007 verkaufte er Corus an die indische Tata-Familie und wechselte zwei Jahre später zu PSA Peugeot-Citroën.

Nun aber ist die Lage anders: Varin muss in seiner Heimat ein Urgestein der französischen Automobilindustrie retten. In Frankreich sind Konzernsanierungen - so wie die Stellenstreichungen bei PSA Peugeot-Citroën - aufgrund der hohen Kosten für Sozialpläne und des Drucks der Gewerkschaften sowie der Regierung ungleich schwieriger als in der angelsächsischen Welt. Vor allem hält Varin schon drei Jahre bei PSA das Ruder in der Hand.

Nachdem sich unter seinem Vorvorgänger Jean-Martin Folz die Wettbewerbsfähigkeit von PSA verschlechterte und dessen Nachfolger Christian Streiff die Wende misslang, sollte es der französische Spitzenmanager mit der wertvollen Auslandserfahrung richten. Doch die Mission ist auf halbem Weg stecken geblieben. Daher steht die Zukunft von Varin nun durchaus in Frage.

In der Familie Peugeot gibt es schon Zweifel an ihm

Teile der tonangebenden Familie Peugeot haben offenbar Zweifel an ihm und seinen Entscheidungen geweckt. Der Aufsichtsrat hat Varin zwar das Vertrauen ausgesprochen, nachdem in der französischen Presse Kritik einzelner Familienmitglieder ventiliert worden war, doch in der PSA-Stellungnahme vom 20. Juni ist nicht von einem einstimmigen Votum die Rede. Fragen nach seinem Rückhalt bei der Familie wich Varin am Donnerstag vor der Presse aus. „Ich bin entschlossen, die Restrukturierung von PSA durchzuziehen. Der Aufsichtsrat steht hinter dem Projekt“. Doch steht er auch hinter Varin?

Der Konzernchef muss sich nach drei Jahren Amtszeit die Frage gefallen lassen, warum PSA Peugeot-Citroën immer noch so stark vom Europageschäft abhängig ist, weit mehr etwa als Renault. Varin hat die Expansion zwar in China, Lateinamerika und Russland vorangetrieben, doch sie braucht viel Zeit. Auch wird PSA wiederholt vorgehalten, dass ihm anders als Renault eine echte Billigmarke wie Dacia für die Eroberung der Schwellenländer fehle. Varin setzte dagegen auf den Ausbau der Prämienmarken, wo er etwa durch die Einführung der DS-Linie Erfolge aufzuweisen hat. Doch auch hier gilt: Zu wenig, zu spät.

Gegen eine geeinte Familie Peugeot hat der Chef keine Chance

Sein Überleben hängt jetzt mehr denn je vom Wohlwollen der Familie ab. Die ebenso traditionsbewussten wie diskreten Peugeots sind gleichzeitig Rückgrat, Herz und Gliedmaße des Konzerns. Sie beherrschen den Aufsichtsrat mit fünf Mitgliedern, andere arbeiten ihm Unternehmen. Schwer hat es jeder PSA-Chef, wenn die Familie zerstritten ist. Steht sie geeint gegen ihn, hat er keine Chance.

Das lange Pochen der Familie auf industrielle Eigenständigkeit, das erst in diesem Jahr eine Allianz mit General Motors erlaubt hat, war in der Vergangenheit vielleicht ein Vorteil, doch heutzutage verhindert es
Kostensenkung sowie globale Präsenz. Das Spannungsfeld, in dem ein PSA-Chef steht, wird zudem durch den Druck der französischen Gewerkschaften und Regierung verstärkt. Auch hier hat PSA traditionell auf Selbstständigkeit gesetzt und sich von staatlichem Einfluss abzugrenzen versucht. „Öffentliches Geld in die Gruppe zu stecken, das würde nicht unsere Fabriken auslasten“, sagte Varin am Donnerstag auf die Frage nach Staatshilfen, über die in der Presse spekuliert worden war.

Gleichzeitig versuchte Varin den tausenden, von Arbeitsplatzabbau betroffenen Mitarbeitern sein Mitgefühl auszusprechen: „Ich bin mir bewusst, welch schmerzhaften Charakter der Stellenbau für das Personal und seine Familien hat“, sagte der Vater von vier Kindern. Doch es gebe angesichts des „kommerziellen Tsunamis“ auf dem europäischen Automarkt keinen anderen Weg. „Niemand wird links liegen gelassen“, versprach Varin. Der Wutaufschrei der Beschäftigten am Donnerstag zeigte jedoch, dass ihm wenige Glauben schenken.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Paris.

Jüngste Beiträge

Bildung nach sozialen Schichten

Von Lisa Becker

Ein Aufstieg durch Bildung ist schwer zu schaffen in Deutschland. Die Politik hat das erkannt und sucht nach Lösungen. Neue Schulformen können eine Lösung sein, dennoch kommt es letztendlich auf den Unterricht an. Mehr 6

Wichtigste Werte
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --