01.12.2009 · In den Niederlanden machen ein selbstbewusster Zutatenzüchter und ein erfindungsreicher Beleuchtungsunternehmer gemeinsame Sache. Mit neuartigen Lichtquellen sollen besondere Gemüsesorten besser - und umweltfreundlicher - gedeihen.
Von Michael Stabenow, MonsterRob Baan bittet zur Probe. Nur ein paar Blättchen eines kleinen Gewächses mit der exotischen Bezeichnung Sechuan Cress erzeugen zuerst ein elektrisch-prickelndes Gefühl auf der Zunge. Unmittelbar danach erfährt der staunende Besucher, wie es sein kann, wenn einem unwillkürlich das Wasser im Munde zusammenläuft. Baan, ein stämmiger rotblonder Nordholländer mit dazu passendem rötlichen Brillengestell, lächelt zufrieden. Dann erzählt er, wie er Fluggesellschaften das ursprünglich in China und Afrika heimische Produkt schmackhaft machen möchte, um die unangenehmen Folgen der trockenen Kabinenluft zu lindern.
Die ungewöhnliche Gemüseprobe kann weitergehen. Nach den asiatischen Gaumenfreuden nun ein aus Südamerika stammendes würziges, vielleicht gerade ein Zentimeter langes Gürkchen mit dem Namen Pepquiño. Dann ein aus Nordschottland stammendes Blattgewächs mit samtiger Oberfläche namens Vegetarische Auster. Es kommt geschmacklich dem Meeresschalentier tatsächlich nahe.
Gezüchtet werden die kleinen Köstlichkeiten in einem 1,2 Hektar großen Gewächshauskomplex auf der Gemarkung der südholländischen Gemeinde mit dem wenig anheimelnden Ortsnamen Monster. Von hier aus, unweit der Großstädte Den Haag und Rotterdam, beliefert der 2002 von Baan übernommene Betrieb „Koppert Cress“ Restaurants und Delikatessenläden in aller Welt mit rund 20 Mikrogemüsearten. Der jährliche Umsatz mit den als Zutaten für die unterschiedlichsten Gerichte genutzten Pflänzchen schnellte seit der Übernahme des heute 75 Mitarbeiter zählenden Unternehmens durch Baan von zwei auf zehn Millionen Euro empor und ist damit der internationale Branchenprimus. Rund 15 Prozent der Exporte gehen nach Deutschland.
Von grüner Gentechnik hält er nichts
Dem 53 Jahre alten Sohn eines Polizisten aus der Käsemetropole Alkmaar war das kulinarische Metier keineswegs in die Wiege gelegt. Zwei Jahrzehnte tingelte der studierte Agraringenieur für verschiedene Saatguthersteller durch die Welt, ehe er seinen eigenen Betrieb gründete. Seither züchtet er die Pflänzchen, kreuzt sie auf natürliche Weise. Von grüner Gentechnik hält Baan nichts und sagt es ungefragt: „Wir brauchen das nicht, die Natur hat so viel zu bieten.“
Ihn ärgert es, dass das seit Generationen angesammelte Wissen über die wohltuende Wirkung der kleinen Garnituren und Geschmacksstoffe immer mehr in Vergessenheit geraten sei. „Niemand schert sich noch um Geschmack, Farbe und gesundheitliche Wirkung von Nahrung. Wir essen einfach nur“, stellt Baan mit angewidertem Unterton in der Stimme fest. Spitzenköche unter seinen Kunden, darunter den britischen Cuisinier Jamie Oliver, nimmt er von seiner Kritik natürlich aus.
So stolz Mikrogemüsezüchter Baan auf die Qualität seiner Produkte ist, so sehr musste er bisher mit dem Makel leben, dass neben seinem Unternehmen und Feinschmeckern in aller Welt die einheimischen Energiekonzerne Hauptnutznießer der Pflanzenzucht im Gewächshaus sind. Das dürfte sich spätestens dann ändern, wenn Baan seinen Plan verwirklicht hat, einen neuen, dann drei Hektar großen Glasbau in unmittelbarer Nachbarschaft zu errichten. Die Energiekosten, die derzeit rund 800 Euro je Quadratmeter im Jahr betragen, will er so um nicht weniger als 98 Prozent senken. Möglich machen soll es sein Geschäftspartner John Rooymans, der sich selbst als „Erfinder“ bezeichnet und 2005 das auf die Nutzung von Leuchtdioden (LED) spezialisierte Unternehmen Lemnis Lighting gegründet hat.
Klitzekleine rötliche und bläuliche Lämpchen
In einem Winkel des Gewächshauses, das von stromfressenden und den Raum in ein gleißendes Licht werfenden konventionellen Strahlern mit einer Leistung von jeweils 600 Watt nur so strotzt, lässt sich schon ein Blick in die Zukunft werfen. Dort gedeihen die auf einer feuchten Zelluloseschicht ausgesäten Pflänzchen offenbar bestens unter klitzekleinen rötlichen und bläulichen Lämpchen. „Wir haben das Licht neu erfunden“, beantwortet Rooymans zunächst die Frage nach der unter Experten als „Spektrale Leistungsverteilung“ (spectral power distribution) bezeichneten Beleuchtungstechnik.
Dabei kommt es weniger auf die von Messgeräten wahrnehmbare Helligkeit, sondern die Lichtstrahlung in bestimmten Wellenbereichen an. „Die Pflanzen brauchen einfach das richtige Licht“, erläutert Rooymans das Geheimnis. Bei traditionellen Lampen würden in Gewächshäuser 80 Prozent des Lichts – und damit der Energie – sinnlos vergeudet. Seine Lampen nutzten nicht nur das für die Pflanzen wichtige rötliche und bläuliche Farbenspektrum, sondern enthielten im Gegensatz zu anderen Energiesparleuchten kein giftiges Quecksilber. „Mehr sehen mit weniger Licht“, lautet die Devise, der Rooymans nicht nur in Baans neuem Gewächshaus zum Durchbruch verhelfen will. Er gibt aber zu bedenken, dass jede Pflanze andere Lichtverhältnisse bevorzuge. So habe die Technik bei bis zu acht Meter hohen Tomatenstauden zunächst nicht das erhoffte Ergebnis gebracht. „Die Pflanzen wuchsen prächtig, aber vergaßen dabei regelrecht, Früchte zu tragen“, erklärt Rooymans.
Bloß nicht die Kresse liegen lassen
Zu seinen Geschäftspartnern zählen auch um kostengünstigere und wirksamere Straßenbeleuchtung bemühte Gemeinden sowie Privatkunden, die auf die Vorzüge der Technik setzen wollen. Allein 2,5 Millionen Exemplare einer neuartigen, unzerbrechlichen LED-Lampe mit mehrjähriger Betriebsdauer hat Lemnis Lighting, der für Branchenführer Philips ein ernst zu nehmender Konkurrent geworden ist, zum Ladenpreis von 25,99 Euro an die Kunden gebracht. Der jährliche Umsatz seines Unternehmens werde sich in Kürze auf 60 Millionen Euro verdoppelt haben, frohlockt Rooymans.
Auch für Pflanzenzüchter Baan ist die Rechnung schnell aufgemacht. Der Energieverbrauch der wartungsfreien kleinen Leuchten mit einer Lebensdauer von 50.000 Stunden betrage nur ein Zehntel des Konsums der traditionellen Lampen. Für sein neues, 8 Millionen Euro teures, umweltverträgliches, mit Sonnenkollektoren und Wärmetauschern bestücktes Gewächshaus setzt er zudem auf großzügige öffentliche Fördermittel. „Bald werden wir das Unternehmen sein, das, gemessen am Wert seiner Produkte, weltweit die niedrigste Belastung der Umwelt mit Kohlendioxid aufweisen wird“, sagt Baan. Zum Abschied gibt der Zutatenzüchter für den nächsten Besuch in einem Feinschmeckerrestaurant noch einen nützlichen Ratschlag mit auf den Weg: „Wenn Sie sich nicht den Zorn des Kochs zuziehen wollen, dann lassen Sie auf Ihrem Teller unter keinen Umständen die Kresse liegen.“