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Pharma Solisten haben keine Zukunft

14.03.2006 ·  Die Chancen für das Pharmaunternehmen Merck bei der Übernahme des Konkurrenten Schering stehen nicht schlecht. Allein zu bleiben ist heute keine Option mehr. Die Hochstimmung der Börse über den Vorstoß könnte aber täuschen. FAZ.NET-Spezial.

Von Carsten Knop
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In anderen europäischen Staaten hilft die Politik gerne nach, wenn es um das Fusionieren national bedeutender Unternehmen geht. Doch wissen Politiker nicht besser als der Markt, welche Zusammenschlüsse wettbewerbsfähig sind - darum ist Industriepolitik eine schlechte Idee.

Im Fall des Darmstädter Pharma- und Spezialchemiekonzerns Merck KGaA und seinem Griff nach dem Berliner Wettbewerber Schering AG wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montag morgen von der Merck-Führung zwar angerufen, ebenso Klaus Wowereit, der regierende Bürgermeister von Berlin. Dabei ging es Merck aber lediglich darum, Bedenken zu zerstreuen, die vorgeschlagene Transaktion könne dem Standort Berlin schaden. Eine aktive Einmischung der Politik will niemand, und sie wäre auch nicht wünschenswert.

Die Börse hat schon gewartet

Die Anleger von Schering sind mit der Entscheidung konfrontiert, ob sie ihrem Unternehmen zutrauen, mittel- und langfristig allein auf dem Weltpharmamarkt bestehen zu können, oder ob eine Verbindung mit Merck die bessere Perspektive bietet. Dabei gilt es zu berücksichtigen, daß die Börse schon lange darauf gewartet hatte, daß sich endlich jemand aus der Deckung wagen würde, um Schering zu übernehmen. Es kam aber niemand, der sich für ein mittelgroßes deutsches Pharmaunternehmen interessiert hätte, das von seiner guten Position in Marktnischen profitiert, im Konzert der Großen aber nicht mitspielt. Einige Rückschläge aus der Forschungspipeline kamen zuletzt hinzu.

Jetzt hat sich auch kein ganz Großer der Branche wie Novartis, Sanofi-Aventis oder Glaxo Smith Kline aus der Deckung gewagt, sondern, mit der Hilfe von gleich drei Banken, ein deutsches Familienunternehmen. Weil der Familie des Gründers mehr als 70 Prozent der Anteile gehören, ist Merck selbst vor einer Übernahme geschützt, auch wenn sein eigenes Pharmageschäft in den vergangenen Jahren nur wenig glänzen konnte. Die Eigentümerkonstruktion verleiht Merck große Stabilität.

Die Übernahme von Schering wird allerdings nur möglich, weil das Unternehmen in seinem Spezialchemiegeschäft derzeit gut aufgestellt ist: Merck ist mit Abstand Marktführer beim Angebot von Flüssigkristallen für Flachbildschirme. Der Aktienkurs hat in der jüngeren Vergangenheit mit einem Feuerwerk reagiert. Im Vergleich dazu wirkte das Schering-Papier wie ein angeschlagener Boxer.

Nur wenig Überschneidungen

Die Hochstimmung der Börse über den Vorstoß von Merck sagt allerdings noch nichts darüber aus, ob ein Zusammenschluß sinnvoll wäre und ob die Hoffnung auf einen höheren Preis überhaupt gerechtfertigt ist. Bei der Beurteilung dieser Fragen kommt es auf die Perspektive an.

Für Merck wäre der Kauf von Schering unter allen Gesichtspunkten sinnvoll. Endlich bekommt das Unternehmen in seinem Pharmageschäft einen vernünftigen Zugang zum amerikanischen und zum japanischen Markt. Die Pharmasparte von Merck wäre langfristig viel zu klein, um im Geschäft mit innovativen Medikamenten bestehen zu können. Das würde sich mit Schering ändern. Produktpaletten und Forschungsarbeiten von Merck und Schering ergänzen sich ideal, es gibt nur wenige Überschneidungen.

Zudem wäre das Unternehmen noch nicht so groß, daß Merck seinen Charakter als überschaubares Familienunternehmen verlieren würde. Die kulturellen Schwierigkeiten bei der Integration von Schering dürften sich in Grenzen halten. Alles wirkt aus Sicht von Merck so überzeugend, daß es nicht verblüffen würde, sollte Merck diese Übernahme im Zweifel auch gegen den Widerstand des Schering-Managements durchziehen.

Schering will allein bleiben

Aus der Sicht von Schering stellt sich die Lage anders dar. Das Unternehmen ist schon heute in den Vereinigten Staaten und in Japan vertreten. Merck hilft da nicht. Und zu einem Mischkonzern mit Pharma und Chemie unter einem Dach wollte man nie werden. Der Vorstand fühlt sich stark genug, um aus eigener Kraft auf dem Markt bestehen zu können, allen tatsächlichen oder vermeintlichen Rückschlägen aus der Forschung zum Trotz.

Die Pharmasparte von Merck, bei der vor allem das Darmkrebsmedikament Erbitux glänzt, wird nicht als Verstärkung für das eigene Geschäft verstanden. Man will auch nach keinem Weißen Ritter suchen, der mit einem Gegenangebot Merck vom Zugriff auf Schering abhalten könnte. Schering will einfach nur allein bleiben. Ob der Wille allein aber reicht? Schering kommt gemeinsam mit Merck strategisch zwar kaum voran, Merck im umgekehrten Fall mit Schering aber sehr wohl.

Die Chancen für Merck stehen nicht schlecht

Die Schering-Aktionäre haben ein gutes Angebot auf dem Tisch liegen, das ihnen schon einen kräftigen Kurszuwachs beschert hat. Sie werden sich überlegen, wie es noch besser kommen könnte. Warum sollte sich jetzt noch ein Dritter für Schering zu einem hohen Preis interessieren, wenn das Unternehmen zuvor schon billiger nicht attraktiver war?

Die Chancen für Merck stehen also nicht schlecht, zumal mit der Berufung des Lufthansa-Finanzvorstands Karl-Ludwig Kley zum potentiellen Nachfolger für den derzeitigen Merck-Chef Michael Römer auch schon das Problem des Generationswechsels in der Merck-Geschäftsleitung geklärt zu sein scheint.

Alles das muß Schering, die Mitarbeiter und die Berliner nicht grämen. Den Standort Berlin hat Merck schon garantiert. Die Mitarbeiter würden künftig in einem Unternehmen arbeiten, das von seinen jetzigen Beschäftigten geschätzt wird. Und das Unternehmen Schering selbst stünde in Kombination mit Merck gewiß nicht schlechter da als vorher, aber eben nicht so gut, wie es mit einem noch größeren Partner dastehen könnte. Nur: den will man ja sowieso nicht. Und allein zu bleiben ist heute keine Option mehr.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2006
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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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