13.09.2007 · Noch hat Bayer auf dem deutschen Markt die Nase vorn. Konkurrent Boehringer Ingelheim sieht die Rangordnung sportlich und will im nächsten Jahr kräftig aufholen. Denn das Blutgerinnsel-Medikament Dabigatran könnte ein Kassenschlager werden.
Von Michael PsottaDer zweitgrößte deutsche Pharmakonzern Boehringer Ingelheim sieht wegen seines starken Wachstums gute Chancen, den Marktführer Bayer im kommenden Jahr wieder einzuholen. „2007 wird Bayer noch vorn sein“, sagte der Sprecher der Boehringer-Unternehmensleitung, Alessandro Banchi, gegenüber dieser Zeitung. „Im kommenden Jahr werden wir dann Nase an Nase liegen, vielleicht sogar mit leichtem Vorsprung für uns.“ Bayer hatte Boehringer 2006 durch den Zukauf von Schering von der führenden Position in der deutschen Pharmaindustrie verdrängt. Während Bayer Schering Pharma für 2006 einen Umsatz von 10 Milliarden Euro nennt, kam Boehringer mit innovativen selbsterforschten Medikamenten auf 8,6 Milliarden Euro.
Die neue Rangordnung sieht Boehringer indes mit Sportsgeist: Aller Voraussicht nach wird der Ingelheimer Konzern auch 2007 und 2008 wie in den sieben Vorjahren stärker als der Markt wachsen. Als größte Herausforderung nannte Banchi jetzt den starken Euro, der für Boehringer wegen der starken Marktpositionen in den Vereinigten Staaten, woher 45 Prozent des Konzernumsatzes stammen, sowie in Japan von großer Bedeutung ist.
Ende des Patentschutzes brachte Umsatzeinbruch
So rechnet Banchi für 2007 mit einem Umsatzwachstum in lokaler Währung von etwa 12 Prozent, in Euro aber nur von 7 Prozent. Gleichwohl sei er zuversichtlich, den Anteil des Betriebsergebnisses (nach Boehringer-Definition in etwa des Gewinns vor Zinsen und Steuern) am Umsatz bei 20 Prozent konstant zu halten. Gemessen an den Geschäftzahlen des ersten Halbjahres, in dem der Umsatz nur um 2,1 Prozent auf 5,4 Milliarden Euro zunahm, deutet Banchis aktuelle Prognose auf eine spürbare Beschleunigung in der zweiten Jahreshälfte hin.
Dies hängt aber auch mit einem rechnerischen Effekt zusammen: Zur Jahresmitte 2006 war der Patentschutz des Schmerzmittels Mobic ausgelaufen, woraufhin der Umsatz des bis dahin zweitstärksten Boehringer-Produkts unmittelbar zusammenbrach. Dies dämpfte den Umsatz des ersten Halbjahres 2007, wird aber die Wachstumsrate des zweiten Halbjahres nicht mehr belasten. Auf den großen Märkten kommt Boehringer derzeit besonders gut in den Vereinigten Staaten, Frankreich und Japan voran.
Blockbuster haben Umsatzhöhepunkte noch nicht erreicht
Die Säulen des Boehringer-Geschäfts sind drei Blockbuster, also Medikamente mit einem Jahresumsatz von mehr als 1 Milliarde Dollar. An erster Stelle steht das Atemwegspräparat Spiriva, das im laufenden Jahr erstmals die Umsatzmarke von 2 Milliarden Dollar übertreffen wird, gefolgt vom Bluthochdruckmittel Micardis sowie dem Prostatapräparat Flomax. Alle drei Präparate haben ihre Umsatzhöhepunkte noch längst nicht erreicht. Dies erklärt das aktuelle Wachstum.
Zudem gilt Boehringer in der Pharmabranche als eines der Unternehmen mit besonders aussichtsreichen Projekten in Forschung und Entwicklung. An erster Stelle nennt Banchi das Medikament Dabigatran zur Verhinderung von Blutgerinnseln. Nach allen Zulassungen dürfte Dabigatran ein weiterer Kassenschlager werden. Das Medikament wird zur Schlaganfallprävention bei Vorhofflimmern eingesetzt, die häufigste Form der Herzrhythmusstörung. Mit einem ersten Zulassungsantrag für Europa, über den vermutlich im ersten Quartal des kommenden Jahres entschieden wird, hat Boehringer mit Dabigatran einen deutlichen zeitlichen Vorsprung vor Bayer und Johnson & Johnson, die gemeinsam einen ähnlichen Wirkstoff entwickeln.
Liga der heutigen Weltmarktführer nicht angestrebt
Zur längerfristigen Entwicklung von Boehringer sagte Banchi, dass man in den kommenden 15 Jahren versuchen werde, den Umsatz in der Größenordnung zwischen 10 und 20 Milliarden Euro zu halten. Das sei eine Herausforderung, da in diesem Zeitraum alle Blockbuster ihren Patentschutz verlören und durch erfolgreiche Innovationen ersetzt werden müssten. Andererseits wolle man nicht in die Liga der heutigen Weltmarktführer - Pfizer, Glaxo Smith Kline und Sanofi-Aventis - gelangen, die 2006 jeweils einen Umsatz zwischen 30 und 40 Milliarden Euro auswiesen. Aus Banchis Sicht sind Konzerne in diesen Größenordnungen jedenfalls in der Pharmaindustrie nur noch schwer zu steuern, weil das Management zu weit vom eigentlichen Geschäft entfernt sein könnte.
Zur speziellen Lage dieser Konkurrenten, die nach Überzeugung vieler Branchenkenner mit großen Problemen in Forschung und Entwicklung kämpfen, wollte sich Banchi nicht äußern. Neue Pharma-Großfusionen hält er aber für wenig wahrscheinlich, weil sie die Probleme nicht lösen könnten. Möglich sei indes, dass einige der großen Anbieter in kleinere, besser führbare Einheiten aufgespalten würden.
Übernahmegerüchte um Bayer wenig realistisch
Die jüngsten Übernahmegerüchte um Bayer hält Banchi für wenig realistisch. Interessenten für Bayers erfolgreiches Geschäft mit Selbstmedikation (OTC/Over The Counter) hätten früher zugreifen müssen. Nun habe sich Bayer mit Schering auf einem anderen Geschäftsgebiet erheblich verstärkt. Umgekehrt hätte ein Interessent für das innovative Pharmageschäft besser selbst für die Schering AG geboten, die heute rund 60 Prozent des Bayer-Schering-Umsatzes ausmache. Behält Banchi recht, wird der Wettlauf zwischen Boehringer und Bayer auf absehbare Zeit in der gegenwärtigen Konstellation fortgeführt
Michael Psotta Jahrgang 1957, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung.
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