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Veröffentlicht: 10.10.2012, 18:31 Uhr

Pharmaindustrie Mit Risiken und Nebenwirkungen

Neue Medikamente werden zunehmend in Schwellen- und Entwicklungsländern wie Indien und China getestet. Kritiker verurteilen diese Praxis der Pharmakonzerne als Forschung auf Kosten der Ärmsten.

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© dapd 483 Probanden sind im Jahr 2011 bei klinischen Tests auf dem indischen Subkontinent gestorben

Der Vorwurf wiegt schwer: Weil sie Geld und Zeit sparen wollen und Kontrollen weniger scharf sind, testen die großen Pharmaunternehmen neue Medikamente immer häufiger in Schwellen- und Entwicklungsländern. Versuchspersonen für klinische Studien seien dort einfach zu rekrutieren - nicht zuletzt, weil sie unzureichend über Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt würden oder sie zum Teil sogar unwissend an den Studien teilnehmen. Die Konzerne, so die Kritik, forschen auf Kosten der Ärmsten.

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Seit Jahren konfrontieren pharmakritische Initiativen wie die Buko-Pharma-Kampagne aus Deutschland und die niederländische Nichtregierungsorganisation Wemos die großen europäischen Arzneimittelhersteller wie Boehringer Ingelheim mit diesen Anschuldigungen. Aktuelle Recherchen konkretisieren die Vorwürfe: Nachforschungen des WDR in Zentralindien dokumentieren mehrere Fälle, in denen Patienten aus Armenvierteln, die Testpräparate verabreicht bekamen, behaupten, nicht von der Teilnahme an den Studien gewusst zu haben.

Die Journalisten beschuldigen die lokalen Ethik-Kommissionen, die eigentlich für die Überwachung der wissenschaftlichen und ethischen Standards der Tests zuständig sind, ihren Aufgaben nicht ausreichend nachgekommen zu sein. Und für die beteiligten indischen Ärzte seien die Studien eine lukrative Einnahmequelle.

Die aufwendigste Etappe auf dem Weg zur Zulassung

Dass die Zahl der oft von spezialisierten Dienstleistungsanbietern für die Pharmafirmen durchgeführten klinischen Studien in Entwicklungs- und Schwellenländern in den vergangenen Jahren zugenommen hat, bestreiten die Hersteller nicht. Allerdings begründen sie diesen Trend nicht etwa mit den vergleichsweise niedrigen Kosten in diesen Ländern oder gar laxeren Sicherheitsvorschriften. Eine Sprecherin von Boehringer Ingelheim verweist vielmehr darauf, dass der Konzern von den jeweiligen Behörden als Voraussetzung für die spätere Zulassung eines Arzneimittels dazu verpflichtet werde, es auch an Einheimischen zu erproben.

Das sei überdies keine Willkür, sondern den von Land zu Land unterschiedlichen Lebens- und Ernährungsweisen und genetischen Voraussetzungen geschuldet. Da sich viele Arzneimittelhersteller angesichts der Sparbemühungen in den Gesundheitssystemen vieler Industriestaaten inzwischen vor allem in den Schwellenländern Wachstumschancen ausrechnen, steigt die Zahl der klinischen Studien dort fast schon zwangsläufig. Im Vergleich relativiert sich der Trend jedoch: In Deutschland werden nach Auskunft des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen durchschnittlich mehr als tausend neue Studien im Jahr gezählt, während es in China 380 und in Indien 275 sind.

Insgesamt ist die Erprobung von neuen Wirkstoffen in Studien mit einer großen Probandenzahl die aufwendigste Etappe auf dem Weg vom Labor zur Marktzulassung. Auf diese dritte und letzte vorgeschriebene Phase der Erprobung eines potentiellen Medikaments entfallen nach Berechnungen des amerikanischen Thinktanks Manhattan Institute rund 90 Prozent der im Durchschnitt auf mehr als eine Milliarde Dollar je Entwicklungsprojekt veranschlagten Ausgaben.

Fehlverhalten einzelner Patienten sei nicht tolerierbar

Boehringer Ingelheim führt zurzeit nach eigenen Angaben 125 klinische Studien der verschiedenen Phasen in 72 Ländern durch, an denen insgesamt 74.000 Patienten teilnehmen. 2.000 von ihnen sind Inder. Einer von ihnen hat dem WDR gegenüber besonders schwere Vorwürfe gegen Boehringer Ingelheim erhoben. Dem Hersteller zufolge hat aber auch dieser Patient eine in seiner Muttersprache Hindi verfasste Einwilligung in die Studie unterschrieben. Die Studie, in der ein noch nicht zugelassenes Atemwegspräparat von Boehringer mit einem etablierten Medikament verglichen wurde, sei den Richtlinien gemäß durchgeführt worden. Es lasse sich aber trotz aller Kontrollen nicht ausschließen, dass sich einzelne Beteiligte falsch verhielten, räumt Klaus Dugi ein, der medizinische Leiter von Boehringer.

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