Im Übernahmepoker um Aventis wächst die Sorge um die Zukunft der 9000 Arbeitsplätze des Pharmakonzerns in Deutschland. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch warf der Regierung in Paris vor, die geplante feindliche Übernahme durch den kleineren französischen Rivalen Sanofi sei ganz offensichtlich mit ihr abgestimmt.
Im Falle einer Verschmelzung der Konzerne drohe der Verlust von mehreren tausend Arbeitsplätzen in der Rhein-Main-Region, sagte der CDU-Politiker am Dienstag in Wiesbaden. Auch die IG Chemie äußerte sich besorgt. Der Aufsichtsrat von Aventis wird am Mittwoch das Angebot prüfen. Die Aventis-Führung bereits hat die Ablehnung des Angebotes empfohlen.
Auch Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) hat sich in Berlin für den Erhalt der Aventis-Standorte in Deutschland ausgesprochen. “Die Bundesrepublik Deutschland hat ein hohes Interesse daran, daß der Standort Aventis in Deutschland nicht geschwächt, sondern sogar gestärkt wird“, sagte der Wirtschaftsminister. Clement bestätigte, daß die Bundesregierung diesbezüglich in Kontakt mit der französischen Regierung stehe.
Koch ergänzte, die französische Regierung habe öffentlich erklärt, daß eine Übernahme von Aventis in Frankreich keine Arbeitsplätze kosten werde. Das bedeute, daß in erster Linie Deutschland betroffen sein werde: „Das biotechnologische Know How soll nach Frankreich geholt werden.“
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„Es werden nicht nur Aktien getauscht, sondern möglicherweise Zukunftschancen für Arbeitsplätze und Forschung.“
(Hessens Ministerpräsident Koch)
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In unternehmensnahen Kreisen hieß es, Aventis wolle die Investoren kommende Woche vom Wert seiner Medikamenten-Pipeline überzeugen. "Nach Aventis-Schätzungen gehen die Synergien von 1,6 Miliarden Euro einher mit 10.000 bis 12.000 Stellenkürzungen oder zehn Prozent der beiden Gruppen", sagte ein Aventis-Sprecher am Dienstag. Weltweit hat Aventis etwa 71.000 Beschäftigte. Das 1999 aus Hoechst und Rhône-Poulenc entstandene Unternehmen beschäftigt noch 9.000 Mitarbeiter in Deutschland, darunter 4.000 in Produktion und Fertigung sowie 1.500 in der Forschung. Mögliche Auswirkungen einer Übernahme auf die Deutschland-Tochter ließ ein Sprecher unkommentiert. „Es ist zu früh dazu etwas zu sagen. Das wären Spekulationen.“ Das entspricht auch der Haltung der Gewerkschaften, die davor warnten, mit Zahlen zu spielen.
Mitarbeiter-Aktionäre sagen „Nein“
Die Vereinigung der Mitarbeiter-Aktionäre von Aventis, ASAVE, hat das Übernahmeangebot von Sanofi-Synthélabo für den deutsch- französischen Pharmakonzern am Dienstag abgelehnt. ASAVE repräsentiert nach eigenen Angaben vier Prozent des Kapitals der Gruppe. Das Preisangebot von 47 Milliarden Euro werde dem Wert von Aventis nicht gerecht und die Absichten von Sanofi würden Arbeitsplätze gefährden, erklärte ASAVE.
Die IG Bergbau, Chemie, Energie appellierte an die Aventis-Aktionäre: „Laßt Euch nicht für einen Vorteil von einigen Euro auf die falsche Fährte locken.“ Eine feindliche Übernahme „würde zu Lasten deutscher Arbeitsplätze gehen“, sagte Vorstandsmitglied Werner Bischof im Hessischen Rundfunk. Koch kündigte an, er wolle gemeinsam mit der Bundesregierung gegenüber der französischen Regierung darauf drängen, daß die deutschen Forschungskapazitäten von Aventis im Fall einer Fusion nicht aus der Rhein-Main-Region abgezogen werden: „Wir wollen, daß dieses Wissen in Deutschland bleibt.“ Hier stelle sich auch die Frage, wie Deutschland und Frankreich als politische Partner miteinander umgingen.
Mehrere Abwehrmöglichkeiten für Aventis
Derweil sucht Aventis nach einer Gegenstrategie. Der Aufsichtsrat will an diesem Mittwoch zu einer außerordentlichen Sitzung zusammenkommen. Der deutsch-französische Konzern hatte am Montag das 48-Milliarden-Euro-Übernahmeangebot von Sanofi-Synthélabo abgelehnt. Das Kontrollgremium dürfte am Mittwoch die Offerte formal ablehnen, denn nach französischen Recht muß sich die attackierte Firma binnen fünf Arbeitstagen offiziell erklären.
Sanofi bietet fünf Aktien und 69 Euro in bar für sechs Aventis-Aktien. Das bewertet Aventis mit 47,8 Milliarden Euro. Aventis hätte mehrere Möglichkeiten, sich des feindlichen Angriffs zu erwehren, darunter die Suche nach einem „Weißen Ritter“, eine Aufspaltung des Konzerns oder den Verkauf einzelner Unternehmensteile, um seinen Aktionären eine Prämie zahlen zu können. Denkbar, aber als wenig wahrscheinlich gilt auch eine spektakuläre Gegenofferte für Sanofi.
Bei einem Zusammenschluß entstünde der weltweit drittgrößte Pharmagigant mit rund 25 Milliarden Euro Umsatz und einem Börsenwert von mehr als 90 Milliarden Euro.
