30.05.2008 · Die Pharmaindustrie stellt beim Branchentreffen in Chicago neue Testergebnisse vor. Zwar kommen die Erfolge bei der Bekämpfung der Krankheit nur in kleinen Schritten. Krebsmedikamente sind dennoch ein lukratives und wachstumsstarkes Geschäft.
Von Roland Lindner und Michael PsottaDie Tage als Nischenveranstaltung sind endgültig gezählt: Am Samstag beginnt in Chicago der Jahreskongress der American Society of Clinical Oncology (Asco), der größten Organisation des Landes für Krebsmediziner. Bis vor wenigen Jahren galt der Asco-Kongress vor allem als Forum für Biotechnologiespezialisten, die ihren Schwerpunkt auf der Behandlung von Krebserkrankungen hatten und bei der Tagung Studiendaten präsentierten. Die diesjährige Veranstaltung ist ein Gipfeltreffen der gesamten internationalen Arzneimittelbranche.
Mit besonderen Hoffnungen ist die deutsche Merck KGaA nach Chicago gereist. In ihrem Gepäck sind neue Studiendaten über das Krebsmedikament Erbitux, das zu den Hoffnungsträgern des Darmstädter Konzerns gehört. Je nachdem, wie die Studienergebnisse von der internationalen Fachwelt interpretiert werden, könnte sich der erhoffte Weg zum Kassenschlager mit einem Umsatz von mehreren Milliarden Euro im Jahr erheblich abkürzen.
Verzweifelte Suche nach neuen Umsatzquellen
Arzneimittel zur Behandlung von Krebs gehören zu den wachstumsträchtigsten Märkten der Branche. Zwar gibt es weiterhin kein Mittel, das diese Krankheit besiegen kann. Derzeit sind lediglich Krebsmedikamente am Markt, die den Verlauf der Krankheit verlängern und die Folgen mildern. Doch auch um kleinere Fortschritte wird auf der ganzen Welt intensiv geforscht - ein Hoffnungszeichen für Patienten genauso wie für die Pharmaindustrie. Das Marktforschungsinstitut IMS Health erwartet, dass der Weltmarkt für Krebsmedikamente in den nächsten Jahren um jeweils 12 bis 15 Prozent wächst - und damit etwa doppelt so schnell wie der gesamte Pharmamarkt. Im Jahr 2012 wird der Umsatz mit Krebsmitteln nach Schätzung von IMS bei 75 Milliarden bis 80 Milliarden Dollar liegen, gegenüber 48 Milliarden Dollar im laufenden Jahr.
Diese Aussichten sind verlockend für die großen Pharmaunternehmen, denn viele von ihnen suchen derzeit geradezu verzweifelt nach neuen Umsatzquellen. Die Branche steht wegen Patentabläufen und Rückschlägen in der Forschung unter Handlungsdruck: Viele wichtige Umsatzträger haben in jüngster Zeit ihren Patentschutz verloren und müssen sich mit der Konkurrenz billiger Nachahmermedikamente (Generika) auseinandersetzen. Auf der anderen Seite kommt zu wenig Nachschub aus der Forschung, um diese Einbußen auszugleichen.
Sprunghafte Umsätze mit Krebsmitteln
Ein Paradebeispiel ist der weltgrößte Pharmakonzern Pfizer: Das Unternehmen wird womöglich schon im Jahr 2010 den Patentschutz für den Cholesterinsenker Lipitor verlieren. Lipitor ist das umsatzstärkste Medikament der Welt und brachte im vergangenen Jahr 12,7 Milliarden Dollar ein. Pfizer hat große Schwierigkeiten, die drohende Lücke zu füllen: Ein möglicher Nachfolger von Lipitor scheiterte noch vor der Markteinführung, weil es Sorgen um schwerwiegende Nebenwirkungen gab. Ein anderer Hoffnungsträger, das Inhalationsinsulin Exubera, fiel bei den Patienten durch und wurde wieder vom Markt genommen.
Viele etablierte Pharmakonzerne wie Pfizer mussten zuletzt zusehen, wie kleinere Spezialisten Erfolge mit neuen Produkten landeten, insbesondere im Bereich Krebs. Eines der erfolgreichsten Medikamente der vergangenen Jahre ist das Krebsmittel Avastin des amerikanischen Biotechnologieunternehmens Genentech, das mehrheitlich zum Schweizer Roche-Konzern gehört, aber weitgehend unabhängig von der Muttergesellschaft arbeitet. Avastin war im Jahr 2003 der Star des Asco-Kongresses, das Mittel bedeutete einen Durchbruch für eine ganz neue Klasse von Krebsmedikamenten, die Tumore aushungert. Avastin konnte sich nach der positiven Resonanz auf der Tagung schnell am Markt etablieren und baute seine Umsätze sprunghaft aus. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz mit Avastin bei 2,3 Milliarden Dollar.
Merck will Erfolg nachahmen
Diesen Erfolg will die deutsche Merck jetzt mit Erbitux nachahmen - und damit ein mindestens gleichwertiges Konkurrenzprodukt zu Avastin aufbauen. Erbitux ist ein vom amerikanischen Biotechnologieunternehmen Imclone entwickeltes Krebsmedikament, das außerhalb Nordamerikas von der deutschen Merck KGaA vermarktet wird. Das Präparat brachte Merck im vergangenen Jahr bereits einen Umsatz von 470 Millionen Euro und damit 40 Prozent mehr als im Vorjahr ein.
Solchen Erfolgen wollen nun andere Pharmaunternehmen nacheifern. Pfizer zum Beispiel hat in den vergangenen Jahren massiv in die Krebsforschung investiert. In Chicago will das Unternehmen nun Studienergebnisse zu zehn verschiedenen Wirkstoffen präsentieren. Pfizer hat bereits mit dem noch jungen Krebsmedikament Sutent einen Erfolg gelandet, das im vergangenen Jahr einen Umsatz von 581 Millionen Dollar eingebracht hat. Sutent wird zur Behandlung bestimmter Formen von Nieren- und Magenkrebs eingesetzt, allerdings testet Pfizer das Mittel auch für andere Krebsformen und will bei dem Kongress Testdaten vorstellen.
Neue Wirkstoffe stehen nicht im Mittelpunkt
Das Potential zum Einsatz bei verschiedenen Krebsformen macht die Medikamente für ihre Hersteller besonders attraktiv: Auch Avastin und Erbitux haben ihren Markt seit der Einführung schrittweise ausgeweitet. Erbitux wird derzeit zur Behandlung von Darm- sowie Kopf- und Halskrebs eingesetzt. Merck will in Chicago mit Testergebnissen zeigen, dass das Mittel auch Patienten mit Lungenkrebs hilft. Allgemein stehen auf dem diesjährigen Kongress keine völlig neuen Wirkstoffe im Vordergrund, sondern bereits erhältliche Medikamente, deren Anwendungsgebiete ausgeweitet werden sollen.
Auch erfolgreiche neue Krebsmedikamente versprechen den Patienten indessen keine Heilung. Die Wirksamkeit der Medikamente wird in der Regel daran gemessen, ob sie das Leben von Patienten verlängern oder das Wachstum eines Tumors vorübergehend stoppen. Es gilt bereits als großer Erfolg, wenn ein Medikament das Fortschreiten der Krankheit um wenige Monate verzögert. Das ist der Fall bei dem Mittel RAD001 des Schweizer Pharmakonzerns Novartis, das als eine der aussichtsreichsten Neuheiten in Chicago gehandelt wird. Novartis wird Testergebnisse vorstellen, wonach das Mittel bei Nierenkrebspatienten das Wachstum eines Tumors für vier Monate gestoppt hat, während es bei einem wirkstofffreien Placebo zwei Monate waren. Der Erfolg bei der Bekämpfung von Krebs kommt also nur in kleinen Schritten.
Michael Psotta Jahrgang 1957, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung.
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