16.01.2004 · In der europäischen Pharmaindustrie werden Zusammenschlüsse großer Konzerne erwartet. Diese Gerüchte halten die Anleger an den Börsen in Atem. So bereitet die Novartis AG, Basel, angeblich ein Übernahmeangebot für die Berliner Schering AG vor.
In der europäischen Pharmaindustrie werden Zusammenschlüsse großer Konzerne erwartet. So bereitet die Novartis AG, Basel, angeblich ein Übernahmeangebot für die Berliner Schering AG vor. Der Kurs der Schering-Aktie legte daraufhin deutlich zu und gewann im Verlauf rund 4 Prozent. Gleichzeitig war das Gerücht aufgekommen, der amerikanische Konzern Procter & Gamble (P&G) wolle für den deutsch-französischen Pharmakonzern Aventis SA, Straßburg, bieten. Schon Anfang Dezember vergangenen Jahres hatte es geheißen, es sei auch ein Zusammenschluß der beiden Unternehmen Sanofi-Synthelabo und Aventis vorstellbar. Auch die Spekulationen über dieses Geschäft verdichteten sich jetzt wieder. Aventis-Aktien legten vor diesem Hintergrund im Verlauf 3,75 Prozent zu, während Sanofi-Aktien rund 4,4 Prozent kletterten.
Novartis wollte die Marktgerüchte zur Schering-Übernahme nicht kommentieren. Ein Unternehmenssprecher sagte, damit würden die von Börsenhändlern gemachten Angaben weder dementiert noch bestätigt. Schering kommentierte die Gerüchte ebenfalls nicht. Schering und Novartis arbeiten bei der Entwicklung eines Mittels gegen Dickdarmkrebs zusammen. Früheren Angaben zufolge befindet sich das Mittel in der Phase III der klinischen Tests. Nach Ansicht von Branchenbeobachtern lassen sich für die beiden Konzerne an erster Stelle im Onkologiebereich Synergieeffekte erzielen.
Hintergrund der Gedankenspiele um Aventis und das französische Unternehmen Sanofi-Synthelabo ist, daß der Kosmetikkonzern L'Oréal und der Ölkonzern Total entschieden hatten, ihren Anteilspakt bei Sanofi nicht zu erneuern, wenn er Ende dieses Jahres ausläuft. Darin ist vorgesehen, daß Total nicht weniger Anteile an Sanofi halten darf als L'Oréal. Damit könnten beide Unternehmen ihre Anteile von 2005 an verkaufen. Da die beiden Hauptaktionäre 44 Prozent des Kapitals von Sanofi besitzen, mußte Sanofi-Chef Jean-Francois Dehecq bislang keine feindliche Übernahme fürchten. Als aktive Antwort auf die neue Situation läge die Fusion mit einem selbstgewählten Partner nahe. Vor einem Jahr hatte Dehecq in diesem Zusammenhang Aventis ins Spiel gebracht, als er in einem Zeitungsgespräch sagte: "Wir werden möglicherweise eines Tages etwas mit Aventis machen." Durch eine solche Fusion würde ein Konzern mit einer Marktkapitalisierung von rund 100 Milliarden Dollar und einer starken Position am Weltmarkt entstehen, der derzeit von Branchenriesen wie Pfizer und Glaxo Smith Kline (GSK) dominiert wird (siehe Tabelle).
Ob Aventis und Sanofi zusammenpassen, bleibt umstritten, auch wenn neuere Studien von Finanzanalysten eine Fusion positiv bewerten. "Alles deutet darauf hin, daß sich Aventis auf eine Fusion im Jahr 2004 vorbereitet", hatte ein beim Unternehmen tätiger Vertreter der Gewerkschaft CGT Anfang Dezember vergangenen Jahres gesagt. Dabei hatte der Gewerkschafter die Absicht der Aventis-Geschäftsführung im Blick, Kosten einzusparen und Aventis konsequenter auf das Kerngeschäft auszurichten. Aventis leidet unter einem Bewertungsabschlag gegenüber seinen wichtigsten Konkurrenten.
Bekannt ist, daß die zehn größten Unternehmen der Pharmabranche ihre heutige Position bis auf die Ausnahmefälle nur durch Zukäufe anderer Gesellschaften erreicht haben. Gleichwohl ist die Pharmabranche noch immer recht fragmentiert, auch wenn die zehn größten Unternehmen inzwischen rund 40 Prozent des gesamten Umsatzes auf sich vereinen. Daß schon eine erhebliche Marktbereinigung stattgefunden hat, zeigt sich auch daran, daß dieser Wert vor zwei Jahrzehnten bei lediglich 25 Prozent gelegen hat. Blickt man auf die Entwicklung der Marktanteile in den vergangenen zwanzig Jahren, haben von diesen Fusionen nur wenige Unternehmen profitieren können. So haben vor allem GSK und Astra Zeneca nach ihren jeweiligen Zusammenschlüssen Boden gutgemacht. Grundsätzlich gilt, daß durch die Fokussierung auf das reine Pharmageschäft und die Realisierung von Größenvorteilen die Gewinne gesteigert werden konnten, die angestrebte Verbesserung der Produktivität in der Forschung aber ausgeblieben ist.
Die vergangenen Jahre haben dem Pharmamarkt neben der Konsolidierung unter den großen Unternehmen auch einen Anstieg in der Zahl der Kassenschlagermedikamente, der sogenannten "Blockbuster", gebracht, mit denen ein Jahresumsatz von mehr als 1 Milliarde Dollar gemacht wird und die Bruttomargen bis zu 80 Prozent erzielen können. Doch steigt in der Pharmaindustrie der Forschungsaufwand bei sinkenden Erfolgsquoten. Die Entwicklung potentieller Blockbuster wird unattraktiver, denn der Zeitraum, in dem ein Medikament exklusiv vermarktet werden kann, wird immer kürzer. Zum Beispiel sind bei Sanofi-Synthelabo Schätzungen zufolge 40 Prozent des im Jahr 2006 erwarteten Umsatzes durch Nachahmerpräparate (Generika) bedroht (siehe Grafik). Die Kosten für ein erfolgreich am Markt eingeführtes Medikament sind dagegen in jüngster Zeit stark gestiegen und liegen nach den neuesten Daten der Unternehmensberatung Bain & Company im Durchschnitt der Jahre 2000 bis 2002 bei 1,7 Milliarden Dollar.
Nach Ansicht von Bain erhöht aber nicht Größe, sondern die Fokussierung auf Kernkompetenzen die Erfolgsquote, die notwendig ist, um angesichts dieser Kosten noch attraktive Renditen zu erzielen. Als Vorbilder werden Genentech (auf dem Gebiet der Biotechnologie) und Vertex (beim strukturierten Arzneimitteldesign) aufgezählt. Beide Unternehmen hätten sich auf bestimmte Technologien spezialisiert. Zum anderen wird die Möglichkeit genannt, sich auf Therapiegebiete oder Patientengruppen zu konzentrieren, wie es etwa Novo Nordisk (Diabetes) oder aber auch Schering (Empfängnisverhütung) gelinge. Darüber hinaus empfiehlt Bain & Company den Pharmaunternehmen, verstärkte Partnerschaften, nicht aber Fusionen einzugehen, zum einen, um unterschiedliche Kernkompetenzen zu bündeln, zum anderen, um das Risiko auf mehreren Schultern zu verteilen. (Kno.)
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,78 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.429,70 | −1,20% |
| EUR/USD | 1,2389 | −0,80% |
| Rohöl Brent Crude | 103,55 $ | −3,09% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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