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Pharma In der deutschen Pharmaindustrie liegen die Nerven blank

12.10.2004 ·  In der deutschen Pharmaindustrie hat die Ungewißheit über künftige Belastungen durch gesundheitspolitische Eingriffe wieder deutlich zugenommen. Es tobt ein Krieg der Lobbyisten.

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In der deutschen Pharmaindustrie hat die Ungewißheit über künftige Belastungen durch gesundheitspolitische Eingriffe wieder deutlich zugenommen. Es tobt ein Krieg der Lobbyisten. Forschende Pharmahersteller und Produzenten von Nachahmerpräparaten (Generika) kämpfen an verschiedenen Fronten gegeneinander. Auch die Stimmung zwischen den forschenden Arzneimittelherstellern ist schlecht. Der Grund ist der geplante Ersatz des Zwangsrabatts durch sogenannte Festbetragsgruppen.

Der derzeitige pauschale Abschlag von 16 Prozent auf den Preis für Medikamente, für die zuvor eine freie Preisbildung möglich war, wird auf diesem Weg durch Einzelfallregelungen ersetzt. Wegen der Planbarkeit war manchem Pharmaunternehmen der verhaßte Zwangsrabatt aber sogar lieber als die künftige Regelung, die ihrer Ansicht nach der Willkür durch das zuständige Expertengremium, das die Festbetragsgruppen festlegt, Tür und Tor öffnet.

Und hinter vorgehaltener Hand befürchten die Unternehmen sogar, daß die Festbetragsgruppen letztlich doch nicht dazu führen, daß der Zwangsrabatt für diese Medikamente abgeschafft und für alle anderen tatsächlich wieder auf 6 Prozent zurückgeführt wird - was nach Ansicht mancher Analysten im Saldo sogar zu einer Entlastung der Branche führen könnte. "Es ist gut möglich, daß mit den neuen Regelungen die gewünschten Einspareffekte nicht erzielt werden. Und es wäre in unserer Branche nicht das erste Mal, wenn Zusagen der Politik deshalb nicht eingehalten würden", sagt der Sprecher eines großen deutschen Pharmaunternehmens.

In die Festbetragsgruppen können Generika ebenso einsortiert werden wie patentgeschützte Arzneimittel, die vermeintlich keinen therapeutischen Zusatznutzen stiften. Um die Zuordnung zu diesen Gruppen ist ein heftiger Streit mit der Politik entbrannt. Einige Entscheidungen wurden schon getroffen. Und deshalb werfen manche forschende Pharmahersteller nun anderen vor, nicht mehr vehement genug gegen die Festbetragsgruppen zu kämpfen, weil sie auf den ersten Blick glimpflich davongekommen seien. "Eine solche Vorgehensweise ist aber kurzsichtig. Sind die patentgeschützten Arzneimittel erst in einer Gruppe mit Generika zusammengefaßt, ist es danach einfach möglich, über einen zunehmenden Preisdruck auf die Generikahersteller die Preise auch für patentgeschützte Arzneimittel ein weiteres Mal zu drücken", klagt ein hochrangiger deutscher Pharmamanager. Und es gebe erste Indizien dafür, daß der Druck auf die Generikahersteller zunehme. Das hatte die forschende Pharmaindustrie eigentlich lange gefordert, nun muß sie aber beachten, daß sie innerhalb der Festbetragsgruppen von solchen Preissenkungen ebenfalls betroffen sein kann.

Zu den Unternehmen, die durch die Festbetragsgruppe zumindest zunächst keine höheren Belastungen zu erwarten haben als bisher, zählt der Bad Homburger Konzern Altana mit seinem wichtigsten Produkt, dem Magenmedikament Pantoprazol. Hier sieht der bisherige Vorschlag eine Absenkung des Preises um 13 Prozent vor, was sogar unter der Belastung durch den bisherigen Zwangsrabatt von 16 Prozent liegt. "Seitdem ist Altana-Vorstandschef Nikolaus Schweickart mit seiner Kritik sehr viel zurückhaltender geworden", ist in der Branche zu hören.

Altana hingegen sieht die Dinge aus zwei Perspektiven und deshalb etwas anders: Für den Kapitalmarkt sei die Aussage wichtig, daß die Belastung im Vergleich zum bisherigen Zwangsrabatt nicht höher ausfalle. Das ändere aber nichts an der Tatsache, daß man die Festbetragsgruppen grundsätzlich für das falsche Instrument halte. Gleichwohl fällt die Kritik bei der deutschen Tochtergesellschaft des amerikanischen Pharmakonzerns Pfizer sehr viel härter aus. Das Unternehmen kämpft mit allen Mitteln darum, daß sein Cholesterinsenker Sortis, der in großen Teilen der Welt unter dem Namen Lipitor bekannt und das umsatzstärkste Medikament des Konzerns ist, nicht in eine Festbetragsgruppe mit Generika einsortiert wird. Pfizer will deshalb den möglichen Umsatzverlust, der von Fachleuten auf rund 130 Millionen Euro beziffert wird, auch auf Nachfrage nicht nennen. "Der Grund dafür ist ganz einfach: Wir wollen aus der Gruppe wieder heraus", sagt eine Unternehmenssprecherin.

Sortis besitze nachweislich eine deutlich bessere Wirkung als andere Medikamente, die in der Festbetragsgruppe enthalten seien. Die Berechnung des - niedrigen - Festbetrags hänge aber von den Preisen dieser älteren und nach Ansicht von Pfizer weniger wirksamen Präparate ab. Auch vergißt Pfizer den Hinweis nicht, daß der heutige Herstellerabgabepreis von Sortis in Deutschland lediglich bei der Hälfte des Preises liege, den Pfizer in den Vereinigten Staaten erzielen könne.

Die ersten Festbetragsgruppen wurden inzwischen für Medikamente gebildet, die besonders häufig verordnet werden. Betroffen sind Magenmittel auf der Basis säurehemmender Wirkstoffe (wie eben Pantoprazol von Altana), Blutfettsenker aus der Gruppe der Statine (wie Sortis), bestimmte Blutdrucksenker und Migränemittel aus der Wirkstoffgruppe der Triptane. Diese vier Medikamentengruppen (von denen nur die ersten beiden sogenannte Jumbo-Gruppen sind, in denen auch Generika enthalten sein werden) sollen die Krankenkassen im kommenden Jahr um rund 350 Millionen Euro entlasten. Über weitere Festbetragsgruppen wird diskutiert; kein Unternehmen kann sich sicher sein, mit seinen Medikamenten, die bisher nicht von den Regeln betroffen sind, künftig nicht ebenfalls mit einbezogen zu werden. Denn die Kassen streben insgesamt ein Sparvolumen von 1 Milliarde Euro an.

Die Befürchtung, daß es dabei nicht bleibt, hat ihren Grund in einer einfachen Rechnung: Der derzeit gültige Zwangsrabatt bringt jährlich 1,6 Milliarden Euro in die Kassen der Kassen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2004, Nr. 239 / Seite 14
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