24.06.2005 · Hoffnung für 40 Millionen Aids-Kranke: Der Pharma-Konzern Boehringer Ingelheim erhält die Zulassung für ein wichtiges neues Medikament in Amerika. Auch in Europa könnte das Präparat noch in diesem Jahr auf den Markt kommen.
Von Carsten KnopFür Aids-Kranke gibt es neue Hoffnung. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat das Aids-Medikament Aptivus des größten deutschen Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim zugelassen. Aptivus ist ein Hoffnungsträger des Konzerns, auch wenn das Unternehmen zum Marktpotential für das Präparat noch keine genaue Prognose abgeben will.
Das Medikament wird für die Behandlung von Patienten eingesetzt, die auf andere Präparate gegen die tödliche Immunschwächekrankheit nicht mehr ansprechen, also resistent geworden sind. Das führt dazu, daß Aptivus derzeit vor allem in Industrieländern gebraucht wird. Bei Menschen, die noch nie oder nicht ausreichend mit sogenannten antiretroviralen Medikamenten behandelt wurden und gegen solche noch nicht resistent sind, wird Aptivus nicht eingesetzt werden.
„Sehr hohe“ Entwicklungskosten
„Zum Beginn einer Neueinführung ist es sehr schwierig, akkurate Umsatzprognosen abzugeben. Denn erst mit der Zulassung wird die endgültige Indikation für ein Präparat festgelegt, die dann einen Einfluß auf die Anzahl der Patienten hat, die mit dem Präparat behandelt werden können“, sagte Andreas Barner, der in der Unternehmensleitung von Boehringer Ingelheim für das Pharmageschäft zuständig ist, der F.A.Z.. Auch der Preis für das im Jahr 2000 aus der Forschung des Wettbewerbers Pharmacia übernommene (einlizenzierte) Medikament sei noch nicht festgelegt.
Allerdings seien die Entwicklungskosten „sehr hoch“ gewesen, womit Barner andeutet, daß der Preis für Aptivus nicht niedrig sein wird. Boehringer hat mit Viramune, das 2004 für einen Umsatz von 282 Millionen Euro gesorgt hat, schon seit 1996 ein Aids-Medikament auf dem Markt. Aptivus ist das zweite Aids-Präparat des Konzerns und soll ohne einen Partner vertrieben werden.
Wirkungsvoller Protease-Hemmer
Mit Blick auf das Marktpotential von Aptivus lasse sich nur sagen, wie viele Menschen zum Beispiel in den Vereinigten Staaten mit einem resistenten Virus leben. Rund 1,1 Millionen Patienten haben dort Aids. Von den behandelten Patienten sind nach unabhängigen Studien rund 76 Prozent gegen mindestens ein antiretrovirales Medikament resistent. 41 Prozent zeigen Resistenzen gegenüber der Substanzklasse der Protease-Inhibitoren, zu denen Aptivus gehört.
Aptivus ist allerdings ein neuer, sehr wirkungsvoller Protease-Hemmer, der in klinischen Versuchen gezeigt hat, daß er bei Patienten mit resistentem Aids-Virus besonders gut und sogar signifikant besser wirkt als derzeit verfügbare andere Präparate dieser Wirkungsklasse. „Es sprechen mehr Patienten mit resistentem Virus auf Aptivus an als bei vergleichbaren Präparaten“, sagt Barner. Dafür scheine die „einzigartige chemische Struktur“ verantwortlich zu sein.
Schlechte Perspektiven in Afrika
Schätzungen zufolge leiden derzeit 39,6 Millionen Menschen an Aids, mehr als 25 Millionen davon in Afrika. Die Zunahme der Infektionsrate ist von Region zu Region unterschiedlich. In Ostasien zum Beispiel gab es in den vergangenen beiden Jahren eine Zunahme von 50 Prozent, in Osteuropa betrug diese Rate 40 Prozent. Während sich die Lebenserwartung und die Lebensqualität für Infizierte in den westlichen Industrieländern deutlich gebessert haben, sind die Perspektiven von Aids-Kranken in den meisten afrikanischen Ländern immer noch schlecht.
Wo eine medizinische Versorgung oft ein Privileg weniger ist, bleibt eine lebenslange antiretrovirale Therapie für Millionen von Menschen unbezahlbar. In Deutschland und anderen Industrieländern ist allerdings auch die Zunahme bei den Erkrankungen bei weitem nicht so dramatisch. Boehringer Ingelheim geht davon aus, daß in Deutschland 44.000 Menschen an Aids leiden, darunter 34.500 Männer und 9500 Frauen. Nach den Worten von Barner wird Aptivus noch im Juli in den Vereinigten Staaten eingeführt. Im vergangenen Oktober hat Boehringer die Zulassung auch bei der Europäischen Zulassungsbehörde Emea beantragt.
Neuentwicklungen bleiben wichtig
„Wir rechnen mit einer Entscheidung in der zweiten Hälfte dieses Jahres“, sagte Barner. Rund um den Aptivus-Wirkstoff Tipranavir gebe es ein umfangreiches Studienprogramm, das über Jahre gehen wird. „Wir gehen derzeit aber nicht davon aus, daß weitere Studien die Markteinführung verzögern werden.“ Auch aus der Forschungspipeline von Wettbewerbern seien in der näheren Zukunft keine Produkte zu erwarten, die das Marktpotential von Aptivus schmälern könnten.
Inwieweit ein Präparat des amerikanischen Pharmakonzerns Johnson & Johnson Konkurrenz zu Aptivus sei, werde sich in den für dieses Medikament noch ausstehenden Studien der klinischen Phase III herausstellen. Boehringer seinerseits habe weitere Aids-Medikamente in der präklinischen und klinischen Forschung. „Und wir sind offen für weitere Einlizenzierungen“, sagt Barner. Die Neuentwicklungen bleiben wichtig. Denn an Aids sind bisher rund 27 Millionen Menschen gestorben.
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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