19.10.2003 · Pfizer-Chef Henry McKinnel lenkt den größten Pharmakonzern der Welt. Er berät Präsident George W. Bush und verspricht Viagra für die Frau. Ein Porträt.
Von Georg MeckUlla Schmidt will nicht mit ihm reden. Auch gut. Spricht er eben mit dem Superminister. Der habe eh das "breitere Verständnis", sagt Henry McKinnell mit unterkühltem Lächeln und Schalk im Blick. Also trifft sich der Pfizer-Chef mit Wolfgang Clement am Berliner Gendarmenmarkt zum "informellen Mittagessen", erklärt ihm, wie die deutsche Wirtschaft in Schwung kommt und das Gesundheitssystem besser zu organisieren sei.
Von Amerika lernen heißt effizienter werden, heißt Wohlstand und Volksgesundheit mehren, das ist die Botschaft, mit der Henry McKinnell vorige Woche durch Europa reiste. Bei Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi hat er vorgesprochen. Auch die französische Regierung hat er besucht, der forsche Handlungsreisende aus New York: Henry McKinnell, genannt Hank, Sohn eines kanadischen Schiffskapitäns, seit drei Jahrzehnten Manager bei Pfizer. Er ist der Mann, der die Pillenfabrik zum größten, mächtigsten und, das mag er an sich besonders, profitabelsten Pharmakonzern der Welt gemacht hat. 46 Milliarden Dollar Umsatz, 133000 Angestellte, 165 Millionen Patienten, die jeden Tag mit einem Pfizer-Arzneimittel behandelt werden.
Der vehemente Lautsprecher
"Dank Hank ist Pfizer die Nummer eins in der Welt", sagt Walter Köbele, Pfizer-Chef in Deutschland. Auf 6000 Angestellte und 2 Milliarden Euro Umsatz bringt es das Unternehmen hierzulande - und ist damit nur ein Zwerg im Reich des Henry McKinnell. Der ist angetreten, Pfizer zum wertvollsten Konzern an den Weltbörsen zu machen. Nur fünf Unternehmen liegen da momentan noch vor ihm: Microsoft, General Electric, Wal Mart Stores, Exxon Mobil und die Citigroup.
Die Hälfte des Monats verbringe er in Hotels, erzählt der drahtige Manager, der früher Triathlon und Marathon betrieben hat und auch noch jetzt, mit 60 Jahren, gewissenhaft auf seine Fitneß achtet. "Das muß ich schon von Berufs wegen." Schließlich ist er im Namen der Gesundheit unterwegs. Streitet sich die Industrie mit der Dritten Welt um den Patenschutz (und somit hohe Preise) für Medikamente, pokert die WTO um die Liberalisierung des Handels, werden irgendwo die Kosten für das Gesundheitswesen zusammengestrichen - stets ist es McKinnell, der neben dem eigenen Geschäft die Interessen der Branche vertritt. Und zwar so vehement, daß er selbst im eigenen Lager als Lautsprecher kritisiert wird.
"Neue Medikamente fallen nicht von den Bäumen“
McKinnell sei "ein bißchen sehr amerikanisch", urteilen die deutschen Wettbewerber über den Mann, der das Mehrfache eines deutschen Vorstandsvorsitzenden verdient, dessen Reiserouten so geheimgehalten werden wie bei einem gekrönten Staatsoberhaupt und der abgesehen von seinem distinguierten Auftreten gar nichts Diplomatisches an sich hat. "Soll ich mich für meine Gewinne entschuldigen?" fragt er, wenn ihm mal wieder überbordender Offensivgeist vorgehalten wird.
Natürlich verlangt niemand von ihm, sein Geschäft schlecht zu reden. Auch wenn zerknirschte Demut hin und wieder ganz klug wäre für die gesellschaftliche Debatte. Nützlicher jedenfalls als seine Sprüche vom "profitabelsten Hersteller der Welt" und seine Versprechen von "zweistelligen Gewinnsprüngen". Das lieben Analysten und Aktionäre. Nicht aber die breite Öffentlichkeit, auch nicht die Ulla Schmidts und ihre politischen Helfershelfer. Für die sind Profite mit den Krankheiten von Menschen per se anstößig. Erst recht, wenn die Marge so hoch ist wie im Falle Pfizers, wo knapp ein Drittel des Umsatzes als Gewinn übrigbleibt.
Wer das anprangert, dem hält McKinnell einen Grundkurs in Sachen Marktwirtschaft. Pharma sei ein "Hoch-Risiko-Geschäft": Hohes Wagnis, hohe Profite - ansonsten kein medizinischer Fortschritt. "Neue Medikamente fallen nicht von den Bäumen. Der Fortschritt kommt nicht von der Politik, nicht von der Bürokratie, sondern aus unseren Labors." Und die kosten Geld. 7 Milliarden Dollar gibt McKinnell dieses Jahr für seine Forscher aus, mehr als 25 Millionen Dollar an jedem Arbeitstag. Tausende Substanzen müssen getestet werden, ehe eine zum Erfolg führt. 20 potentielle Bestseller hat McKinnell momentan in der Pipeline. Präparate mit dem Zeug zum Blockbuster - das heißt: zu einer Milliarde Umsatz pro Jahr.
"Europa hat seine Pharmaindustrie zerstört"
Was passiert, wenn die Industrie daran gehindert wird, anständige Gewinne zu machen, das sei in Europa zu besichtigen, spottet McKinnell. "Die Politik hat die Pharmaindustrie zerstört." Deutschland war mal die Apotheke der Welt. "Ich erinnere mich noch daran, da ich 30 Jahre im Geschäft bin. Die Jüngeren können da nur staunen oder lachen."
Dabei hat McKinnells Konzern deutsche Wurzeln. In Ludwigsburg brachen die Cousins Karl Christian Friedrich Pfizer und Karl Erhart nach Amerika auf und gründeten im Jahr 1848 in Brooklyn das Chemieunternehmen Pfizer & Co. Die Keimzelle für einen Konzern, der durch Erfindungen und Übernahmen wuchs und wucherte. Zeitweise gehörte auch Fischfutter, Rasierer, Süßigkeiten, Getränke zum Sortiment. Spätestens unter McKinnells Regie wurde das alles verkauft. Seine Strategie ist eindeutig: Pharma, nichts als Pharma! Und: Expandieren! Immer weiter!
"Bayer kann nichts, was wir selbst nicht besser können"
Den Konkurrenten Walter-Lambert hat Pfizer im Jahr 2000 für 116 Milliarden Dollar geschluckt. Dieses Jahr wurde der schwedisch-amerikanische Pharmacia-Konzern übernommen. Nun sei erst mal Ruhe, sagt McKinnell. "In nächster Zeit sind keine großen Fusionen zu erwarten." An der Pharmasparte von Bayer, für die in Leverkusen dringend ein Käufer oder zumindest ein Partner gesucht wird, habe er jedenfalls kein Interesse: "Die können nichts, was wir selbst nicht besser können." Und lohnen sollte sich eine Übernahme allemal.
Bei McKinnell ist nicht die Rede vom Zusammenwachsen der Unternehmenskulturen, da gibt es keine konkurrierenden Machtzentren. Pfizer übernimmt das Kommando. Bei Warner-Lambert hatten die Top-Manager kaum Zeit, ihre Schreibtische zu räumen. "Das ging ganz schnell und ohne große Debatten."
Die mächtigste Marketingmaschine der Welt
Da aber selbst ein Konzern von der Größe Pfizers nicht alles selbst erfinden kann und auch nicht jeden Erfinder aufkaufen kann, pflegt McKinnell ein Netz von Kooperationen. Er erwirbt Lizenzen erfolgversprechender Pillen und wirft dann die mächtigste Marketingmaschine der Welt an. "Hervorragende Arbeit" bescheinigt er etwa seinem Partner Altana in Bad Homburg. Dort wird momentan eine Medikament gegen Asthma entwickelt. Eine Milliarde Umsatz verspricht man sich davon - mindestens.
Wer daran wieviel verdient, die deutschen Forscher oder der amerikanische Vertrieb, dazu schweigen beide Seiten. Altana-Chef Nikolaus Schweickart lobt nur die "ausgezeichnete Partnerschaft" mit Pfizer. "Für Altana ist die Kooperation von strategischer Bedeutung." Henry McKinnell sei einer der "profiliertesten CEOs der Branche", sagt Schweickart: "Seine Professionalität schätze ich sehr."
Viagra für die Frau
In den 30 Jahren, die McKinnell bei Pfizer arbeitet, erhielt er regelmäßig Anfragen, wenn irgendwo ein neuer Chef gesucht wurde. Der so Umworbene verzichtete, kletterte Stufe um Stufe bis an die Spitze von Pfizer und sitzt nun nebenbei in allerhand hochkarätigen Gremien. Unter anderem gehört er zur Runde der wirtschaftspolitischen Berater des amerikanischen Präsidenten George W. Bush. Als Person blieb McKinnell außerhalb der Branche trotzdem weitgehend unbekannt. Und auch Pfizer verdankt seine Popularität nicht der Stellung als Marktführer, sondern im wesentlichen einer kleinen blauen Pille: Viagra, das Medikament gegen "erektile Dysfunktion", wie es korrekt heißt.
Vor fünf Jahren kam die Potenzpille auf den Markt und hat als Marke heute schon fast eine Berühmtheit wie Coca-Cola, freut sich McKinnell. In seinen Labors tüfteln sie nun schon an Viagra für die Frau. Mehrere Untersuchungen liefen bereits auf Hochtouren, erklärt Kinnell. "Spätestens in fünf Jahren kommt die Pille auf den Markt."
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,78 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.429,70 | −1,20% |
| EUR/USD | 1,2389 | −0,80% |
| Rohöl Brent Crude | 103,55 $ | −3,09% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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