http://www.faz.net/-gqe-73i85

Pharmaindustrie : Mit Risiken und Nebenwirkungen

483 Probanden sind im Jahr 2011 bei klinischen Tests auf dem indischen Subkontinent gestorben Bild: dapd

Neue Medikamente werden zunehmend in Schwellen- und Entwicklungsländern wie Indien und China getestet. Kritiker verurteilen diese Praxis der Pharmakonzerne als Forschung auf Kosten der Ärmsten.

          Der Vorwurf wiegt schwer: Weil sie Geld und Zeit sparen wollen und Kontrollen weniger scharf sind, testen die großen Pharmaunternehmen neue Medikamente immer häufiger in Schwellen- und Entwicklungsländern. Versuchspersonen für klinische Studien seien dort einfach zu rekrutieren - nicht zuletzt, weil sie unzureichend über Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt würden oder sie zum Teil sogar unwissend an den Studien teilnehmen. Die Konzerne, so die Kritik, forschen auf Kosten der Ärmsten.

          Johannes Pennekamp

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit Jahren konfrontieren pharmakritische Initiativen wie die Buko-Pharma-Kampagne aus Deutschland und die niederländische Nichtregierungsorganisation Wemos die großen europäischen Arzneimittelhersteller wie Boehringer Ingelheim mit diesen Anschuldigungen. Aktuelle Recherchen konkretisieren die Vorwürfe: Nachforschungen des WDR in Zentralindien dokumentieren mehrere Fälle, in denen Patienten aus Armenvierteln, die Testpräparate verabreicht bekamen, behaupten, nicht von der Teilnahme an den Studien gewusst zu haben.

          Die Journalisten beschuldigen die lokalen Ethik-Kommissionen, die eigentlich für die Überwachung der wissenschaftlichen und ethischen Standards der Tests zuständig sind, ihren Aufgaben nicht ausreichend nachgekommen zu sein. Und für die beteiligten indischen Ärzte seien die Studien eine lukrative Einnahmequelle.

          Die aufwendigste Etappe auf dem Weg zur Zulassung

          Dass die Zahl der oft von spezialisierten Dienstleistungsanbietern für die Pharmafirmen durchgeführten klinischen Studien in Entwicklungs- und Schwellenländern in den vergangenen Jahren zugenommen hat, bestreiten die Hersteller nicht. Allerdings begründen sie diesen Trend nicht etwa mit den vergleichsweise niedrigen Kosten in diesen Ländern oder gar laxeren Sicherheitsvorschriften. Eine Sprecherin von Boehringer Ingelheim verweist vielmehr darauf, dass der Konzern von den jeweiligen Behörden als Voraussetzung für die spätere Zulassung eines Arzneimittels dazu verpflichtet werde, es auch an Einheimischen zu erproben.

          Das sei überdies keine Willkür, sondern den von Land zu Land unterschiedlichen Lebens- und Ernährungsweisen und genetischen Voraussetzungen geschuldet. Da sich viele Arzneimittelhersteller angesichts der Sparbemühungen in den Gesundheitssystemen vieler Industriestaaten inzwischen vor allem in den Schwellenländern Wachstumschancen ausrechnen, steigt die Zahl der klinischen Studien dort fast schon zwangsläufig. Im Vergleich relativiert sich der Trend jedoch: In Deutschland werden nach Auskunft des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen durchschnittlich mehr als tausend neue Studien im Jahr gezählt, während es in China 380 und in Indien 275 sind.

          Insgesamt ist die Erprobung von neuen Wirkstoffen in Studien mit einer großen Probandenzahl die aufwendigste Etappe auf dem Weg vom Labor zur Marktzulassung. Auf diese dritte und letzte vorgeschriebene Phase der Erprobung eines potentiellen Medikaments entfallen nach Berechnungen des amerikanischen Thinktanks Manhattan Institute rund 90 Prozent der im Durchschnitt auf mehr als eine Milliarde Dollar je Entwicklungsprojekt veranschlagten Ausgaben.

          Fehlverhalten einzelner Patienten sei nicht tolerierbar

          Boehringer Ingelheim führt zurzeit nach eigenen Angaben 125 klinische Studien der verschiedenen Phasen in 72 Ländern durch, an denen insgesamt 74.000 Patienten teilnehmen. 2.000 von ihnen sind Inder. Einer von ihnen hat dem WDR gegenüber besonders schwere Vorwürfe gegen Boehringer Ingelheim erhoben. Dem Hersteller zufolge hat aber auch dieser Patient eine in seiner Muttersprache Hindi verfasste Einwilligung in die Studie unterschrieben. Die Studie, in der ein noch nicht zugelassenes Atemwegspräparat von Boehringer mit einem etablierten Medikament verglichen wurde, sei den Richtlinien gemäß durchgeführt worden. Es lasse sich aber trotz aller Kontrollen nicht ausschließen, dass sich einzelne Beteiligte falsch verhielten, räumt Klaus Dugi ein, der medizinische Leiter von Boehringer.

          Weitere Themen

          Siemens-Mitarbeiter wollen kämpfen Video-Seite öffnen

          Stellenabbau bei Großkonzern : Siemens-Mitarbeiter wollen kämpfen

          Siemens will weltweit fast 7000 Stellen streichen - davon die Hälfte in Deutschland. In den betroffenen Werken geht nun die Angst um. In Offenbach hatte Siemens angekündigt, den Standort aufzugeben. Dabei könnte es zum ersten Mal seit zehn Jahren zu Entlassungen bei Siemens auf dem Heimatmarkt kommen.

          Topmeldungen

          Sie scheint gestärkt, nicht geschwächt: Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem Abbruch der Sondierungsgespräche.

          Jamaika-Ende bei ARD und ZDF : „Ich fürchte nichts“

          Die Auftritte der Bundeskanzlerin im Fernsehen nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche setzen ein Zeichen. Dafür sorgen nicht die Journalisten, das macht Angela Merkel schon selbst. Sie will es nochmal wissen und regieren. Am liebsten, hören wir heraus, mit Schwarz-Grün.
          Atomanlage in Majak

          Majak : Russland bestätigt hohe Radioaktivität

          Im südlichen Ural wurde eine Konzentration des radioaktiven Ruthenium 106 gemessen, die den erlaubten Wert fast tausendfach übersteigt. Zuvor hatte Russland Warnungen aus Europa widersprochen.
          Ein herber Rückschlag für die hessische Stadt: Nicht Frankfurt, sondern Paris bekommt den Zuschuss für den Sitz der Europäischen Bankenaufsicht.

          Ema und Eba : Frankfurt und Bonn scheitern im Rennen um Brexit-Beute

          Statt Bonn und Frankfurt geht die Europäische Bankenaufsicht und die Europäische Arzneimittelagentur nach Paris und Amsterdam. Vor allem für Frankfurt ist das ein herber Rückschlag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.